Mit Handicap im Skatepark

Das Foto zeigt einen Auschnitt eines Rollstuhlfahrers im Skatepark.
Auch mit dem Rollstuhl geht es in die Halfpipe – das zeigen die Chair-Skater wie Aaron Fatheringham und David Lebuser. Bild: fotolia.de ©muro (#53124374)

Ein Mensch, vier Rollen und richtig coole Stunts. Klingt erst einmal nach einem ganz normalen Ausflug in den Skatepark – aber falsch gedacht. Nicht die Skateboards spielen hier die Hauptrolle, sondern die Chairskating Rollstühle, die speziell für den Einsatz in der Bowl konzipiert sind. Denn passionierte Skater gibt es auch mit Handicap – vom amputierten Unterschenkel bis hin zur Paraplegie. Drei Beispiele, die motivieren.

Schon ohne Handicap ist Skaten beängstigend. Eine Halfpipe macht das Gefährt rasant, steile Wände und Sprünge lassen schwere Stürze vermuten – aber falsch gedacht. Zwischen dem Abheben, dem Moment der Angst wenn der Boarder sein Sportgerät verlässt und der Erleichterung wenn beide am Boden wieder zusammen finden entsteht ein Nervenkitzel, den so viele an dem Sport reizt. Er verlangt viel Beweglichkeit und einen guten Stand – was mit Handicap nicht ganz einfach ist. Aber warum nicht einfach die Gegebenheiten nutzen und mit dem Rolli durchstarten? Das dachte sich auch Aaron Fotheringham – und wurde zum ersten WCMX Fahrer der Welt.

Superheld der Halfpipe

Aaron Fotheringham wurde mit Spina bifida, einem Wirbelspalt, geboren und konnte nie richtig laufen. Als Kind bewegte er sich auf Krücken fort, dann setzte sein Wachstum ein und weder Arme noch Beine konnten den schwerer werdenden Körper tragen. Er wechselte in den Rollstuhl. Dennoch – er sah sein Handicap nie als Behinderung an. Mit Umhang und Krücken wurde er zu „Crutch-Boy“ und dachte sich Superhelden Geschichten aus. Diese Haltung übertrug er auf seine Zeit im Rollstuhl. Er sitzt nicht im Rollstuhl, er bewegt sich auf einem Rollstuhl fort – und rollt damit durchs Leben.

Seine Skater-Karriere wurde durch seinen älteren Bruder Brian angestoßen, der den Großteil seiner Freizeit im Skatepark verbrachte. Als Aaron acht war, nahm er das erste Mal eine kleiner Rampe mit dem Rollstuhl – und landete mit den Händen zuerst. Aber der Impuls war da. Viele weitere Versuche folgten – alles unter seinem Mantra „Sei kein Idiot!“, was ihn zum einen dazu bringt auf sich aufzupassen und immer einen Helm als Kopf- und Gesichtsschutz zu tragen. Denn bereits bei einem Sturz aus geringer Höhe mit einem harten Aufprall auf Eis oder Beton besteht für Schädel und Hirn ein immenses Verletzungsrisiko. Außerdem vermeidet er Tricks, bei denen er von vornherein weiß, dass er sie nicht stemmen kann. Auf der anderen Seite lässt ihn das Mantra auch nie aufgeben. Sein hartes Training brachte ihn dahin, wo er heute ist: An die Weltspitze der WCMX`ler, auf Tour rund um die Welt, wo er seine Künste in spektakulären Shows zeigt und tausende Menschen motiviert. Er hat mit dem ersten Backflip im Rollstuhl einen Weltrekord aufgestellt und 2012 schließlich auch den ersten Frontflip geschafft – und gelandet. Er motiviert weltweit Menschen dazu, ihren Rollstuhl nicht als etwas zu sehen, das sie blockiert, sondern als etwas, das ihnen Kraft gibt und die Möglichkeit dazu, sich zu bewegen und coole Stunts in der Halfpipe zu unternehmen. So steckte er auch David Lebuser mit dem Hobby an.

Das Bild zeigt einen Rollstuhlfahrer beim Sprung aus einem Auto-SUV. Video!
Video-Quelle: Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=zABY2Bv3oXA. Screenshot Youtube

Profi-Sportler mit Paraplegie

David Lebuser war schon immer Skater – daran änderte auch sein Unfall im Jahr 2008 nichts, bei dem er sich den zweiten Lendenwirbel brach und schließlich nicht mehr Laufen konnte. Während er in der Reha lernte mit dem Rollstuhl umzugehen und seinen Körper neu kennen lernte, verfolgte er die Paralympics im Fernsehen – die ihm die Gewissheit gaben, dass mehr geht mit dem Rollstuhl als nur herumgeschoben zu werden.

