Mittsommernachtstraum

Anfangs war es nur eine Vision, ein Traum, den Errol Marklein hatte. Allmählich wurde daraus ein fester Entschluss. Es folgte eine monatelange, intensive Vorbereitung. Und am 23. Juni ging es dann endlich los: das berühmte Styrkeproven-Radrennen von Trondheim nach Oslo.

Die Strecke beginnt mit der Überwindung von 1.200 Höhenmetern mit einer maximalen Steigung von bis zu 18%, es folgen endlos lang ansteigende, nicht enden wollende Wellen, bis nach Oslo. Eine Herausforderung für Körper und Geist, der sich der querschnittsgelähmte Ausnahmeathlet Marklein mutig stellte und in weniger als 39 Stunden mit Bravour bewältigte.

Die Fakten:

  1. Freitag, 23. Juni 2006, Trondheim (Norwegen): Start um 21:00
  2. Styrkeproven, das weltberühmte Radrennen mit 5.000 Radfahrern feiert 40-jähriges Jubiläum
  3. Sonntag, 25. Juni 2006, Oslo (Norwegen): Ankunft um ca. 12:00 Uhr
  4. Verwendetes Handbike: SOPUR Shark Handbike mit Schwalbe Ultremo Bereifung
  5. Keine Verletzungen oder dauerbelastungsbezogene Komplikationen

Die Vorbereitung

Lange hatte Errol Marklein gezögert, manchmal gezweifelt. Am Ende erlag er wieder einmal dem Reiz des Unbekannten. Ja, er könnte es schaffen - mit seinem Handbike 540 km von Trondheim nach Oslo fahren, nonstop ohne Schlaf durch die raue Natur Norwegens. Und obwohl ihm klar war, dass Regen und niedrige Temperaturen mit kaltem Wind gegen ihn arbeiten würden, am Ende war der Wille, es trotzdem zu schaffen, stärker als die Angst vor den Strapazen einer solchen sportlichen Herausforderung.

Im November 2005 begann die intensive Vorbereitung. Kein Tag verging ohne lange Trainingsfahrten, danach folgten Krafttraining oder Materialabstimmung. Hinzu kamen insgesamt etwa 10 Wochen Trainingslager. Zur Routine wurden Auswertung der Trainingsdaten am Computer, Dokumentation des Kalorienverbrauchs, Beobachtung der Herzfrequenz und Analyse der Wattleistung.

Die Vorbereitungen waren akribisch und trotzdem gab es noch viele unbekannte Faktoren, die nur bedingt abzuschätzen waren. Großen Rückhalt erhielt Errol durch die Zusammenarbeit mit der Sporthochschule Köln und die Unterstützung von Familie und Freunden. Eine regelmäßig durchgeführte Leistungsdiagnostik führte schlussendlich zu einem detaillierten Fahrplan, der ein Ankommen unter 40 Stunden garantieren sollte.

Höhenmeter und Kälte - eine besondere Erfahrung

Am Anfang ging es 175 km bergauf. Es galt über 1.200 Höhenmeter zu überwinden, mit teilweise erheblichen Steigungsgraden. Die Stimmung war gut, der Körper fit, das Wetter noch gnädig. Nach 8 Stunden gab es die ersten leichten Muskelprobleme, die aber mit Massage in den Griff zu bekommen waren. Also ging es weiter durch die helle Mittsommernacht.

Inzwischen war es empfindlich kalt, Temperaturen vom Gefrierpunkt bis zu 6° Celsius zwangen immer wieder zu Pausen, in denen die komplette Bekleidung gewechselt werden musste. Die winddichte Sportbekleidung hielt zwar was sie versprach, aber bei einem Dauerpuls von 160 und mehr ist die Atmungsaktivität einfach überfordert. Trotzdem konnte in einigen Momenten die bizarre Natur Norwegens bewundert werden. Ein Highlight war die 30 km lange Abfahrt in Richtung Lillehammer. Der Adrenalinspiegel war ganz oben, Schlaf wurde nicht vermisst.

Schwieriges Streckenprofil und Übelkeit – Durchhalten

Nach insgesamt 250 gemeisterten Kilometern begann das Rennen jetzt erst richtig. Andauernde Steigungen mit kurzen Abfahrten, das ganze auch noch bei starkem Gegenwind, forderten ihren Tribut und entzogen dem Körper nach und nach die Energie. „Ich hätte nie gedacht, dass Wellen so lang sein können.“, so Errol im Rückblick auf diesen zunehmend Kräftezehrenden Teil der Strecke.

Errols Wille war ungebrochen, aber das Tempo ging auf den folgenden 100 km unweigerlich zurück. Die Pausen wurden länger. In der zweiten Nacht, von Samstag auf Sonntag, konnte Errol der Sportlernahrung und den Energiedrinks nichts mehr abgewinnen, Übelkeit machte sich breit und wurde immer schlimmer. 120 weitere Kilometer mit unangenehmen Intervallen von Steigungen hinterließen ebenfalls ihre Spuren, jetzt begann der Kampf mit sich selbst. Die Natur Norwegens mit ihren Wetterkapriolen von Kälte, Wind und Regen nahm Errol nur noch am Rande wahr. Sein Ziel hieß: nicht stehen bleiben!           

Das Finale

65 km vor Oslo ging nichts mehr. Marklein musste das Handbike für 5 Stunden verlassen und seinem Körper Ruhe gönnen. Ausstrecken, aufwärmen, ein wenig schlafen! In dieser Phase war das Wichtigste, die andauernde Übelkeit zu bekämpfen. Die Sportlernahrung und die Energiedrinks konnten nicht mehr aufgenommen werden. Mit Tee wurde versucht, den Magen zu beruhigen. Einige Nudeln zur Stärkung mussten unbedingt im Magen bleiben, damit Errol wieder zu Kräften kommen konnte.

Am Sonntag morgen stieg er wieder in sein Bike. Das Finale begann! Jetzt war auch klar, warum das Rennen Styrkeproven (= Stärkeprüfung) heißt. Bis zum allerletzten Meter an der Ziellinie hätte man kein härteres Streckenprofil rund um Oslo finden können. Auf den letzten Kilometern kroch Errol Marklein mit seinem Handbike mit 13 km/h dem Ziel entgegen. Mehr ging nicht mehr, aber das Ziel rückte langsam und stetig näher.

Fast nichts ist unmöglich

38 Stunden und 52 Minuten hat Marklein gebraucht, um seinen Traum Realität werden zu lassen: "Ich möchte keine einzige Sekunde davon missen." Ein Rollstuhlfahrer als Pionier. Er möchte allen Behinderten Mut machen, ihre Träume zu leben. Fast nichts ist unmöglich! 

Text: Carola Teichmann, Sunrise Medical GmbH & Co. KG

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