Eine Rollitour durch die Münchner Altstadt

Das Foto zeigt die Teilnehmer einer Stadtführung am Marienplatz.
Stadtrundgang am Münchner Marienplatz

Jeden Tag startet munich walk tours ab dem Marienplatz eine Altstadtführung durch München. Rollstuhlfahrer sind willkommen, sollten sich im Vorfeld jedoch anmelden. Wie barrierefrei die „schönste Stadt Deutschlands“ tatsächlich ist, hat RehaTreff getestet.

Ein freundlicher Löwe mit Rucksack marschiert mit großen Schritten über Ursula Tenderichs zitronengelbe Umhängetasche mit dem Schriftzug „munichwalks.de“. Die Gästeführerin steht, die Tasche gut sichtbar vor der Brust, auf dem Münchner Marienplatz direkt vor der Tourist Information. Doch an diesem Freitagvormittag Mitte März will sich bis 10.45 Uhr kein Passant der Stadtführerin von munich walk tours, einem Partner des Tourismusamtes, anschließen. Die Konkurrenz der Guides auf dem zentralen Münchner Platz ist riesig.

Das Foto zeigt Daniela Dobler und Tessa Drossel.
Daniela Dobler und Tessa Drossel bei der Stadtführung.

So bleiben die drei Rollstuhlfahrerinnen Alexandra Bauer, Daniela Dobler und Tessa Drossel – abgesehen von Alexandras Assistenten und dem RehaTreff – bei ihrer Altstadtführung am ersten wirklich frühlingswarmen Morgen des Jahres unter sich. Die drei ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen des städtischen Projektes „Auf Herz und Rampen prüfen“, das mit nicht behinderten Kindern und Jugendlichen die Barrierefreiheit verschiedener Stadtviertel prüft, hatten sich bereits im Vorfeld für den Stadtrundgang angemeldet, der 12 Euro pro Person kostet. Aus munich walks wird kurzerhand munich rolls.

 

 

Zwei zentrale Fragen

Es gilt, zwei Dinge zu klären. Erstens: Ist München wirklich die schönste Stadt Deutschlands, wie Ursula Tenderich behauptet? Zweitens: Ist sie, zumindest im engeren Zirkel der Altstadt, barrierefrei genug, um ihre Schönheit auch vor den Augen von Rollifahrern zu entfalten?

Gleich beim ersten Punkt gehen die Meinungen auseinander. „Bamberg“, ruft Alexandra Bauer, Bamberg sei die schönste Stadt Deutschlands. Auch wenn ihr damaliger Assistent bei der Stadtführung auf dem uralten Pflaster der im Zweiten Weltkrieg verschont gebliebenen Stadt „schwer ins Schwitzen“ gekommen sei. „Nein, Heidelberg ist die allerschönste Stadt Deutschlands“, kontert Daniela Dobler.

„Die Mariensäule hier vor dem Alten Rathaus ist der geographische Mittelpunkt der Stadt, von hier aus werden alle Kilometer gezählt“, lenkt Ursula Tenderich die Aufmerksamkeit der Frauen auf den Ausgangspunkt ihrer Altstadtführung. Erbaut hatte die elf Meter hohe Säule, die das vergoldete Standbild Marias trägt, Kurfürst Maximilian I. im Jahr 1638 – aus Dankbarkeit, dass im Dreißigjährigen Krieg die schwedischen Truppen seine Stadt verschont hatten.

Noch ein kurzer Exkurs ins Gründungsjahr Münchens 1158, als der Welfe Heinrich XII nicht weit vom heutigen Marienplatz eine Brücke über die Isar bauen ließ, um sich durch Wegzölle am florierenden Salzhandel zu bereichern. Dann verlassen die Rollstuhlfahrerinnen den überquellenden Platz. Gerade beginnt das Glockenspiel ganz oben in der Fassade des 1905 fertiggestellten neugotischen Neuen Rathauses zu erklingen. Wie jeden Tag um elf, zieht der Touristenmagnet auch an diesem Morgen die Aufmerksamkeit hunderter Besucher auf sich, die auf der Stelle mit ihren Smartphones zu filmen beginnen. Die Rollstuhlfahrerinnen haben sich jedoch längst durch die Menschenströme bis zur nahegelegenen Frauenkirche vorgearbeitet. Während Alexandra Bauer von ihrem Assistenten geschoben wird, greifen Daniela Dobler und Tessa Drossel selbst kräftig in die Räder.

Das Foto zeigt die Gästeführerin Frau Tenderich
Die Gästeführerin Frau Tenderich

Abschüssige Bürgersteige

„Anstrengend wird es immer auf den seitlich abschüssigen Bürgersteigen“, erklärt die 49-jährige Tessa Drossel. Aber das sei nun einmal nicht zu ändern, denn die Stadt müsse die Gehsteige so anlegen, damit Regenwasser besser abfließen könne. Nur auf der Rampe neben der Treppe am Seiteneingang der Frauenkirche lässt sich die Rollifahrerin ein Stück schieben, um dann im Inneren das Ambiente des spätgotischen Gotteshauses, eines der wichtigsten Wahrzeichen der Stadt, auf sich wirken zu lassen. „Anders als viele andere Kirchen ist die Frauenkirche mit ihren beiden berühmten Türmen im Ziegelbau errichtet worden“, erklärt Tenderich ihren Gästen, „im Winter wurden die Ziegel gebrannt, im Sommer verbaut. Die Arbeiten gingen so schnell voran, dass der Maurer- und Baumeister Jörg von Halspach nur 20 Jahre nach der Grundsteinlegung 1468 die Fertigstellung des Doms noch selbst erleben konnte.“

