Errol Marklein im Gespräch

Errol Marklein
Errol Marklein

Errol Marklein hat so viel wie kaum ein Zweiter in der Rollstuhl-Szene bewegt. Seine internationale Sportkarriere hat er im Oktober 2006 beendet. Aus diesem Anlass traf sich HANDICAP-Chefredakteur Gunther Belitz mit Marklein, um eine atemberaubende Geschichte Revue passieren zu lassen. 

„Wenn ich mit einem Puls von 190 fahre und merke, ich habe das im Griff, weil ich so gut trainiert bin, und dann sehe, wie hinter mir die Gegner wegsterben, da geht mir einer ab, das ist hoch erotisch.“

Ob er die 177 Kilometer um den Genfer See in fünf Stunden und 22 Minuten herunterglüht, die letzten der 540 Kilometer von Trondheim nach Oslo mit wirklich allerletzter Kraft bewältigt oder im 100-Meter-Sprint als Paralympicssieger ins Ziel rauscht – niemand bringt sportliche Leidenschaft so treffend auf den Begriff des Eros wie Marklein!

Errol Marklein 1976
Errol Marklein 1976

"Gänzlich muskelfrei"

Dabei hatte Errol Marklein mit Sport nichts am Hut und war „gänzlich muskelfrei“, wie er das ausdrückt, bevor, ja bevor er am 12. September 1975 bei einem Autounfall eine Querschnittlähmung, TH 4/5, davontrug. Bis dahin konnte er „Alkohol vertragen, aber sonst nichts“. Aber schon in der Nacht des Unfalls wurde ihm klar: „Jetzt habe ich eine Aufgabe!“ Sein Vater, ein Übervater, berichtet er, brach am Krankenbett zusammen, als er sah, dass Errol nicht mehr gehen kann.

Für den Sohn war das – auch wenn es pathetisch klingen mag – die Chance, sich gleichsam als Phönix aus der Asche des dominanten Vaters zu erheben: „Ich musste dafür sorgen, dass die Familie nicht an meinem Dilemma leidet und habe zum ersten Mal Verantwortung gespürt.“ Und weil Errol diese Chance auch ergriff, wurde die Behinderung zum Schlüsselerlebnis und zu einem positiven Impuls in seinem Leben. 

Errol Marklein bei seiner neuen Herausforderung bei Sunrise Medical
Errol Marklein bei seiner neuen Herausforderung bei Sunrise Medical

Ein Leben mit dem Sport beginnt

Doch in der Rehaklinik ließen ihn die alten Hasen um Manfred Emmel beim Rollstuhl-Basketball erst einmal mächtig auflaufen. „Jungs, gebt mir ein paar Monate“, sagte Errol, der zuvor nie ein sportliches Erfolgserlebnis hatte und seinen „Arsch nur dazu benutzte, auf dem Moped zu sitzen.“

Jetzt, bei Fahrübungen mit dem Rollstuhl, rief ihm auf dem Klinikflur schon mal eine Krankengymnastin zu: „Das machst du aber Klasse!“ Und vor allem bemerkte Errol selbst: „Je fitter ich wurde, desto besser konnte ich mich auch im Rollstuhl bewegen.“

Nach einigen Monaten war er wieder zu Hause und begann mit dem Hanteltraining: „Seitdem habe ich nie wieder zwei Tage nicht trainiert.“ Seit Ende 1976 spielte er regelmäßig Basketball, 1978 nahm er erstmals an einer Deutschen Meisterschaft in der Leichtathletik teil. Zwei Jahre später qualifizierte er sich schon als einziger Rollstuhlschnellfahrer neben Gregor Golombeck für die Paralympics in Arnheim und erreichte die Endläufe über 100, 200 und 400 Meter. 

Waffengleichheit im Team

Steh’ auf, wenn du ein Rolli bist! – Nach einem enttäuschenden Abschneiden bei den Paralympics 1984, begann Errol für die Paralympics 1988 in Seoul zu trainieren. In Seoul wollte Errol Marklein die 1.500 Meter, die Königsdisziplin der Rollstuhlschnellfahrer, gewinnen. In „grandioser Selbstüberschätzung“, wie er heute sagt, versuchte er, das Feld von der Spitze aus zu dominieren, zog seine Gegner dabei mit, wurde dann auf der Zielgeraden abgehängt und landete schließlich auf dem vierten Platz.

Obwohl er bei den Paralympics noch die 100, 200 und 400 Meter sowohl in den Einzelrennen als auch mit den Staffeln gewann und mit sechs Goldmedaillen erfolgreichster deutscher Teilnehmer war, gesteht er: „Aus meiner Sicht hatte ich bei den Spielen versagt.“

Neue Herausforderungen im Handbiken

1993 erlitt Errol einen Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule. Die Belastungen nach der Übernahme waren wie der Tod seiner Mutter nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Doch er kämpfte sich wieder heran und gewann 1995 noch einmal den Marathon in New York. Danach war für ihn im Rennrollstuhl endgültig Schluss. Etwa zur gleichen Zeit beschäftigte er sich beruflich mit dem aufkommenden Handbikesport und definierte das als Zukunftsmarkt.

