Signmark – Rap in Gebärden- und Lautsprache

Finnland hat einen neuen Star – er nennt sich Signmark, ist 29-jährig und seit seiner Geburt gehörlos. Zusammen mit hörenden Bandkollegen sorgt er mittlerweile über die finnischen Landesgrenzen hinweg für Aufsehen. MyHandicap.com hat mit Marko Vuoriheimo – genannt Signmark - ein Interview geführt.

 

Das Wichtigste an der Musik ist ein gut funktionierender Bass, sagt Signmark. Rap-Musik liegt also nahe, ein Musikstil, den die meisten Gehörlosen lieben, weil er mit starken Rhythmen und Bässen verbunden ist, die sie spüren können. Bei Signmark ist das nicht anders, nur geht er einen Schritt weiter und macht selber Musik, in dem er seine Songs in Gebärdensprache „singt“. Die Bandkollegen wiederum übernehmen den Teil in Lautsprache.

Marko Vuoriheimo alias Signmark (Bild: Signmark)

Bisher hat Signmark ein Album veröffentlicht und dabei ganze Arbeit geleistet. Hörende können die Songs in Lautsprache als Audio-CD hören, Gehörlose sehen sich die DVD in Gebärdensprache an. Die meisten Songs sind auf Finnisch resp. in finnischer Gebärdensprache produziert. Wer weder dem einen noch dem anderen mächtig ist – und ausserhalb Finnlands werden dies die meisten Menschen sein – finden die englischen Übersetzungen auf der DVD. Signmark und seine Bandkollegen sind mittlerweile zur musikalischen Attraktion geworden und weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Sie traten im Sommer in Deutschland und Österreich auf, sind in Japan ein Thema und waren zuletzt in den USA.

MyHandicap.com: Wann hast du begonnen, Musik zu machen?

Signmark: Als Kind, ich habe für meine tauben Eltern Weihnachtslieder in die Gebärdensprache übersetzt. In der Schule habe ich dann für meine Freunde populäre Hits, die am Radio gespielt wurden, übersetzt. Diese Art der Übersetzungen habe ich bis zu meiner Universitätszeit gemacht, dort haben mir dann meine hörenden Freunde gesagt, ich solle aufhören, andere Lieder zu übersetzen und stattdessen eigene Songs schreiben. Nach meinem Abschluss bin ich erstmals in einer Musik-Dokumentation meines Jugendfreundes Heikki für das finnische Fernsehen YLE mit Reimen in Gebärdensprache aufgetreten.

Wie fühlst du Musik?

Ich fühle sie durch die Vibrationen, die speziell durch Percussion-Instrumente in einem Song erzeugt werden, hauptsächlich die Basstrommel, aber auch die Bass-Gitarre.

Was bedeutet dir die Musik – speziell der Rap?

Es bedeutet mir soviel wie jeder hörenden Person. Ich entspanne zur Musik, tanze zur Musik und identifiziere mich mit der Kultur und der Message, die durch die Musik übermittelt werden. Hiphop oder Rap-Musik bin ich besonders zugetan, seit Rhythmus und Takt darin so eine grosse Rolle spielen. Beim rappen kann ich im Takt zum schweren und klar definierten Rhythmus der Drums und Basslines bleiben.

Wie ist die Idee entstanden, eine Hip-Hop-Band zu gründen?

Nach meinem ersten Auftritt in der Dokumentation für das finnische Fernsehen war es eine natürliche Entwicklung, dass ich noch mehr Songs machen wollte. Mein Freund Heikki war von der Idee, die erste Hip Hop CD/DVD in Gebärdensprache zu machen, fasziniert. Sein Musik-Partner Kim schloss sich der Gruppe an, sowohl für die Produktionsaufgaben wie auch als DJ. Als der englischsprachige Brandon dazu kam, um Heikki’s finnische Reime in Englisch zu ergänzen, war unsere Band komplett.

Welches sind die Hauptthemen deiner Songs?

Die Songs handeln von der Geschichte, der Gemeinschaft und der Sprache der Gehörlosen in Finnland. Wir setzen uns für die Rechte der Gehörlosen ein und bauen die Gemeinschaft der Gehörlosen moralisch auf. Aber natürlich vergessen wir auch nicht, auf unseren Alben Spass zu haben (lacht)

Welche Message willst du den Menschen mit deiner Musik vermitteln?

Nun, ich denke, wir sind alles nur menschliche Wesen, die unabhängig aller Unterschiede jedes auf seine Art Rhythmus und Sound geniessen können.

Wie kommuniziert ihr – du und die Bandmitglieder Heikki, Kim und Brandon – untereinander?

