Superlative unter der Wüstensonne

Marina Maurer auf der Aussichtsplattform des Burj Khalifa
Marina Maurer auf der Aussichtsplattform des Burj Khalifa

Beitrag aus dem Rehatreff 04/2015: Mit Rollstuhl-Model Marina Maurer durch Abu Dhabi und Dubai

Wüstenzauber und Luxus. Diese Mischung lockt immer mehr Urlauber in die Vereinigten Arabischen Emirate. Aber wie barrierefrei sind diese Oasen inmitten von Sand? Rollstuhlfahrerin und Model im Rollstuhl, Marina Maurer, hat für den RehaTreff Abu Dhabi und Dubai erkundet. Hier ihr ganz persönlicher Bericht.

Nach knapp sechs Stunden Flug und – weil wir keine Landeerlaubnis erhalten hatten – nochmals 45 Minuten Rundflug über Abu Dhabi, setzt unser Flugzeug endlich weich auf der Piste des Hauptstadt-Flughafens der Vereinigten Arabischen Emirate auf. Auch nach dem Ausrollen der Maschine ist Geduld gefragt. So unorganisierte Menschen habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Über 30 weitere Minuten muss ich warten, bis endlich jemand kommt und mich im Flugzeug abholt. Dafür haben sie jetzt gleich zwei Rollstühle zur Auswahl mitgebracht. Mit Zeichensprache versuche ich die Mitarbeiter am Flughafen zu fragen, wo denn mein eigener Rollstuhl ist. Keiner spricht Englisch, um meine Fragen zu beantworten. Angst keimt in mir auf. Werde ich meinen Rolli jemals wiedersehen?

Nach gefühlten zehn Kilometern quer durch den ganzen Flughafen, mit Menschenschlangen und Passkontrollen, verspüre ich endlich große Erleichterung: Gott sei Dank, mein Rollstuhl steht ganz allein an einem Gepäckband. Jetzt heißt es, schnell umsetzen, Koffer holen und ab an die frische Luft. Es ist schon 22 Uhr Ortszeit am internationalen Flughafen Abu Dhabi, und wir haben noch immer 40 Grad! Das Urlaubsfeeling hat eingesetzt.
Der Transfer, im Flugpreis inbegriffen, mit einem normalen Van klappt wunderbar, überall helfende Hände und sehr freundliche Menschen. Die Fahrt dauert eine halbe Stunde, und schon sind wir mitten in der City, am Hotel Sheraton. Wir checken ein und erkunden anschließend erst einmal die Gegend, ausgeschlafen sind wir ja, mein Lebenspartner Artur und ich.

Bad nicht ganz barrierefrei

Wieder zurück im Hotel, muss ich als inkomplett querschnittgelähmte Rollstuhlfahrerin leider feststellen, dass das „rollstuhlgerechte Zimmer“ nicht allzu groß und das Badezimmer nicht wirklich 100% barrierefrei ist. Aber was soll’s? Die kommenden zehn Tage wollen wir ja nun wirklich nicht nur im Zimmer verbringen. Unser Hotel ist eigentlich eher ein Businesshotel. Aber es hat eine eigene Strandbucht, und deshalb hatten wir es gebucht. Auf dem Gelände sind zahlreiche Rampen, so dass ich mich weitgehend selbständig auf der Anlage bewegen kann. Der sehr langgezogene Weg zum Strand ist für mich etwas mühsam zu bewältigen. Und der Strand selbst ist auch nicht besonders rollstuhltauglich. Aber dafür gibt es überall sehr hilfsbereites Personal, das uns Tag ein, Tag aus, helfend zur Seite steht – ein paar Dirham Trinkgeld sind hier allerdings als kleines Dankeschön selbstverständlich. So lässt sich der Urlaub genießen: weißer Sand, warmes Wasser, Sonne satt!

Der Begriff all inclusive ist in den Emiraten noch nicht so gängig wie in anderen Ländern. Die Getränke müssen wir bezahlen. Das Essen und die Auswahl am Buffet zu jeder Mahlzeit sind jedoch nicht zu übertreffen. Alles ist sehr frisch und in großen Mengen vorhanden. Vor allem die Süßspeisen sind eine Sünde wert - und der Magen verträgt alles hervorragend.

Bus auch nicht

Natürlich möchten wir auch etwas vom Land sehen. Online haben wir Tickets für die Aussichtsplattform des Burj Khalifa in Dubai gebucht. Leider ist die Verbindung zwischen Abu Dhabi und Dubai noch nicht wirklich für Rollstuhlfahrer ausgebaut. Wir haben nur zwei Alternativen: Entweder nehmen wir uns ein teures Taxi, das One Way schon 80 bis 100 Euro kostet, oder wir fahren mit dem öffentlichen Reisebus für umgerechnet 6 Euro.

