"Da rufen ja teilweise drei auf einmal“

Im Fussball sind es meist nicht Spieler der 2. deutschen Bundesliga, welche die grossen Schlagzeilen schreiben. Mit Beginn der Saison 2007/08 und dem 23-jährigen Stefan Markolf vom FSV Mainz 05 hat sich dies geändert. Mit Markolf hat es erstmals ein gehörloser Spieler in die Starfelf eines Bundesligisten geschafft.

Von seinem Jugendverein VfB Witzenhausen über Hessen Kassel und den KSV Baunatal wechselte Markolf 2004 zum FSV Mainz 05. Dort spielte er bis Ende der Saison 2006/07 bei den Mainzer Amateuren. Trainer Jürgen Klopp war es, der Stefan Markolf auf die neue Saison hin in die 1. Mannschaft holte und ihn mit einem Profivertrag über drei Jahre ausstattete. Klopp sagte zu der Verpflichtung damals: „Der Junge hat Perspektive. Er hat sich die Chance in den letzten drei Jahren in unserer zweiten Mannschaft hart erarbeitet.“

Am 24. August 2007 gewährte Klopp Markolf die grosse Chance, und dieser nutzte sie: Beim 4:1-Sieg gegen Borussia Mönchengladbach kam er als erster hörgeschädigter Fussballer in der deutschen Bundesliga zum Einsatz und zeigte dabei eine souveräne Leistung.

Intakter Gleichgewichtssinn

Markolf wird trotz seiner Behinderung eine gute Spielübersicht bescheinigt. Aber wie macht das jemand, der von Geburt an praktisch gehörlos ist? Was ganz wichtig: Anders als die meisten Gehörlosen verfügt Markolf über einen absolut intakten Gleichgewichtssinn. Ausserdem hat er von klein auf seine ganze Konzentration auf das Sehen ausgerichtet, sagt Markolf: „Ich kann das Spiel lesen und bin nicht so sehr auf die Zurufe meiner Mitspieler angeweisen.„

Teure Hörgeräte

Dank spezieller, sehr teurer Hörgeräte nimmt er Geräusche der Umwelt zwar wahr, aber nicht den Inhalt von Zurufen. Zur besseren Kommunikation braucht Markolf Sichtkontakt mit dem Mitspieler, dem Trainer oder dem Schiedsrichter, damit er von dessen Lippen lesen kann. Ausserdem verständigen sich Trainer und Mitspieler ihm gegenüber verstärkt mit Gesten. Obwohl es sich mittlerweile rumgesprochen haben dürfte, orientiert Markolf vor dem Spiel den Schiedsrichter über das Tragen eines Hörgeräts.

Fehlerfreie Aussprache

Trotzdem kann es ab und zu vorkommen, dass er einen Pfiff des Schiedsrichters überhört. Das ist jedoch kein Problem, weder für den Schiedsrichter, noch für den Gegner. Und wenn doch, kann sich Markolf auch erklären, denn mit der eigenen Verständigung bestehen keine Probleme: Dank logopädischer Förderung hat er eine nahezu fehlerfreie Aussprache, das Sprechen bereitet ihm kaum Probleme und er kann sich klar verständlich machen.

Die Ruhe selbst

Mitspieler sehen für Markolf sogar Vorteile: "Er wird nicht so sehr von Rufen abgelenkt, da hat er uns einiges voraus," sagt sein Teamkamerad Marco Rose. Markolf bestätigt das in einem Gespräch mit dem „Tagesspiegel“: "Ich habe gegenüber anderen Spielern den Vorteil, dass ich die ganzen Rufe von Mitspielern und von der Seitenlinie nicht höre. Da rufen ja teilweise drei auf einmal, weil sie alle denken, dass sie am besten positioniert sind."

Bereits lange ist Markolf Nationalspieler, und zwar in der deutschen Gehörlosen-Nationalmannschaft. Sein Trainer Frank Zürn spricht von einer Sensation und hat ihm seinen Platz im Team für die WM 2008 bereits fest zugesichert. Und wenn es sich terminlich einrichten lässt, wird Markolf ganz sicher auch dabei sein.

Patrick Gunti