Karin Rechsteiner: Fotos mit Seele und sonst "alles normal"

Mit gerade mal 19 Jahren wurde Karin Rechsteiner durch einen Unfall zur Tetraplegikerin. Sieben Jahre danach hat sie die Lust am Leben nicht verloren – sie fotografiert, verreist, schreibt in ihrem Blog über das Leben und ihre Gedanken, um den anderen zu zeigen: Menschen mit Behinderung sind ganz normal.

Karin Rechsteiner
Die fröhliche Karin Rechsteiner in ihrem Rollstuhl (Foto: Karin Rechsteiner)

Jahrgang 1980 und geboren und aufgewachsen als eines von fünf Geschwistern im Appenzellerland, wollte Karin Rechsteiner einst als Konditorin-Confiseurin die Welt bereisen. Als sie 19 Jahre alt war, änderte sich durch einen Unfall bei der Abschlussfahrt ihrer Berufsschulklasse schlagartig ihr Leben.

Sie stürzte kopfvoran in einen Pool und wurde von einem Tag auf den anderen Tetraplegikerin. Nach einem Jahr im Paraplegikerzentrum Nottwil versuchte Sie, wieder im normalen Leben Fuss zu fassen und musste sich beruflich neu orientieren. Heute wohnt sie in Bern und arbeitet vier Stunden am Tag als kaufmännische Angestellte im Schulungs- und Wohnheim Rossfeld.

MyHandicap sprach mit ihr über die Zeit nach dem Unfall, ihren Alltag, ihre Träume und was ihr im Leben wichtig ist.

MyHandicap: Was sind deine Hobbies?

Karin Rechsteiner: Seit Kurzem fotografiere ich, das hat mich total gepackt und fasziniert mich. So verbringe ich auch viel Zeit in der Natur und draussen. Ich bin gerne kreativ - ob das jetzt ein Acrylbild oder ein Pappmaché-Zebra ist, Hauptsache ich kann etwas gestalten. Ich höre gerne Musik, mein MP3-Player ist immer dabei, aber auch in Konzerte gehe ich gerne. Zur Entspannung lese ich am liebsten Stephen King. Auch ist das Bloggen zu einem Hobby geworden und zugleich eine Selbsttherapie.

MyHandicap.com: Welche Lebensträume hattest du vor deinem Unfall und wie haben sich diese verändert?

Karin Rechsteiner: Ich wollte immer durch die Welt reisen. Als Konditor-Confiseurin mal in diesem Hotel arbeiten und dann an den nächsten Traumstrand ziehen. Durch die Welt tingeln. Meine Träume haben sich jetzt mit der Zeit ins Gegenteilige verwandelt. Ich möchte meine eigene Eigentumswohnung mit meinen Traumfarben an den Wänden und auch endlich eine rollstuhlgängige Küche. Aber das Reisen ist nicht ganz vergessen, eine längere Reise nach Amerika ist sich am entwickeln. Aber auch beruflich haben sich meine Träume verändert, so möchte ich jetzt gerne beim Radio arbeiten.

(Foto: Karin Rechsteiner)
Fotografieren ist Karins Leidenschaft (Foto: Karin Rechsteiner)

MyHandicap.com: Wer hat dich in dieser Zeit nach dem Unfall unterstützt? Wie hast du diese Zeit erlebt? Wer oder was hat dir Mut gemacht?

Karin Rechsteiner: Das Leben hat mir Mut gemacht. Ich dachte immer "ich bin noch so jung, das kann doch nicht alles gewesen sein!". Meine grosse Schwester gab mir immer sehr viel Kraft, auch heute noch. Sie war immer da, ob in Mallorca im Spital oder heute wenn ich zu meinen Eltern gehe. Sie zeigte nie Angst oder Berührungsängste und das stärke mich. Das erste Jahr war für mich nicht so schlimm. Ich war in Nottwil in der Reha, alles rollstuhlgänig, alle Leute nett und verständnisvoll. Schwerer war es, nach Nottwil den Boden zu finden in der "normalen" Welt. Mit den Blicken der Leute und mit den unrollstuhlgänigen Orten.

"Das Leben hat mir Mut gemacht". (Karin Rechsteiner)

 

MyHandicap.com: Wie hast du deine positive Lebenseinstellung gefunden? Wie gehst du mit deiner Behinderung um?