Tipp: Die privaten Taxis - meistens schwarze Limousinen ohne Aufkleber - sind wesentlich teurer als die staatlichen RTA-Taxi-Anbieter. Über eine spezielle Nummer hat man auch hier die Möglichkeit, ein Taxi mit Rampe zu bestellen. Wir entscheiden uns dennoch für den Reisebus. Ohne fremde Hilfe ist die Fahrt ein kleiner Kraftakt. Artur trägt mich Huckepack in den Bus. Augen zu und durch. Der Rollstuhl wird zu den Gepäckstücken gepackt, und die etwa zweistündige Fahrt im glücklicherweise klimatisierten Bus nach Dubai beginnt. Für unseren zweitägigen Aufenthalt dort haben wir ein Hotel Downtown gebucht, mit Aussicht auf den Burj Khalifa.

Geschäfte, soweit das Auge reicht

Nach zweistündiger Besichtigung des 828 Meter hohen Wolkenkratzers und atemberaubendem Blick von der absolut rollstuhltauglichen Plattform auf der 126. Etage sind wir in der gigantischen Dubai Mall gelandet. Das Frauenherz schlägt hier ganz automatisch höher, handelt es sich doch um ein riesiges Einkaufszentrum mit allem Schnickschnack für den großen Geldbeutel. Für uns heißt es hier: Schauen, Staunen, und weiter geht’s. Die Größe ist nicht zu beschreiben. Unzählige Geschäfte, für deren genaue Erkundung man sicherlich eine ganze Woche braucht. Die rollstuhlgerechten Toiletten sind diskret in den normalen Toiletten untergebracht.

Die arabischen Märkte in Dubai heißen Souks. Sie erfreuen sich großer Beliebtheit, nicht nur um Schnäppchen auszuhandeln, sondern auch wegen der Atmosphäre. Es gibt Gold-, Gewürz- und Textilien-Souks. Wer auf der Suche nach Gold oder edlen Stoffen ist, dem ist der Gold Souk sehr zu empfehlen. Den Old Dubai Souk zu besuchen, wirkt auf mich zunächst wie ein kleines Abenteuer. Touristen begegnen uns dort kaum. Es gibt sehr hohe Bordsteine, die ich ohne Hilfe nicht bewältigen kann. Bei näherer Betrachtung finde ich aber doch überall, wo es drauf ankommt, Rampen und Aufzüge und Sicherheitspersonal, welches bei Fragen hilfreich zur Seite steht. Das größte Problem haben wir am Ende damit, ein ganz normales Taxi zu finden. Wäre der alte, nette Mann nicht gewesen, der extra für uns auf die Suche gegangen ist, würden wir heute noch vollgepackt an der Straßenecke stehen und warten, weil ein Taxi dort einfach nicht vorbeikommt.

Ein kleiner Insider-Tipp für abends: die adove Bar in unserem Sofitel Hotel. Man hat von dort einen unbeschreiblichen Blick auf den beleuchteten Burj Khalifa. Leider wird aber auch hier gebaut. Ich denke, dass der Ausblick schon bald nicht mehr derselbe sein wird. Sehr schade.

Bring mich auf die Palme

Natürlich darf in unserem Sightseeing-Programm auch ein Ausflug zu den Palm Islands nicht fehlen. Seit 2001 werden in Dubai diese künstlichen Inselgruppen in Form von Palmen angelegt. Dazu gibt uns Wikipedia folgende Anmerkung: Da der Kontinentalschelf am Persischen Golf weit ins offene Meer reicht, ist die Wassertiefe vergleichsweise gering. Das ermöglicht das Aufschütten von Inseln. Über 100 Millionen Kubikmeter Fels und durch ein spezielles Rüttelverfahren verdichteten Meeressand hat man schon verbaut. Allein „The Palm, Jumeirah“ verlängert die Küstenlinie Dubais um ca. 100 km. Auf den Inseln stehen Villen und Hotels, sogar Vergnügungsparks. Da wir nicht schon wieder mit dem Bus fahren möchten, nehmen wir uns ein Taxi und lassen uns einmal quer zu den touristischen Highlights fahren. So können wir bequem überall, wo wir wollen, anhalten, aussteigen und Fotos schießen. Dubai ist wirklich eine einzige Baustelle! Egal wo man hinschaut, überall wird rund um die Uhr gebaut. Alles größer, höher, protziger. Die Hotels auf der Palme Jumeirah sind unbeschreiblich. Leider bleibt ihr Inneres für uns ein Geheimnis. Ohne Reservierung wird kein Einlass gewährt, die Besichtigung somit zum teuren Vergnügen.

Marina Maurer vor der Scheich-Zayid-Moschee
Marina Maurer vor der Scheich-Zayid-Moschee

Achtgrößte Moschee der Welt

Abends kehren wir über die Ibn Battuta Metro-Station zurück nach Abu Dhabi. In unserem Hotel empfiehlt man uns dann den Besuch der Scheich-Zayid-Moschee. Sie ist die größte Moschee in den Vereinigten Arabischen Emiraten und die achtgrößte der Welt. Gleich am Eingang werden wir bei unserem Besuch der Moschee am nächsten Tag auf die Kleiderordnung hingewiesen, an die man sich halten sollte: keine nackten Knie oder Schultern zeigen und kein Dekolleté. Da ich einen Schal dabei habe, muss ich mir als Frau vor Ort keine Kopfbedeckung ausleihen.