Weiter geht’s Richtung Promenadenplatz, auf dem dann Verkehr und Trambahnschienen die Aufmerksamkeit der Rollifahrerinnen fesseln, bevor sie vor der ersten Adresse der Stadt, dem Nobelhotel Bayerischer Hof, verschnaufen können. „Zweimal im Monat hat König Ludwig diese ‚bessere Absteige für kurfürstliche Gäste‘ selbst besucht und ein Bad genommen“, erzählt Tenderich. Denn im Gegensatz zum Königspalast hätte dieses 1826 auf sein Geheiß erbaute Haus schon über Badewannen verfügt.

„Die Behindertentoiletten sind super“, geben die Frauen der Gästeführerin einen aktuellen Tipp, den sie gegebenenfalls an andere Münchenbesucher mit Behinderung weitergeben kann. Zwar ist munich walk tours nicht auf Stadtführungen für behinderte Gäste spezialisiert, doch stellen sich die Guides auf die Bedürfnisse gehandicapter Teilnehmer ein. Eine kurze Info im Vorfeld an info(at)munichwalktours(dot)de darüber, wie viele Rollstuhlfahrer an den täglich um 10.45 Uhr startenden Touren teilnehmen wollen, ist hilfreich.

In der angrenzenden Kardinal-Faulhaber-Straße gruppieren sich Bauer, Drossel und Dobler um das Kurt-Eisner-Denkmal, das so mancher mit Füßen tritt oder gedankenlos überrollt. Denn die Bodenplatte, die die Umrisse des Ermordeten abbildet, ist recht unscheinbar. Doch erinnert sie an den Mann, der im Zuge der Novemberrevolution dem seit 1806 bestehenden Königreich der Wittelsbacher ein Ende setzte und am 8. November 1918 den Freistaat Bayern ausrief. Nur 16 Monate später tötete Leutnant Anton Graf Arco auf Valley den ersten bayerischen Ministerpräsidenten mit einem Kopfschuss – genau vor Haus 8 der Kardinal-Faulhaber-Straße.

Das Foto zeigt die Teilnehmer der Stadtführung am Platzl.
Am Platzl

Kleines und klobiges Kopfsteinpflaster

Bei geschichtlicher und politischer Fachsimpelei zieht die Gruppe weiter und passiert die schicke Einkaufspassage „Fünf Höfe“. Fußgänger halten bereitwillig die Schwingtüren auf. Nächster Halt: Odeonsplatz. Nördlich gibt er den Blick über die Ludwigstraße bis zum Siegestor frei. „Das ist mein absoluter Lieblingsort in München“, schwärmt Ursula Tenderich. Im Süden begrenzt ihn die imposante Feldherrenhalle, ein Nachbau der florentinischen Loggia. Der gesamte Platz, auf dem es bald so wuselig zugeht wie auf dem Marienplatz, ist mit Kopfsteinpflaster belegt. „Dieses kleine Kopfsteinpflaster geht noch“, erklärt Daniela Dobler, die es gewohnt ist, allein unterwegs zu sein und sich nur selten helfen lässt. Gekonnt meistert sie den hohen Bordstein der Residenzstraße und rollt ins – laut Wikipedia – größte Stadtschloss Europas, die Münchner Residenz. Die großen, klobigen Pflastersteine in den Innenhöfen stellen die Rollstuhlfahrerinnen vor die größte Bewährungsprobe an diesem Vormittag. Da trösten die Behindertenparkplätze in den Residenzhöfen, die Dobler anerkennend registriert, nur wenig. Doch spätestens nach Tenderichs Ausführungen über die „Schönheitengalerie“, die Frauenliebhaber König Ludwig I. für die Residenz malen ließ, und beim Tratsch über sein Techtelmechtel mit der berühmten Lola Montez, sind Pflastersteine, egal ob groß oder klein, vergessen.

Fazit: Schön und barrierefrei – aber die gröbsten Fugen müssen weg!

So lautet das Fazit der Teilnehmerinnen kurz vor Ende der Altstadtführung auf dem vom Münchner Hofbräuhaus und diversen Alfons-Schuhbeck-Niederlassungen dominierten Platzl: „Würde man die gröbsten Fugen zwischen den Pflastersteinen besser schließen, wäre eine Stadtführung durch die Altstadt überhaupt kein Problem.“ Und Kopfsteinpflaster gehöre nun einmal zum historischen Stadtbild dazu – trotz der erwünschten totalen Barrierefreiheit, die im Grunde immer ein Muss sei. „Auch für alte Menschen mit Rollator oder für Kinderwagen“, betont Alexandra Bauer.

Fazit Nummer zwei fällt nicht zuletzt dank Ursula Tenderich, die längst die üblichen 1,5 Stunden einer Fußgänger-Führung überschritten hat, ebenfalls positiv aus: „München ist, neben Bamberg und Heidelberg, tatsächlich die schönste Stadt Deutschlands“, räumen Alexandra Bauer und Daniela Dobler mit einer winzigen Einschränkung ein.

Susanne Böllert