Wasser – mein Element

Sie schwimmt seit sie drei Jahre alt ist. Wie fast alle in ihrer Familie. Auch ein Motorradunfall 1991 konnte ihr die Liebe zum nassen Element nicht nehmen: Trotz Querschnittslähmung fühlt sich Kirsten Bruhn erst im Wasser richtig wohl. Hier gibt es keine Barrieren, keine Grenzen wie im ‚richtigen Leben’.

Kirsten Bruhn bei einer Pressekonferenz
Kirsten Bruhn

Das Wasser sei für sie eine Art Ventil zum Abreagieren, sagt die heute 36-jährige Sportlerin und Paralympics-Goldmedaillen-Gewinnerin Kirsten Bruhn. Es sei ein Teil von ihr und bilde den Schnittpunkt der Zeit vor und nach dem Unfall. „Wenn ich im Wasser bin, bin ich nicht behindert“, sagt sie. Dieser starke Wille, aktiv zu sein und nur das zu tun, was ihr Spass macht, ist bezeichnend für die aussergewöhnliche Sportlerin aus Neumünster.

„Immer superaktiv“

Auch wenn heute ein Rollstuhl als ständiger Begleiter am Beckenrand steht, ist Kirsten Bruhn die Begeisterung anzumerken, wenn sie über ihre ungebrochene Leidenschaft zum Schwimmen spricht. „Ich war immer superaktiv“, sagt sie. „Wenn ich etwas nicht konnte, habe ich es schnell gelernt, egal ob Surfen oder Sikfahren. Grenzen in meinen Bewegungsmöglichkeiten habe ich nie erlebt. Im Wasser spüre ich auch heute diese Grenzen nicht. Wenn ich meine Bahnen ziehe, kommt niemand auf die Idee, dass ich behindert sein könnte. Obwohl das Schwimmen für mich auch eine Art Kampf ist, nicht unterzugehen.“

Wasser als Lebenselixier

Das Wasser spielt für Kirsten Bruhn seit der frühen Kindheit eine zentrale Rolle – kein Wunder, bei einer Familie, die sich mit grosser Leidenschaft dem Leistungssport Schwimmen verschrieben hat. 1969 als jüngstes von fünf Kindern geboren, begeistert sich auch Kirsten früh für den Schwimmsport. Als Dreijährige beginnt sie, seit sie zehn ist, schwimmt sie leistungsmässig. Nach dem Abitur und einem Jahr als Au-Pair in den USA schmiedet sie ehrgeizige Pläne jenseits des Schwimmbeckens: 1991 will sie ein Graphik-Design-Studium in Hamburg beginnen. Doch es kommt anders.

Die Wende

Es sollte ein unbeschwerter Urlaub in Griechenland werden. Gemeinsam mit ihrem damaligen Freund ist Kirsten Bruhn 1991 mit dem Motorrad auf der Insel Kos unterwegs. Auf dem höchsten Berg der Insel wollen sie die Aussicht geniessen, kommen dabei von der Fahrbahn ab. Sofort registriert Kirsten Bruhn, dass sie sich nach dem Sturz nicht mehr bewegen kann – anders als ihr Freund, der unbeschadet bleibt. Auch die herbeigerufene Erste Hilfe ändert an dem Zustand nichts. „Ich hatte einen Trümmerbruch“, erzählt Kirsten Bruhn. „Die Knochensplitter drückten auf das Rückenmark. Bei sofortiger Behebung des Blutstaus wäre es nicht soweit gekommen.“ Mit einem deutschen Rettungsflieger wird sie nach Kiel gebracht. Die Diagnose lautet inkomplette Querschnittslähmung. Zwei Wochen später erfolgte dann die Verlegung nach Boberg/Bergedorf.
 

Kirsten Bruhn freut sich im Wasser nach einem Sieg
Kirsten Bruhn

Grenzerfahrungen

Für Kirsten Bruhn beginnt zu dieser Zeit das eigentliche Drama: Die Auseinandersetzung mit sich selbst. Die bisher so vitale Frau stiess plötzlich auf gänzlich unbekannte Grenzen. Uneingeschränkte Bewegungen waren nicht mehr möglich, auch wenn sie sich teils mit Krücken bewegen konnte und kann. Kirsten Bruhn will diese Einschränkungen nicht akzeptieren. „Ich habe immer gegen meine Krankheit antrainiert“, sagt sie.

„Inkompletter Querschnitt bedeutet, dass es irgendwo noch Muskeln gibt, die enerviert werden müssen. Die Vordermuskulatur in den Beinen ist noch da, die hintere Muskulatur nicht.“ In der zweijährigen Rehabilitation nimmt sie den Kampf gegen ihr Schicksal auf. Schwimmen ist für sie fortan nicht Leistungssport, sondern eine Möglichkeit, fit und beweglich zu bleiben.

