Rollstuhltanz : Pas-de-deux mit Behinderung

Eine junge Frau mit hohen Lederstiefeln bäumt sich in ihrem Rollstuhl nach oben. Ihre Arme werden von einem Mann gehalten, der direkt hinter ihr steht.
Beim integrativen Tanz werden Barrieren schnell überwunden. (Foto: Andrea Reiner)

Strand, Meer, Wellen und eine leicht salzige Brise um die Nase. Wie lässt sich Sand auf der Haut spüren, wenn die Füße Rollen sind? Mitglieder der integrativen Tanzgruppe Beweggrund haben das Experiment gewagt und sind letztes Jahr an die holländische Küste gereist. Dort fanden sie nicht nur gute Infrastruktur-Rahmenbedingungen wie sandtaugliche Leih-Rollstühle, sondern auch jede Menge Inspirationen zu ihrer diesjährigen Tanzperformance "Sea yah".

"Sea ya" handelt von Begegnungen, Beziehungen, Träumen und Sehnsüchten“, sagt Maja Hehlen, Begründerin und Choreographin des deutschen Tanzensembles Beweggrund. "Natürlich wird nebenbei auch die Rollstuhlgängigkeit von Stränden thematisiert." Beweggrund entstand 1998 in der Schweiz. Ein Jahr später entschloss sich die Mitbegründerin Maja Hehlen, in Trier eine deutsche Schwesterorganisation aufzubauen. Die Mitbegründerin der schweizerischen Schwesterorganisation Beweggrund  hat sich 1999 entschlossen, mit dem erfolgreichen Konzept des integrativen Tanzes nach Trier auszuwandern. Über den Verein Tufa Tanz e.V. bietet Beweggrund den nicht behinderten und behinderten Tänzern und Tänzerinnen in Workshops, Kursen und Tanzprojekten die Möglichkeit, ihren Körper und ihre Kreativität gemeinsam zu erproben.

Community Dance und Danceability

Beweggrund orientiert sich massgeblich an den Ideen der englischen Community-Dance-Bewegung. Community Dance (Tanz in der Gemeinschaft) wurde in England zu einer Erfolgsgeschichte: Ausgehend davon, dass jeder Mensch tanzen kann und Tanz überall stattfindet, entstand seit den 1970er Jahren eine enge Zusammenarbeit zwischen professionellen Tanzschaffenden und Laien. Ebenfalls Pate stand die von Alito Alessi und Karen Nelson gegründete Tanzschule DanceAbility. DanceAbility fördert durch improvisierten Tanz den künstlerischen Ausdruck von behinderten und nicht behinderten Menschen. Danceability spricht jedem Menschen, unabhängig von seiner Einschränkung die Fähigkeit zum Tanzen zu. Jeder Einzelne tanzt nach seinen individuellen Bewegungs- und Einbringungsmöglichkeiten.

Eine junge Frau liegt in einer Hängematte und lacht sehr ausgelassen. Eine robuste Frau
Die Tanzproduktionen sind geprägt von Schrägheit und Humor. (Foto: Nikolaus Lutgen)

Tanzen als wirksame Therapie

Anne Chérel ist mit ihren acht Jahren Bühnenerfahrung bereits ein Senior im integrativen Tanz. Sie hat seit Geburt infantile Cerebralparese und ist ständig auf den Rollstuhl angewiesen. "Beim integrativen Tanz“, sagt Chérel, "stellt sich ein gemeinsamer Austausch und gegenseitiger Lernprozess her, der nicht von Defiziten sondern von einer Vielfalt an Bewegungsmöglichkeiten spricht.“ Das Tanzen hat sich für die junge Frau zu einer wirksamen Therapie entwickelt: "Seit ich bei Beweggrund tanze, habe ich eine Vielzahl neuer Bewegungsfacetten an mir entdeckt und ausprobiert." Tanzen schafft für die gebürtige Luxemburgerin einen inneren Ausgleich und ist gleichzeitig eine Erholung von der täglichen Arbeit. Katharina Jilek ist vor etwa drei Jahren über die Empfehlung einer Freundin zu Beweggrund gekommen. " Anfangs konnte ich mir gar nicht vorstellen, wie ich im Elektrorollstuhl tanzen könnte“, sagt Jilek. Doch nach der ersten Schnupperstunde mit Hilfe der äusserst sympathischen Choreographin waren die anfänglichen Barrieren schnell überwunden. Beide Frauen haben bei der Bühnenproduktion "Sea ya" mitgewirkt und diese auch mitbeeinflusst.

Vor einem farbigen Hintergrund tanzt eine junge Frau mit Sonnenbrille
Integratives Tanzen schafft eine Vielzahl von Bewegungsmöglichkeiten. (Foto: Anna Boerner)

Tosender Applaus

"Für die Entwicklung eines Tanzzstückes", sagt Maja Hehlen, "plane ich eine Probezeit von ungefähr einem Jahr.“ In der ersten Phase entwickelt die Choreographin mit der Gruppe Bewegungsmaterial. Während dieser Zeit wird das Thema des Stückes skizziert und ein Tanzschnittmuster aufgrund des
vorhandenen Materials mit vielen Eventualitäten entworfen. Irgendwann bringt Hehlen einen ersten Vorschlag für die Dramaturgie, der dann von der ganzen Gruppe weiterbearbeitet, modifiziert und verfeinert wird. "Das Endresultat passt genau zur Gruppe. Die Tanzproduktionen sind geprägt von einer guten Portion Schrägheit, Humor und Unverhofftem sich berühren lassen“, sagt Maja Hehlen. Und schliesslich ist der Lohn für jeden Kunstschaffenden die gute Resonanz des Publikums. "Bei meiner ersten Aufführung“, erinnert sich Katharina Jilek, „werde ich den Schlussapplaus nie vergessen. Wir Tänzerinnen standen auf der Bühne und das Publikum tobte auf seinen Plätzen. Diese Anerkennung hat mich unglaublich glücklich und stolz gemacht.“

Text: BNI

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