Rainer Küschall – mit 400 PS durchs Leben

Mit 16 Jahren wird Rainer Küschall zum Tetraplegiker. Mobilität ist seither sein Thema, für sich und für 100.000 Rollstuhlfahrende. Ein Bericht über den Lebensweg und die temporeichen Hobbies eines Mannes, der durch seine Entwicklungen und Designs Rollstuhlgeschichte geschrieben hat.

Rainer Küschall
Rainer Küschall

„Mein Name ist Rainer Küschall. Ich habe 1963 bei einem Sportunfall mein Genick ein paar Mal gebrochen und lange Zeit Rollstuhlsport betrieben. Schliesslich wurde die Konstruktion von ultraleichten Rollstühlen nach Mass für aktive Behinderte mein Beruf.“ Das ist die kurze Selbstvorstellung eines Mannes, der heute mit seiner Behinderung ein ausgefülltes und zufriedenes Leben führt. Dabei verbrachte er die ersten Jahre nach seinem Schwimmunfall als Tetraplegiker ohne die geringste Mobilität. Es gab in den sechziger Jahren niemanden, der ihn im Hinblick auf die Wiedereingliederung in die Gesellschaft gepflegt und motiviert hätte. Üblich war die Einweisung in ein Heim, das er erst nach Abschluss einer Ausbildung zum Kaufmann verlassen durfte. Damals war er bereits 30 Jahre alt und bezog seine erste eigene Wohnung. Plötzlich begann für ihn ein bisher unbekanntes selbstständiges Leben. Von nun an setzte er alles daran, die verlorene Mobilität - und damit seine Identität - zurückzuerlangen.

Erfolge mit selbstentwickeltem Rollstuhl

Rainer Küschall war nach seinem Unfall begeisterter Rollstuhlsportler. Doch er spürte sowohl im täglichen Leben als auch beim Sport starke Einschränkungen, die durch die Funktionsweise seines Rollstuhls verursacht wurden. Er liess sich dadurch nicht entmutigen und fand sich schon gar nicht damit ab. Wenn schon ein Rollstuhl sein ständiger Begleiter war, dann sollte dieser seinen Bedürfnissen optimal angepasst sein.
 

Rainer Küschall

Als Mann der Tat begann er selbst damit, über den Bau eines besseren Rollstuhls nachzudenken. Drei Wochen, so erzählt er 2005 in einem Interview mit der Zeitung „Der Reha-Treff“, habe er in seiner Wohnung einen Rollstuhl auf den Tisch gestellt. Danach war für ihn klar, was er ändern würde.

Ein Rolli-Designer mit klaren Plänen

Als er einem Freund von seinem Plan erzählte, war dieser von der Idee begeistert. So begeistert, dass er den geplanten Rollstuhl ungesehen bestellte und im Voraus bezahlte. Das war der Beginn von Rainer Küschalls Selbstständigkeit. So gründete er 1978 im Alter von 31 Jahren die Firma „Küschall of Switzerland“. In den folgenden Jahren entwickelte er zahlreiche Rollstuhl-Designs und arbeitete zusammen mit einem Team von Ingenieuren an der Umsetzung seiner Ziele. Viele Preise bestätigen den Erfolg dieser Zusammenarbeit, unter anderem die Auszeichnung für das beste Design vom „Museum of Modern Art“ in New York. Rainer Küschalls Firma hat wie keine andere das Rollstuhldesign geprägt und mit Typen wie Champion und Competition oder K4 Rollstuhlgeschichte geschrieben.

Heute ist die Küschall AG auf der ganzen Welt bekannt und hat gerade den 100.000sten Rollstuhl ausgeliefert. Jeder Einzelne dieser 100.000 Stühle ist übrigens eine Massanfertigung, sie alle wurden dem Kundenprofil optimal angepasst.

60 Jahre und kein bisschen müde

Neben seiner Arbeit in der Firma widmet sich Rainer Küschall auch dem Sport. Und das auf hohem Niveau - er gewann nicht weniger als 21 olympische Medaillen bei 7 paralympischen Spielen. Dabei stellte er in vielen Disziplinen sogar Weltrekorde auf. Er erreichte bisher nicht bekannt gewesene Schnelligkeit beim 100m-Sprint, kämpfte sich aber auch beim Marathon an die Weltspitze.

Rainer Küschall in seinem Rennwagen der AC Cobra bei einem Motorsportrennen

Die neue Passion: Motorrennsport

Seine besondere Passion ist seit 6 Jahren der Motorrennsport. Mit seiner AC Cobra fährt er vor allem Slalom- und Bergrennen, ist aber auch regelmässig an Rundstrecken, wie in Dijon und am Hockenheim-Ring, anzutreffen. Der besondere Reiz liegt für ihn darin, die Grenze des Möglichen kennenzulernen.

Rainer Küschall in einem Rennwagen

Dabei gehören Unfälle zum Alltagsgeschäft. „Einmal fuhr ich in einem Bergrennen in ein Brückengeländer, einmal im Rundstreckenrennen aus der Kurve in die Leitplanken und letztes Jahr in Hockenheim ist beim Anbremsen auf der Geraden ein Vorderrad abgebrochen“ – berichtet er auf unsere Nachfrage.

Es sind schon mehrere Podiumplätze und einige Grand-Prix-Siege, die Rainer Küschall eingefahren hat. Er ist zweifelsohne einer der erfahrensten Piloten auf der Rennstrecke. Aber wenn er sich in seine „Cobra“ zwängt, um mit Handgas und Saug-Blas-Schaltung und 400 PS über den Asphalt zu pfeffern, sieht den Zeitpunkt der Rente eigentlich keiner kommen.

Text: Cornelia Barthel
Fotos: Rainer Küschall