Sein Sportkollege Wolfgang Petersen, der eine der ersten Rennbike-Schmieden gegründet hatte, wurde von Sunrise Medical mit dem Ziel eingestellt, die Rennmaschinen zu perfektionieren. „Da hatte ich wieder ein neues Spielzeug, eine Aufgabe, in die ich mich voll hineinknien konnte“, berichtet Errol, und startete im Rennbike seine zweite sportliche Erfolgsgeschichte.

Errol Marklein im Rennrollstuhl auf Kreta
Errol Marklein im Rennrollstuhl auf Kreta

1998 konnte er schon bei Straßenrennen bestehen, 2003 wurde er Europameister im Einzelzeitfahren und sein großer Traum war die Teilnahme an den Paralympics 2004 in Athen. Doch obwohl er in der Saison zum besten Handbiker der Kategorie B gekürt wurde, blieb ihm die Nominierung durch den Deutschen Behindertensportverband versagt. „Für mich war ich in Athen, denn der Weg ist das Ziel“, tröstet sich Errol Marklein, der zwischenzeitlich eine phantastische Marathon-Bestzeit von 1:08:13 Stunden aufgestellt hatte.

540 Kilometer nonstop von Trondheim nach Oslo

Im Januar 2007 wird Errol 50 Jahre alt. „Ich habe mich nie geschont, aber ich muss klar erkennen, dass es vorbei ist“, analysiert er. „Ich muss jetzt doppelt so viel Zeit ins Training investieren, wie als 30-Jähriger; das kann ich auf Dauer nicht mehr bringen.“

Die Familie habe darunter schon genug gelitten. Vor allem für Töchterchen Uma möchte er sich mehr Zeit nehmen, denn sie hält ihm den Spiegel vor: „Alles ist endlich, aber mit Kindern geht’s weiter“. Eine letzte große sportliche Herausforderung hat sich Errol im Sommer aber noch gegönnt: das berühmte Styrkeproven-Radrennen von Trondheim nach Oslo, 540 Kilometer nonstop und ohne Schlaf durch die raue Natur Norwegens – eine wahrhaftige Stärkeprobe.

Errol wollte die Strecke schon mit dem Rennrollstuhl bewältigen, hat 15 Jahre darüber nachgedacht und ist Trondheim-Oslo nun mit dem Rennbike und in „legendärer Form“ angegangen. „Ich wollte noch einmal sehen, was der Körper hergibt und den Beweis antreten, dass ich auch unter widrigen Wetterbedingungen Spitzenleistungen erbringen kann.“ Begleitet von drei Wissenschaftlern der Sporthochschule Köln, die ihm genau 38 Stunden und 52 Minuten lang immer wieder die Wasserflasche reichten, hat er es schließlich geschafft. Noch einmal hat er den sportlichen Eros ausgelebt: „Das ging tief rein und war eine tolle Befriedigung.“

Altes Eisen rostet nicht

Am 6. Oktober 2006 beendete Errol Marklein beim Marathon in Köln offiziell seine internationale Sportkarriere. Ein Comeback wird es nicht geben, aber natürlich wird sich Errol auch weiterhin durch Sport fit halten. Die Gegend um Malsch ist das Mekka des deutschen Handbikesports: „Da will ich die Jungs weiter ärgern, denn ich bin einfach ein Wettkampftyp.“ Was bleibt, sind für ihn weniger die zahlreichen Triumphe als die bitteren Enttäuschungen: „Einen Sieg feiert man, und dann ist er wieder vergessen.

Eine Niederlage aber sitzt tief und veranlasst dich, Dinge zu erkennen und zu verändern.“ Und selbstverständlich bleibt Errol Marklein auch der von ihm mit initiierten Handbike Citymarathon Trophy (HCT) weiterhin als Ideengeber, Moderator und Strippenzieher erhalten. Er gesteht: „Wenn ich heute mit dem Leistungssport beginnen könnte, würde ich mich sofort ins Handbike setzen. Mit dem Rennbike bin ich in der freien Natur unterwegs und kann mir einen weiten Horizont abstecken. Mit dem Rennrollstuhl dagegen bewegt man sich doch meistens im Kreis.“

Errol Marklein hat sich in den letzten 30 Jahren bestimmt nicht im Kreis bewegt und weiß, dass das nicht allein sein Verdienst ist: „Ich konnte nur deshalb viel bewegen, weil ich immer Mitstreiter hatte, die das auch geil fanden. Dafür bin ich sehr dankbar.“ 

Text (gekürzt): Gunther Belitz, erschienen im Magazin HANDICAP, Ausgabe 4/2006

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