Alles ist ebenerdig und ohne Probleme zugänglich. Die vergoldeten Kronleuchter, so erfahren wir, wurden extra aus Deutschland importiert. Ein imposanter Teppich wurde in vierjähriger Arbeit handgeknüpft. Ich bin beeindruckt von den wunderschönen Marmorintarsien – eigentlich zu schade zum drüber rollen…

Auf dem Kamel durch die Wüste

„Wenn wir schon in der Wüste Urlaub machen, sollten wir auch mal Kamel reiten“, schlage ich am nächsten Morgen beim Frühstück vor. Gesagt, getan. Da ich weder im Internet noch über die örtlichen Anbieter Informationen über die Rollstuhlfreundlichkeit der Touren bekomme, beschließen wir, uns vor Ort ein eigenes Bild zu machen. Eine Beratung findet in dem Sinne natürlich nicht statt, aber an der Tour können wir problemlos teilnehmen.

Den Rolli mussten wir im Hotel lassen, was mir - wie allen Rollstuhlfahrern in ähnlicher Situation - natürlich Sorgenfalten auf die Stirn trieb. Schon lange habe ich mich nicht mehr so hilflos gefühlt. Wohl oder übel muss ich mich auf „getragen werden“ einstellen, mir bleibt keine andere Wahl.

Erster Halt ist eine Kamelfarm. Hier können die Touristen die Kamele füttern und das eine oder andere Foto schießen. Und dann geht es ab in die Wüste. Ein hin und her, hoch und runter, das Gefühl als ob man schwebt und Angst, dass sich das Auto gleich mehrfach überschlägt. Ein kurzer Stopp mitten in der Wüste zum Aussteigen und Fotos machen ist schwieriger als gedacht. Ohne Rolli und Asphalt heißt es hier wieder: Huckepack und ab durch die Mitte. Für meinen Freund nicht einfach, mich bei 40 Grad zu tragen, wenn seine Füße noch dazu im Sand versinken. Die Hitze ist zwar trocken, aber länger als zehn Minuten in der Sonne ist nicht auszuhalten. Wir müssen uns ständig eincremen, um unsere Haut zu schützen. Fazit: So eine Tour ist definitiv nichts für Leute mit schwachen Nerven, Rückenproblemen oder empfindlichem Magen. Erleichtert, die Fahrt ohne Schaden überstanden zu haben, erreichen wir ein Camp. Sehr orientalisch sieht es hier aus, mit Teppich und Beleuchtung mitten im Niemandsland. Ich bin froh, wenigstens mal wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Nach einer kurzen Erfrischung, damit der Magen sich wieder beruhigt und der Adrenalinspiegel sinkt, gönne ich mir ein traditionelles Henna-Tattoo als Erinnerung. Es folgen ein Kamelritt, Fotos mit einem Falken, eine Stärkung am Buffet, Show- und Tanz-Einlagen und Shisha-Rauchen – insgesamt ein unvergessliches Erlebnis.

Luxus pur im Emirate Palace

Als i-Tüpfelchen entschließen wir uns am Ende unseres Aufenthalts spontan, das Emirate Palace anzuschauen, eines der luxuriösesten Hotels der Welt. Sein Bau hat drei Milliarden Dollar verschlungen. Die berühmte Hotel-Treppe aus dem aktuellen „Fast & Furious 7“-Film mussten wir unbedingt mal live sehen. Das Stückchen Kuchen für zehn Euro und der Kaffee mit Goldblättchen ist kein Muss, aber definitiv ein Genuss. Das Hotel ist mehr als beeindruckend. „Wow!“ - andere Worte kann ich hierfür nicht finden. Gold und Marmor, überall wohin man schaut. Luxus pur. Am einfachsten ist es, sich mit dem Taxi direkt zum Eingang fahren zu lassen. Da das Hotel auf einem künstlichen Berg gebaut wurde, ist die Auffahrt via Rolli sonst sehr mühsam.

Nach zehn Tagen verabschieden wir uns von Abu Dhabi und nehmen den Nachtflug Richtung Stuttgart. Mein Fazit zu den Arabischen Emiraten: Nichts ist unmöglich, das trifft auch für Weltenbummler in Dubai und Abu Dhabi zu. Alles ist weitestgehend barrierefrei, aber ohne helfende Hände ist ein erlebnisreicher Urlaub dort leider doch unmöglich. Hürden sind vor allem die hohen Bordsteine, die nicht vorhandene rollstuhlgerechte Infrastruktur zwischen Dubai und Abu Dhabi sowie Barrieren an den Stränden und teilweise auch auf den Hotelanlagen. Dennoch sind die Arabischen Emirate auch für Rollstuhlfahrer eine Reise wert.

Marina Maurer