Die Inspiration zum Skaten gab dann ein Video von Aaron Fotheringham, der sich zum Backflip eine hohe Rampe herunterstürzt und damit das Unglaubliche schafft. Zurück aus der Reha begann er dann damit, sich auszuprobieren und setzte sich immer wieder neue kleine Ziele, die er nach und nach erreichte. Rückblickend hat er so mehr geschafft als jemals gedacht hätte. Heute ist er Profisportler, wird von verschiedenen Partnern gesponsert, hält Workshops und motiviert Kids deutschlandweit zum Skaten mit dem Rollstuhl. Viele Abenteuer durchlebt er seit seinem Unfall, sagt Lebuser – mehr als er zu träumen wagt. Eins davon führte ihn nach Kalifornien, wo er an der WCMX Weltmeisterschaft teilnahm und schließlich den dritten Platz macht – bereits zum dritten Mal in 2016, nachdem er bereits 2012 und 2014 mit an Bo(a)rd war. Die Begeisterung und den Mut den er dabei weitergibt, hat auch viele weitere dazu motiviert – das macht ihn zum Vorbild für Thomas Winkler, der auch nach einer Unterschenkelamputation nicht ans Aufhören denkt.

Skaten mit Prothese

Thomas Winkler war schon immer begeisterter Skateboarder. Mit zwölf hat er angefangen zu skaten und ist seit dem nicht davon abzubringen. Das hat auch ein Unfall nicht geschafft, der ihn 2008 seinen Unterschenkel kostete. Auch wenn sich sein Leben danach stark veränderte – die Leidenschaft fürs Skateboard konnte ihm das nicht nehmen. Zwei Jahre nach seinem Unfall war er wieder zurück im Skatepark.

Das Foto zeigt die Beine eines Skateboarders in der Luft beim Sprung.
So coole Sprünge im Skatepark funktionieren auch mit Prothese. Thomas Winkler zeigt wie – und möchte seine Motivation weiter geben. Bild: fotolia.de © lzf (#75563902)

Nach anfänglichem Ausprobieren und der immer besseren Beherrschung seiner Prothese hat er jetzt spezielles Equipment zum Skaten. Seine Skate-Prothese ermöglicht ihm stärkere Belastungen und höhere Sprünge als die Alltags-Prothese – ein echtes Hochleistungsgerät. Insgesamt sei das Skaten zwar umständlicher geworden, da das sichere Fallen und gewisse Sprünge nicht mehr ohne weiteres möglich seien. Aber dafür sei seine Einstellung zum Leben eine andere: „Früher war ich nicht so positiv gelaunt und gestimmt wie ich es heute bin“, sagt er im Interview. „Genau diese Motivation möchte ich gerne weitergeben.“ Vorbild sei für ihn vor allem David Lebuser, der das Wheelchair-Skating nach Deutschland gebracht hat. Auch Thomas Winkler gibt Workshops und ist Gorilla Botschafter, der Kids zu einem gesunden Lifestyle verhelfen möchte. Die Reaktionen auf sein Hobby sind außerdem durchweg positiv. Echte Anerkennung und echtes Interesse zeigen die meisten, denn der Funsport mit Prothese wirkt genau so cool wie ohne.

Mit Motivation durchs Leben

Die drei Sportler nehmen ihre Vorbild-Funktion ernst und wollen allen Menschen mit Handicap zeigen, was möglich ist. Waghalsige Sprünge mit Doppel-Backflips und phänomenalen Stürzen muss natürlich nicht jeder wagen – aber unter dem Motto „Life rolls on“ lässt es sich für Skateboarder und Chair-Skater gleichermaßen gut Leben. Sie haben Spaß an der Bewegung, der Freiheit und der Selbstbestimmung, die ihnen das Hobby bietet und sind jeden Tag froh, dass sie mit ihrer Motivation und ihrem Know-How im Skatepark echt was erreichen können. Der Funsport gewinnt in den letzten Jahren viel Zuspruch, nicht zuletzt dadurch dass viele Skatehallen Workshops zum WCMX, angelehnt an BMX, anbieten und damit Rollstuhlfahrer überall auf die Möglichkeiten aufmerksam machen. Das geht nur dank den großen Vorbildern, die genau das machen, was ihnen Spaß macht und das Skaten auch mit Handicap nicht aufgeben – Typen wie Aaron „Wheelz“ Fatheringham, David Lebuser und Thomas Winkler.