Exklusive Vorschau auf das neue RehaTreff Magazin

Der RehaTreff ist eines der bekanntesten Magazine rund um das Leben mit Behinderung, mit einer Auflage von 22.000 Stück. Auf MyHandicap können Sie einen Artikel aus der soeben erschienenen Ausgabe 1/2015 lesen - zum Thema Rollstuhltraining.

Im Magazin RehaTreff findet sich zudem eine Reihe spannender Artikel wie etwa Segway für Rollstuhlfahrer, Überblick zum neuen Pflegestärkungsgesetz und Wasserprothesen auf dem Vormarsch (Inhaltsverzeichnis). Interessierte können das quartalsweise erscheinende Magazin für 18,00 Euro / Jahr abonnieren.

Hier erfahren Sie mehr über den rehaTreff und können sich ihr kostenloses Probeexemplar bestellen.

Rollstuhltraining

Silke beim Rollstuhltraining in einer Turnhalle (Bild: privat)
Silke vom MS-Treff Erkrath

Für Menschen, die durch Unfall oder Krankheit plötzlich auf den Rollstuhl angewiesen sind, bietet der Deutsche Rollstuhlsportverband (DRS) ein spezielles Training an. So auch vor einiger Zeit beim Förderverein MS-Treff Erkrath e.V. Die Mitglieder erhielten wertvolle Tipps von Dr. Horst Strohkendl (Lehrwart des Deutschen Rollstuhlsportverbandes). Eine Teilnehmerin, die an dieser Stelle nur mit ihrem Vornamen Silke genannt werden möchte, beschreibt für RehaTreff ihre ganz persönliche Motivation zum und ihre persönlichen Erfahrungen beim Training.

Am besten starte ich mit einem meiner Lieblingssprüche: "Wenn Sie jemanden sehen, der an den Rollstuhl gefesselt ist, binden Sie ihn los!" - Ich bin eine ganz normale MSlerin mit schubförmigem Verlauf, gerade 50 Jahre alt geworden.
Man sieht mir meine Behinderung nicht an. Ich kann ganz gut laufen und auch sonst vieles, aber ich kann es oft nicht lange. Plötzlich ist einfach der Akku leer, wenn ich es übertreibe. Ich brauche dann eine ganze Zeit, bis es mir wieder besser geht.
Oft habe ich gesagt: "Nein, macht das ohne mich! Ich schaffe das nicht", wenn Familienausflüge geplant wurden, zu Veranstaltungen mit langen Stehzeiten und weiten Wegen, beispielsweise Martinsumzüge oder Konzerte - manchmal einfach alles.
Das war sehr unangenehm. Man isoliert sich selbst und klinkt sich überall aus, schiebt Frust und ärgert sich, weil nicht mehr alles wie früher funktioniert. Meine Freunde, Töchter und mein Mann konnten das nicht gut nachvollziehen und haben dann leider sehr oft auf Unternehmungen verzichtet, was mich auch wieder geärgert hat.

"Ich musste meinen ganzen Mut zusammen nehmen"

Ich habe viel gegrübelt und mich selbst bemitleidet. Nur, wie soll man das ändern, wenn man einfach keine Kraftreserven hat und sich zu nichts mehr aufraffen kann? Eine Lösung für mich war der Weg zum Neurologen, der mir ein Rollstuhlrezept schrieb. Das zu tun, war für mich nicht einfach, ich musste meinen ganzen Mut zusammen nehmen. Aber ich wollte wieder mehr mitmachen und nicht wie ein Miesepeter zu Hause sitzen!
Wenn ich jetzt beim Hundespaziergang mitten im Wald stehe oder im Freizeitpark anfange, wie ein Zombie zu laufen, dann nutze ich den Rollstuhl - nunmehr seit etwa vier Jahren. Ich muss sagen, es ist ein blödes Gefühl, den Rolli zu schieben und sich dann bei Bedarf hinein zu setzen oder wieder aufzustehen. Wenn meine Mitmenschen mich bei solchen Gelegenheiten ansehen, als wäre ich ein Simulant, und ich in frecher Stimmung bin, dann hebe ich schon mal die Arme und rufe: "Ich kann wieder gehen!" Das gibt immer verdutzte Gesichter. Man muss sich einfach ein dickeres Fell zulegen. Viele Menschen wissen es nicht besser. Und wie sollen sie es auch lernen?

"Das Bild in der Öffentlichkeit muss sich ändern"

Erst in einer Reha habe ich selbst festgestellt, dass man nicht zwangsläufig an den Rollstuhl "gefesselt" ist, sondern man vielleicht nur seine Kräfte einteilen muss. Wenn man das als potentieller Rollstuhl-Kandidat schon nicht weiß, sollte man andere Menschen nicht verurteilen, sondern aufklären. Das Bild in der Öffentlichkeit muss sich einfach ändern, es geht doch vielen Menschen wie mir.
Ich möchte einfach ein gutes Wort für den Rollstuhl als Hilfsmittel einlegen. Er ist mein Ruhepunkt, er hilft mir, wenn ich eine Pause brauche, er lässt mich weitere Strecken in Angriff nehmen. Er ist ein Weg aus der Isolation! Traut euch ruhig selbst in einen Rollstuhl, nutzt Angebote, um ihn einfach mal auszuprobieren. Denn der Rollstuhl ist ein tolles Sportgerät, das richtig viel Spaß macht! Ich bin seit ca. zwei Jahren in einer MS-Selbsthilfegruppe, und tolle Menschen aus der Gruppe haben ein Rollstuhl-Fahrtraining organisiert.

"Ich möchte noch mehr Tricks lernen!"

So war ich mit meiner Tochter als Begleitung bei diesem Training in einer Turnhalle. Die anderen Teilnehmer und Begleitpersonen kannten sich zum größten Teil, und die Stimmung war entsprechend gelöst. Wir haben viel gelacht und auch viel gelernt.
Der Leiter unseres Kurses, Horst Strohkendl, hatte verschiedene Rollstühle dabei, die jeder ausprobieren durfte. Ich habe mich in einem sportlichen Aktivrollstuhl versucht, der sich sehr leicht vom Rollifahrer ankippen lässt, ganz anders als mein eigener. Ich muss mich selbst, ganz ehrlich, als ewigen Sportmuffel bezeichnen, doch mit diesem Rollstuhl konnte ich die Übungen so gut meistern, dass ich mich schon riesig auf eine Wiederholung freue. Ich möchte noch mehr Tricks lernen!
Wenn ich in Zukunft mal mehr im Rolli sitzen sollte - alles gut, ich schaffe den Bordstein auch ganz alleine. Ich kann nur allen Betroffenen in ähnlicher Situation raten: Habt den Mut, nutzt solche Angebote, um das Gefühl in den verschiedenen Rollstühlen und bei bestimmten Aktionen zu testen. Probiert es einfach aus, es ist ein Gewinn an Lebensqualität. Vielleicht begegnen wir uns ja mal? Ich bin die, die trotzdem lacht!

Text: Silke vom MS-Treff Erkrath / erschienen im RehaTreff - 1/2015
Bild: privat