Marcel Bergmann – Wenn ein großer Traum Wirklichkeit wird

Durch einen schweren Autounfall wird der ZDF-Sportredakteur Marcel Bergmann 1994 zum Querschnittgelähmten. Seine Lust zu reisen, verliert Bergmann nie. Einen grossen Traum erfüllt er sich 2007 mit einer Reise nach China. „Trotzdem China“ erzählt, wie aus einer als Rettungsanker dienenden Idee ein einzigartiges Abenteuer im Reich der Mitte wurde.

Ende November 1994 weilt Marcel Bergmann, damals freier Mitarbeiter der Sportredaktion des Zweiten Deutschen Fernsehens, mit seinem Vater in Kenia. Bergmann hat die Reise seinem Vater zu dessen 70. Geburtstag geschenkt. An einem Morgen sind sie zusammen mit einem Fahrer unterwegs von Mombasa nach Nairobi, als ein Bus unvermittelt zum Überholen ausschert und dabei den Jeep von der Strasse drängt.

Der Jeep überschlägt sich mehrmals. Marcel Bergmanns Vater und drei weitere Menschen sind auf der Stelle tot. Bergmann selbst erwacht zwei Monate später in einer Unfallklinik in Duisburg aus dem Koma. Sein Rückenmark ist durchtrennt, Bergmann ist querschnittsgelähmt. Der damals 30-Jährige muss zahlreiche schwere Operationen über sich ergehen lassen, außerdem hat er nach dem Koma Schwierigkeiten, zu sprechen, die richtigen Wörter zu finden.

Der Rückhalt des Arbeitgebers

Seelische Schmerzen, jedesmal wenn er an den Unfall zurück denkt, aber auch Phantomschmerzen in seinen Beinen, die er seit dem Unfall nicht mehr spürt, lassen ihn nicht los. Aber Bergmann gibt nicht auf, er lernt in den Jahren nach dem Unfall, den Rollstuhl als Teil seines Lebens zu akzeptieren.

Eine große Unterstützung ist ihm sein Arbeitgeber, das ZDF. Er erhält eine Festanstellung als Sportredakteur. Bereits 1996 berichtet er für das ZDF von den Olympischen Sommerspielen in Atlanta. 2004 reist Bergmann zur Fussball-EM nach Portugal, zu den Olympischen Spielen und den Paralympics nach Athen. 

„Das ist, als wärst du ein Toter im Sarg“

2005 folgt dann aber ein schwerer Rückschlag. Marcel Bergmann hat sich wundgesessen und wundgelegen. In der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg muss er erneut operiert werden - es ist die neunte Operation seit dem Unfall. Was folgt ist eine Leidenszeit, wie man sie sich schlimmer nicht vorstellen kann.

Damit die Wunde endlich heilt, verbringt er die Zeit zwischen Februar und Oktober 2005 auf dem Bauch liegend, mit einem Guckloch in der Liege. Bergmann sagt dazu heute: „Das ist, als wärst du ein Toter im Sarg.“ Und wäre dies nicht schlimm genug, stirbt seine Mutter 2005 an Krebs, und ihr Sohn kann sie nicht besuchen, weil er selber ans Krankenbett gefesselt ist.

Ein Traum als Überlebensstrategie

Es ist ein Traum, der Bergmann in dieser schlimmen Zeit am Leben hält: Der Gedanke einer Reise nach China wird zu so etwas wie einer Überlebensstrategie. In Gedanken ist er auf der Chinesischen Mauer, er beobachtet den Sonnenaufgang im Huangshan-Gebirge oder fährt mit einer Rischka durch eine Stadt. Und widmen will er diese Reise seinen verstorbenen Eltern.

Bergmann hat Schmerzen vom Wachwerden bis zum Einschlafen und nur starke Medikamente machen ihm das Leben überhaupt erträglich. „Es ist, als ob über allem ein grauer Schleier liegt. Der Regenbogen ist für mich nicht mehr bunt, sondern graugestreift. Und nur das ganz Fremde und Andere kann mich für Momente aus dem Grau herausbringen – und das sollte China bewirken“, erzählt Bergmann in einem Bericht des ZDF.

Die große Unterstützung des Jugendfreundes

Akribisch beginnt er sich auf diese Reise vorzubereiten. Er legt die ehrgeizige Reiseroute fest, in drei Wochen von der Millionenmetropole Schanghai durch kaum bereistes Niemandsland bis nach Peking. Der Film sollte alle Bandbreiten aufzeigen, von der Fortbewegung in Flugzeug, Zug, Bus, Auto und Boot, von der Übernachtung im Hotel, der Pension, der Jugendherberge bis hin zum Schlafsack beim Bauern auf dem Land.

Bergmann weiß, dass die Reise nicht möglich wird, ohne jemanden, der die chinesische Sprache beherrscht und ihm mit dem Gepäck und den Medikamenten behilflich ist. Sein Jugendfreund Ham, ein Chinese aus Malaysia und so etwas wie ein zweiter Sohn seiner verstorbenen Eltern, sagt zu, Marcel zu begleiten.

Prominente Unterstützung

Von Anfang an ist klar und Teil der Idee, dass Bergmann die Bilder dieser Reise verfilmen möchte. Vom ZDF erhält er eine Sendezusage. Prominente Unterstützung bei seinem Projekt findet er bei Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, der spontan die Schirmherrschaft übernimmt, und bei Bundespräsident Köhler, der das schwierige Unterfangen ebenfalls unterstützt.

Die Menschen für seinen Film wählt Marcel sehr bewusst. Sein Kollege und Freund Johannes B. Kerner übernimmt die Produktion. Das Filmteam um Marcel, das sind Kollegen und Freunde. Sie wollen Marcel ein Erlebnis ermöglichen, dass nicht nur Stress und Qual bedeutet, sondern voller Momente ist, die ihn glücklich machen.

Mauern überwunden

Entstanden ist ein faszinierendes Filmdokument. Trotz nicht zu vermeidenden Abstrichen haben Bergmann und sein Reisegefährte Ham in diesen 26 Tagen enorm viel erreicht. Auf dem anstrengenden und wunderbaren Trip fuhr Bergmann mit dem Handbike auf Schotterpisten im chinesischen Hinterland, wurde in Sänften über kantige Felsen getragen, holperte in einer Rischka durch die Gassen von Pingyao, erlebte seinen lange erträumten Sonnenaufgang im Huangshan-Gebirge und letztlichen auch den faszinierenden Sonnenuntergang auf der Chinesischen Mauer.

Bergmann überwand aber nicht nur die Chinesische Mauer, er überwand auch eine unüberwindlich scheinende Mauer. Dadurch und durch das filmische Dokument ließ sich auch das zweite Ziel erreichen, nämlich einen Film zu schaffen, der Lust auf "Nachahmen" macht und auffordert, nicht aufzugeben.

Hilfsbereite Chinesen

Freilich wäre das Abenteuer zu einem frühen Scheitern verurteilt gewesen, hätten sich die Chinesen nicht als unglaublich hilfsbereit herausgestellt. Die Chinesen machten beinahe vergessen, wie wenig behindertengerecht China ist, oder wie es Marcel Bergmann ausdrückt: „China ist nicht behindertengerecht. Aber die Chinesen – die sind irgendwie behindertengerecht“. Im August 2008 wird Bergmann nach Peking zurückkehren – und zwar als ZDF-Reporter bei den Paralympics.


Text: pg – 05/2008