Studieren in Deutschland mit Behinderung

Zwei Chemiegläser, eines mit blauer und eines mit roter Flüssigkeit (Rolf van Melis/pixelio.de)
Egal ob mit oder ohne Behinderung – an deutschen Universitäten müssen alle Studenten die gleichen Leistungen absolvieren (Rolf van Melis/pixelio.de)

Anfang Oktober öffnen die Unis in Deutschland wieder ihre Türen. Auch für Studenten mit Behinderung. Wagen Sie als Mensch mit Handicap den Schritt zur Hochschulausbildung!

Mein Studium liegt schon einige Jahre zurück. Ein Mitstudent, an den ich mich sehr gut erinnern kann, war ein junger Mann im Rollstuhl. Er war der cleverste Kollege in meiner Gruppe. Den Seminarraum konnte er mit seinem Rollstuhl allerdings nicht selbstständig erreichen. Deshalb haben wir ihn vor dem Seminar in den zweiten Stock getragen und nach dem Seminar wieder hinunter. Alle haben zusammengeholfen und so die Hürden überwunden.

Heute sind viele dieser baulichen Hürden für Studenten mit Behinderung abgebaut. Die Barrieren im Kopf existieren jedoch leider zu einem großen Teil immer noch. Sowohl bei Studenten mit Behinderung als auch bei den Kommilitonen.

Alle sollen studieren können

Aktuell sind in Deutschland acht Prozent der Studierenden aufgrund einer gesundheitlichen Schädigung an der Teilhabe im Studium eingeschränkt. Vier Prozent der Studierenden sind mittel bis schwer beeinträchtigt.

Hochschulen haben laut Hochschulrahmengesetz und gemäß der Landeshochschulgesetze die Pflicht, sich um die Belange von Studierenden zu kümmern und dafür Sorge zu tragen, dass behinderte Studierende in ihrem Studium nicht benachteiligt werden und die Angebote der Hochschule möglichst ohne fremde Hilfe in Anspruch nehmen können. Prüfungsordnungen müssen die besonderen Belange von Studenten mit Behinderung berücksichtigen.

„Das Leitmotiv in der Behindertenpolitik heißt Teilhabe statt Fürsorge. Unser Ziel ist eine Hochschule für Alle, in der Studierende mit Behinderung wie alle anderen Studierendengruppen ihre spezifischen Erfahrungen, Motivationen und Begabungen gleichberechtigt einbringen können“, sagt Christine Fromme, Referentin in der Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung des Deutschen Studentenwerks in Berlin.

„Es geht nicht mehr um die Frage, ob ein Studium mit Behinderung machbar ist. Sondern darum, wie die individuell notwendigen Unterstützungen und Nachteilsausgleiche ausgestaltet werden müssen, um chancengleich studieren zu können. Hier sind die Hochschulen gefordert, die besonderen Belange von behinderten Studierenden und anderen Studierenden in besonderen Lebenslagen, zum Beispiel von Studierenden mit Kindern, besser zu berücksichtigen“, sagt Christine Fromme.

Vor Studienbeginn

An vielen Hochschulen Deutschlands gibt es eine Anlaufstelle für Studenten mit Behinderung. Das sind zumeist die Beauftragten für die Belange behinderter und chronisch kranker Studierender der Hochschulen oder der örtlichen Studentenwerke. Manchmal gibt es außerdem studentische Interessenvertretungen für behinderte Studierende. Idealerweise  nimmt man schon im Vorfeld der Bewerbung Kontakt zu diesen Beratungsstellen auf.

„Am besten sieht man sich die Situation vor Ort an und prüft, wie die Studienbedingungen an der Wunschuni und am Hochschulort sind, welche Barrieren man kompensieren muss und welche individuellen Unterstützungsangebote es gibt “, rät Christine Fromme. Wenn man sich zeitnah meldet, können Lehrveranstaltungsräume getauscht und eventuell nötige bauliche Nachrüstungen vorgenommen werden.

Nachteilsausgleiche im Studium

Nachteilsausgleiche können im Zusammenhang mit der Bewerbung zum Studium, bei der Gestaltung des Studienablaufs und bei Prüfungen nötig werden. Durch sie sollen behinderungsbedingte Benachteiligungen kompensiert und eine chancengerechte Teilhabe gesichert werden.

Wesentlich ist, den Nachteilsausgleich rechtzeitig zu beantragen. „Jeder Nachteilsausgleich ist auf die persönliche Situation abgestimmt und wird individuell mit jedem Studenten vereinbart“, erklärt Christoph Piesbergen, Beauftragter für die Belange behinderter und chronisch kranker Studierender der Ludwig-Maximilian-Universität München.

„Mitstudenten verstehen diesen Nachteilsausgleich leider oft als Bevorzugung. Dies ist nicht der Fall. Studenten mit Behinderung müssen genau die gleichen Leistungen erbringen wie Studenten ohne Behinderung“, sagt Christoph Piesbergen.

Für die Beantragung eines Nachteilsausgleichs ist ein Behindertenausweis von Vorteil. Jedoch reicht auch ein ärztliches Attest als Nachweis für die Behinderung aus.

Ein Buch in dem einige Textstellen gelb markiert sind. Der gelbe Marker liegt auf dem Buch. (birgitH/pixelio.de)
Härtefallanträge ermöglichen freie Wahl des Studienfachs und sofortige Studienzulassung ohne Beachtung besonderer Zulassungsbeschränkungen (birgitH/pixelio.de)

Eine Hochschule für alle

Die Hochschulrektorenkonferenz hat 2009 einstimmig die Empfehlung zur Verbesserung der Studiensituation behinderter Studenten verabschiedet. „Eine Hochschule für Alle“ ist ein Impuls für barrierefreie Hochschulen. Innovative Hochschulprojekte können in besonderer Weise dazu beitragen, Barrieren vor Ort abzubauen.

So bietet zum Beispiel die Uni Hamburg eine Servicestelle zur studienorganisatorischen Unterstützung für gehörlose und hörgeschädigte Studierende an. Die Uni Potsdam schult alle Erstsemester-Tutoren in ihrem allgemeinen Schulungsprogramm regelmäßig zum Thema Studium und Behinderung.

„Wichtig ist, dass durch Sensibilisierung und Qualifizierung aller Hochschul- und Studentenwerksangehörigen die Barrieren in den Köpfen beseitigt werden. Nur so kann es gelingen, die bestehenden Benachteiligungen und Barrieren in den Bereichen Studienzugang, Studiengestaltung und Finanzierung abzubauen“, sagt Christine Fromme.

Der Konkurrenzdruck steigt

Der Konkurrenzdruck unter den Studenten ist härter geworden, die Studienpläne gestraffter. Dies bekommen Studenten mit und ohne Behinderung zu spüren. Abhalten lassen sollte man sich davon jedoch nicht. Denn wie heißt es so schön: „Wo ein Wille, da ist ein Weg.“

Text: MHA

Fotos: pixelio.de

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