Ich kann ziemlich gut Lippen lesen. Ich spreche mit den Bandmitgliedern und gebe auch Zeichen, die Heikki, Kim und Brandon verstehen.

Wie können wir uns das Komponieren eines Songs vorstellen?

Die Geschichte habe ich im Kopf. Dann denke ich darüber nach, wie ich die Geschichte in Gebärdensprache-Reime projiziere. Gleichzeitig gehen Heikki und/oder Brandon durch die Texte, die ich zu Papier gebracht habe und bearbeiten sie so, dass sie als gesprochene Reime funktionieren. So starten wir letztlich mit der gleichen Grundgeschichte, die wir dann in die Gebärdensprache oder gesprochene Sprache umsetzen.

Signmark und seine Band (Bild: Signmark)

Und die Musik?

Ich gehe durch die zahlreichen Beats von Heikki und Kim und wähle diejenigen aus, die ich weiter entwickeln möchte. Ich sage ihnen, welche Elemente eines Beats ich mag, und welche weniger. Von diesem Punkt aus entwickeln sich die Beats zu kompletten Songs. Manchmal verändert sich ein Beat durch den Prozess des Komponierens vollständig. Für unser zweites Album habe ich Ideen, welche Refrains und welche Instrumente ich in den Songs haben möchte. Diese Ideen gebe ich an Heikki und Kim weiter und sie versuchen dann, meine Vorstellungen in die Songs einzubauen.

Wie stark beziehst du die Bedürfnisse der Gehörlosen in den Prozess des Komponierens ein?

Wir lernen ständig dazu. Bei unserem ersten Album war es unsere Absicht, die Message durch die Texte weiterzugeben – an ein hörendes wie auch an ein gehörloses Publikum. Die musikalischen Basis-Elemente, welchen die Gehörlosen folgen können, waren natürlich vorhanden. Aber mit Rhythmen, Frequenzen und Vibrationen kann man noch so viel mehr machen! Das Ganze gibt der Musik eine völlig neue Perspektive und ist sehr interessant.

Dazu kommt der ganze visuelle Aspekt der Musik. Dieser wird einerseits durch die Videos realisiert. Wenn wir live spielen, haben wir andererseits das Ziel, den visuellen Teil durch VJ-Elemente auszugestalten. Musik visuell zu interpretieren, ist ja nichts Neues – wir versuchen aber, es aus der Perspektive der Gehörlosen zu tun.

In Finnland bist du ein Star und der Erfolg in vielen Ländern wird immer grösser. Was bedeutet dir dieser Erfolg?

Es bedeutet mir viel, weil ich glaube, dass ich alles, was ich mache, für die Gehörlosen-Gemeinschaft auf der ganzen Welt mache. Es wird Zeit, dass man uns hört und die Menschen sollten mehr über unsere Lebensweise, unsere Kultur und unsere Geschichte erfahren. Ich verspreche – es ist interessant! Was wir tun, ist ein Gebiet von Kunst und Kultur der Gehörlosen, und ich hoffe, dass sich das weiter entwickeln wird. Ich hoffe, dass sich noch mehr Künstler und Menschen engagieren und Musik für Gehörlose machen. Ich hoffe, es inspiriert andere Gehörlose, das Gleiche zu tun wie wir. Es wäre fantastisch, wenn es noch mehr Gebärdensprache-Rapper aus anderen Ländern geben würde!

Siehst du dich als Vorbild für andere Gehörlose?

Ja, ich sehe mich als Vorbild, aber nicht nur für Gehörlose, sondern auch für Hörende, um ihnen den Umgang mit Gehörlosen zu zeigen. Dies ist auch der Grund, warum ich als Gebärdensprache-Lehrer an der Humak-Universität für angewandte Wissenschaften arbeite. Ich habe ein gutes Gespür sowohl für die Gehörlosen-Gemeinschaft wie auch jene der Hörenden. Es ist grossartig, als eine Art Bote zwischen den beiden Kulturen/Gruppen zu agieren – aber eigentlich würde ich mich lieber als ein YHDISTAJA (aus dem Finnischen: Jemand der Natur und Kultur vereinigt – Anm. der Red.) sehen. Meine Bandmitglieder unterstützen dies, indem sie neue Erfahrungen aus der Gehörlosen-Welt machen dürfen und ich lerne von ihnen neue Dinge aus dem musikalischen Bereich.

Was sind deine Zukunftspläne?

Ein zweites Album zu veröffentlichen, mit der Band und meiner Familie durch die Welt zu reisen, ein gesundes Leben zu führen und Zeit mit den Menschen zu verbringen, die mir am Nächsten stehen.

Signmark, herzlichen Dank für das Interview.

Text: pg - 12/2007 - MyH