Karin Rechsteiner: Schon vor meinem Unfall musste meine Familie viele Schicksalsschläge erleiden. Ich war nur noch das i-Tüpfelchen. Aber trotz allem hat nie jemand von meiner Familie den Kopf in den Sand gesteckt. „Schicksalsschläge passieren, machen wir jetzt das Beste daraus!“ - das war irgendwie unser Motto. Ich dachte nicht mal an Aufgeben, es kam einfach nicht in Frage. „Wir haben alles überstanden, also überstehst du das auch!“ - sagte ich mir immer. Ich glaube an das Leben, an mein Leben, an meine Träume und nur ich kann es leben und das will ich in vollen Zügen tun. Kein Dasein ist einfach, aber man kann es nur selbst steuern.

Ich gehe mit meiner Behinderung sehr unterschiedlich um. Das Leben ist ein auf und ab, egal ob im Rollstuhl oder nicht. Wenn ich in einem Tief bin, frage ich mich oft warum. Auch die Blicke der Leute merke ich bewusster. Doch trotzdem gibt es Momente, in denen ich einfach vergesse, dass ich im Rollstuhl bin, ich einfach Karin bin.

MyHandicap.com: Woraus schöpfst du im Alltag deine Kraft? Was ist dir wichtiger geworden, was vielleicht weniger wichtig?

Karin Rechsteiner: Meine tägliche Kraft nehme ich von kleinen Sachen. Meine Katzen die mich begrüssen, wenn ich nach Hause komme, meinen Lieblingssong auf dem Weg zur Arbeit oder einfach wenn die Sonne scheint. Man schätzt die kleinen Sachen plötzlich mehr als früher. Ich bin mir selber wichtiger geworden. Als Fussgänger habe ich viel weniger auf meinen Körper gehört, heute ist es für mich sehr wichtig, mich und meinen Körper zu verstehen.

MyHandicap.com: Wie wichtig ist es für dich, Freunde zu haben? Hat sich dein Freundeskreis verändert?

Karin Rechsteiner: Für mich sind Freunde sehr wichtig. Sie sind ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Party machen, lachen, unterwegs sein, aber auch zu wissen, sie sind immer für dich da. Ich wusste lange nicht, was wirklich gute Freunde sind, doch jetzt weiss ich es endlich. Aus der Zeit vor meinem Unfall habe ich keine Freunde mehr. Mein Leben hat sich so massiv verändert, auch durch den Umzug nach Bern, dass das keine Freundschaft überstand.

(Foto: Karin Rechsteiner)
Ein Feldweg, der an einem großen Baum im Hintergrund vorbeiführt (Foto: Karin Rechsteiner)

 

MyHandicap.com: Bei welcher Gelegenheit kamst du dir zuletzt als Behinderter herabgesetzt/ ausgegrenzt vor?

Karin Rechsteiner: Bei einer Beerdigung. Das Leichenmahl war in einem Restaurant, das absolut nicht rollstuhlgänig war, und so waren wir gezwungen, alleine in ein anderes Restaurant zu gehen. Das hat mich traurig gemacht, dass man nicht daran gedacht hat, dass Rollstuhlfahrer an die Beerdigung kommen.

"Für mich sind Freunde sehr wichtig. Sie sind ein wichtiger Bestandteil meines Lebens." (Karin Rechsteiner)

MyHandicap.com: Welche Einschränkungen empfindest du als besonders schwerwiegend?

Karin Rechsteiner: Dass wir Behinderte oft eingeschränkt sind in unserer Bewegungsfreiheit. Zwar wird der öffentliche Verkehr immer rollstuhlgängiger, aber oft ist es immer noch unmöglich, alleine mit dem ÖV zum Museum zu kommen. In Bern gibt es noch das Betax, nur leider sind die Fahrten eingeschränkt und immer noch viel teurer als der öffentliche Verkehr. Die Schweiz bewegt sich, sie wird rollstuhlgängiger, auch dank neuer Gesetze - es wurde Zeit. Nur leider ist noch oft rollstuhlgänig nicht gleich rollstuhlgänig. Ich würde mir wünschen, dass mehr Architekten mit Rollstuhlfahrern zusammenarbeiten würden, um wirklich rollstuhlgänig zu bauen.

MyHandicap.com: Was sollten Nichtbehinderte an ihrem Verhalten Behinderten gegenüber ändern?

Karin Rechsteiner: Sie sollten nicht soviel nachdenken, wie sie sich gegenüber einem Rollstuhlfahrer verhalten sollen, sondern einfach dem ersten Gedanken folgen und den Menschen ansprechen.

Mit Karin Rechsteiner sprach Cornelia Barthel.

Fotos: von Karin Rechsteiner