Kreative Bewegungen

Bewegung kommt auch in ihr berufliches Leben. 1993 beginnt Kirsten Bruhn bei der AOK in Schleswig-Holstein mit der Ausbildung zur Sozialversicherungs-Fachangestellten. Den Plan eines Graphik-Design-Studiums gibt sie damit auf, nicht aber ihre kreative Ader. Die Schwimmerin malt mit Ölfarben, gestaltet Kleidung wie originelle T-Shirts, entwirft Schmuck und sieht darin die Möglichkeit, etwas ganz anderes zu machen. „Bei den T-Shirts ist es schön, dass sie zwei Seiten haben“, sagt Kirsten Bruhn. „Man muss immer beide Seiten betrachten – genau wie im Leben.“

Ein Neustart

Viel Zeit bleibt Kirsten Bruhn nicht, um ihre Kreativität auszuleben; dazu steht der Schwimmsport zu sehr im Mittelpunkt. Auf Anraten einer Schwimmkameradin meldet sie sich – wenn auch zögerlich – 2002 erstmalig bei einem Wettkampf im Behindertensport an. Das Ziel, als behinderte Sportlerin aktiv zu sein, hatte sie eigentlich nie im Kopf. Inzwischen trainiert sie vier- bis sechsmal pro Woche, hinzu kommen Athletik und Krafttraining. Eine Trainingseinheit liegt zwischen drei und vier Kilometern, trainiert werden unterschiedliche Schwerpunkte wie Ausdauer, Spurts, Atmung, Wendungen und Starts. Möglich wird dies dank der familiären Unterstützung vor allem durch den Vater, aber auch durch die AOK Schleswig-Hostein, die Kirsten Bruhn immer wieder Sonderurlaube gewährt.

"Wenn Du Dir selbst nicht hilfst, hilft Dir keiner.“ (Kirsten Bruhn)

Sport macht Spass

Bisheriger Höhepunkt der sportlichen Karriere von Kirsten Bruhn waren 2004 die Paralympics in Athen, wo sie gleich vier Medaillen holt: Gold über 100 m Brust, Silber über 100 m Rücken, Silber über 50 m Freistil, Bronze über 100 m Freistil. Kirsten Bruhn genoss die Spiele: „Die Teilnehmer sind wesentlich kommunikativer, nicht so verbissen und introvertiert“, sagt sie. „Wir sind einfach lebensfroh, weil wir wissen, dass die Welt nicht untergeht, wenn man mal nicht gewinnt.“

Ungebrochene Lebensfreude

Die Lebensfreude im Wasser überträgt sich auch auf ihre Kreativität. „Wettkämpfe sind Gradmesser meiner Leistungsfähigkeit“, erklärt Kirsten Bruhn. „Hier bin ich fit und glücklich. Das wirkt sich auch auf andere Bereiche positiv aus.“ Grossen Spaß fand die Schwimmerin zum Beispiel an einem aussergewöhnlichen Fotoshooting. Auf Initiative der Trainerin wurden in einer Schwimmhalle Nacktfotos von vier Schwimmerinnen und Schwimmern gemacht. Nur die ersten zehn Minuten waren für Kirsten Bruhn „komisch“, dann entstanden in einer lockeren Atmosphäre aussergewöhnliche Bilder von aussergewöhnlichen Menschen.

Kirsten Bruhn
Kirsten Bruhn

Für neue Dinge kann sich Kirsten Bruhn immer wieder begeistern. Nicht nur Wasserski und Skifahren möchte sie auf jeden Fall ausprobieren. „Seit Athen ist soviel passiert“, sagt sie. „Ich erlebe Dinge, die ich sonst nie erlebt hätte. Bei einem Rolli-Day der Firma Schwalbe in Gummersbach, habe ich den erfolgreichen Monoskifahrer Reini Sampl (www.rs1.at), der auch im Rollstuhl sitzt, kennen gelernt. Er finanziert sich ausschliesslich durch Sponsoring. Von ihm kann ich noch viel lernen. Ich hatte das Glück, mit Athen meinen Traum gelebt zu haben. Jetzt bin ich gespannt auf kommende Herausforderungen.“

Peking - und dann Trainerin

Mittlerweile schwimmt sie Weltrekorde in Serie, 2006 holt sie sich sechs deutsche Meistertitel und gewinnt bei den Weltmeisterschaften in Durban 2 x Gold, 3 x Silber und 1 x Bronze. Sportliche Highlights der nächsten Zeit werden die Europameisterschaften 2007 und die Paralympics 2008 in Peking sein. Was danach kommt, ist auch klar: „Ich habe meinem Vater versprochen, nach meiner aktiven Zeit selbst Trainerin zu werden“, so Kirsten Bruhn. „Schliesslich habe ich eines gelernt: Wenn Du Dir selbst nicht hilfst, hilft Dir keiner.“

Deutscher Behindertensportverband / Abteilung Schwimmen

Interview

Hören Sie hier ein Interview mit Kirsten Bruhn von der Rehacare 2008 moderiert von Radio4Humans.