"Die Vergangenheit ist gegessen“

Ronny Ziesmer (Foto: Bunte Online)
Ronny Ziesmer (Foto: Bunte Online)

Ronny Ziesmer, Spitzensportler, verunglückt beim Training schwer und ist fortan auf den Rollstuhl angewiesen. Wie er das einschneidende Ereignis verarbeitet hat, erzählte er BUNTE Online kurz vor den Paralympics in einem Interview.

Es war eine unfassbare Tragödie: In der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Athen 2004 stürzte der Cottbusser Kunstturner Ronny Ziesmer bei einem Sprung am Pferd so unglücklich, dass er sich die Halswirbelsäule brach und seitdem querschnittsgelähmt ist. Vier Jahre nach dem tragischen Unglück reist er trotzdem nach Peking – als Co-Moderator für das ZDF. BUNTE Online sprach mit ihm vor der Abreise.

Auf was freuen Sie sich in Peking?
Ronny Ziesmer: Ich freue mich darauf, dass ich nach meinem Unfall kurz vor den Olympischen Spielen 2004 in Athen nun doch noch das Erlebnis Olympia haben werde. Und ich bin sehr froh und dankbar, dass ich nicht nur als passiver Betrachter vor Ort sein werde, sondern als Co-Kommentator des ZDF. Das gibt mir das gute Gefühl, gebraucht zu werden.

Welche Wettbewerbe liegen Ihnen besonders am Herzen?
Ronny Ziesmer: Naturgemäß die Kunstturnwettbewerbe. Das verlangt mein Job. Natürlich habe ich darüber hinaus an allem Interesse, was in China passiert, was die deutsche Mannschaft insgesamt macht – und ich will das Olympische Flair genießen!

Wie nah werden Sie am deutschen Team dran sein?
Ronny Ziesmer:
So nah es die Akkreditierungsbestimmungen zulassen. Ich hoffe schon, dass ich zumindest mal „Shake hands“ mit meinen früheren Turn-Kameraden machen kann. Ich denke, das ergibt sich vor Ort.

Wie wertvoll ist eine Gallionsfigur wie Fabian Hambüchen für das Turn-Team in Peking?
Ronny Ziesmer:
Fabian Hambüchens Leistungen, sein Charakter, seine Persönlichkeit sind ein Glücksfall, nicht nur für das Turnen, sondern für den gesamten Sport. Durch ihn begreifen immer mehr Menschen, dass das Turnen an Geräten nicht nur ein Spitzensport ist. Fabian hat in Deutschland eine Kinderturnbewegung in Gang gesetzt. Eltern tun gut daran, ihre Sprösslinge wieder an die Geräte zu schicken.

„Ich musste wie ein Kleinkind vieles neu lernen“

Was wollen Sie anders machen als die „Laien“-Moderatoren?
Ronny Ziesmer:
Wenn man selbst geturnt hat, kann man Zuschauern viel besser die versteckten Schwierigkeiten einer Übung erklären oder die Abweichungen von der Ideallinie, was für die Bewertung nicht unbedeutend ist. Da will ich mit ZDF-Reporter Christoph Hamm einfach gut harmonieren.

Sie konnten Ihren Traum, aktiv bei Olympia teilzunehmen, nie verwirklichen. Wie schaffen Sie es, jetzt als Kommentator dabei zu sein?
Ronny Ziesmer:
Ich verdanke meinen 18 Jahren im Nachwuchs- und Hochleistungssport unendlich viel. Durch diese Zeit habe ich das Kämpfen gelernt, das akribische Arbeiten auch an kleinsten, täglichen und längerfristigen Zielen. Ohne diese Fähigkeiten würde ich meinen jetzigen Alltag als Gehandicapter kaum bewältigen können. Ich fühle eine große Dankbarkeit und Nähe zum Kunstturnen und begleite es deshalb gern am Reportermikrofon weiter.

Wie ist es Ihnen gelungen, nach Ihrem tragischen Unfall so positiv zu bleiben, nicht zu verbittern, Ihre früheren Kollegen anzufeuern… Wie kommt man an der Frage „warum gerade ich“ vorbei?
Ronny Ziesmer:
Kurz und knapp: Ich bin so, wie ich bin. Ihre letzte Frage bringt ohnehin nicht weiter, die blockiert nur. Was anliegt, muss getan werden. Wichtig ist es, die Gegenwart zu gestalten, die Zukunft zu verändern – die Vergangenheit ist gegessen!

Wie selbstständig können Sie leben?
Ronny Ziesmer:
Die letzten vier Jahre musste ich wie ein Kleinkind vieles neu erlernen. Ich habe versucht, alle Handlungen des Alltags wieder so hinzubekommen, dass ich möglichst ohne Hilfe auskomme. Ganz geht das aber nicht. Ich habe beispielsweise keine Fingerfunktionen mehr. Stellen Sie sich einfach mal einen Tag in Boxhandschuhen vor, da ahnen Sie, was alles nicht funktioniert.

„Ich habe keinen einzigen Freund verloren“

Welche Menschen waren seit dem Unfall am wichtigsten für Sie?
Ronny Ziesmer:
In erster Linie war es das Team des Unfallkrankenhauses Berlin um Dr. Andreas Niedeggen. Unglaublich, was mir da die zehn Monate nach meinem Unfall an Zuwendung zukam. Die haben mich echt wieder lebensfähig gemacht.

Dort begriff ich, dass es auch ein erfülltes und glückliches Leben im Rollstuhl geben kann. Viel verdanke ich auch dem deutschen Turn-Bundestrainer Andreas Hirsch und meinen Freunden aus der aktiven Leistungssportzeit, von denen ich keinen einzigen verloren habe. Geholfen hat mir auch, mit dem Aufbau meiner Stiftung DSQ-A „Allianz der Hoffnung“ selbst einen Beitrag dazu zu leisten, die Forschungsergebnisse zum Thema Querschnittslähmung zusammenzutragen.

Sie fahren Handbike, wollen Sie da auch Wettkämpfe bestreiten?
Ronny Ziesmer: Gleich nach Olympia werde ich Ende August wieder in Kienbaum – dort, wo mein Unfall passierte – ein Trainingslager mitmachen. Das nutze ich aber in erster Linie, um mich für den Alltag fit zu machen. Ob daraus später mal eine Wettkampfform für mich wird, ich vielleicht sogar einmal einen Handbike-Marathon bestreiten, werde wird sich zeigen.

Verbinden Sie den Arbeits-Einsatz auch mit einer Reise durch China?
Ronny Ziesmer:
Wer ins Reich der Mitte fährt, der will natürlich auch das „volle Programm“ machen. Ich hoffe, es bleibt Zeit für die Chinesische Mauer oder die Verbotene Stadt oder die Ming-Gräber … Da ist mein persönliches Pekingteam natürlich voll gefordert: Meine Freundin und mein Medienberater Eckhard Herholz begleiten mich. Und Mercedes stellt mir für meine Tätigkeiten in Peking ein behindertengerechtes Fahrzeug zur Verfügung, das erleichtert mir das Reisen vor Ort.

Text: Anja Daeschler, erschienen auf www.bunte.de

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