RehaTreff: Flirten im Internet

Das Coverbild der RehaTreff 3/2013, auf dem drei Tänzer in einem einzigen Rollstuhl zu sehen sind (Bild: RehaTreff)
Exklusiv aus der aktuellen RehaTreff: Marcus Hülsen gibt Online-Flirttipps. (Bild: RehaTreff)

Der RehaTreff ist eines der bekanntesten Magazine rund um das Leben mit Behinderung, mit einer Auflage von 23.000 Stück. Auf MyHandicap können Sie einen Artikel aus der soeben erschienenen Ausgabe 4/2013 lesen - zum Thema Flirten im Internet.

Lesen Sie das Interview mit Marcus Hülsen, über 20 Jahre beim Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e. V. und erfahren Sie die goldenen Tipps für Flirtbegeisterte mit Handicap. 

Im Magazin RehaTreff findet sich zudem eine Reihe spannender Artikel wie etwa über Ärzte, die ihre Praxen barrierefrei gestaltet haben oder einen Rechtstipp für dringend benötigte Hilfsmittel über dem Vertragspreis hinaus (Inhaltsverzeichnis). Interessierte können das quartalsweise erscheinende Magazin für 18,00 Euro / Jahr abonnieren.

Hier erfahren Sie mehr über den rehaTreff und können sich ihr kostenloses Probeexemplar bestellen.


Flirten 2.0 - im Internet auf Partnersuche

Marcus Hülsen arbeitet seit über 20 Jahren beim Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e. V. (bvkm) und ist dort für den Bereich Freizeit und Begegnung zuständig. Im Gespräch mit RehaTreff erklärt er, welche goldenen Regeln man beim Flirten im Netz beachten sollte und wie groß die Chance tatsächlich ist, im Web auf Mr. oder Mrs. Right zu treffen.

RehaTreff (RT): Handicap-love.de, handicap-dating.de oder paralove.de: Warum boomt die Partnersuche im Netz gerade für Menschen mit Behinderung?

Marcus Hülsen (MH): Die Welt wird einfach mehr und mehr digitalisiert. Auch im privaten Bereich boomt der Gebrauch von Computern, Tablets oder Smartphones. Ich glaube, das ist gar nicht unbedingt etwas Behindertenspezifisches. Immerhin ist es doch für alle Menschen interessant, mit anderen Leuten in Kontakt zu treten. Und dann ist das Ganze übers Internet natürlich auch erstmal eine anonymere Sache; da fällt das Kennenlernen einfacher als zum Beispiel jemanden im Café anzusprechen.

RT: Mit welchen Erwartungen sollte ich generell an das Flirten im Netz herangehen?

MH: Beim Flirten im Internet sind die Erwartungen oft viel zu hoch. In der Alltagswelt lernt man die große Liebe seines Lebens ja auch nicht unbedingt beim Einkaufen im Supermarkt um die Ecke kennen. Meist ist Liebe doch eher Zufall. Im Netz wird die Partnersuche aber leider oft zwanghaft. Deshalb kommt es manchmal zu Missverständnissen und Missklängen zwischen den Flirtpartnern, denn wenn man so sehr auf eine Sache fixiert ist, kann man den anderen Menschen gar nicht richtig kennen lernen. Man sollte einfach offen für das „Gesamtpaket Mensch“ sein, und nicht zu verkrampft an die Sache herangehen.

Vorsicht vor Abo-Fallen!

RT: Woran erkenne ich eine seriöse Online-Partnerbörse?

MH: Das ist gar nicht so einfach. Viele Partnerbörsen werben mit gewissen Auszeichnungen. Da empfiehlt es sich, dann noch mal zu googlen und zu schauen, wie aussagekräftig diese Gütesiegel wirklich sind. Das Wichtigste ist aber die Kostenkontrolle beim Online-Flirten. Es gibt zwar einige Portale, bei denen ich mich erstmal kostenlos registrieren kann, aber oftmals habe ich dann nur einen eingeschränkten Zugang und erhalte erst nach Zahlung mehr Angebote oder Suchkriterien.

Wie viel ich wirklich ausgeben möchte, hängt immer von meinen persönlichen Erwartungen ab. Generell gilt aber: die Allgemeinen Geschäftsbedingungen genau durchlesen und Vorsicht vor Abo-Fallen, bei denen ich über Jahre jeden Monat Geld zahlen muss.

Nicht mit dem Flirten übertreiben

RT: Gibt es, abgesehen von der Kostenkontrolle, etwas wie „goldene Regeln“ fürs Flirten im Netz?

MH: Im Prinzip gibt es vier Sachen, auf die ich achten sollte: Wenn ich mit jemandem im Netz Kontakt habe, antwortet die Person dann wirklich auf meine Fragen und geht auf meine letzte Nachricht ein? Oder erscheint die Message wie eine Standardnachricht, die so auch an jeden anderen Kontakt hätte verschickt werden können?

Falls ja, ist das Ganze vermutlich nur ein vorgetäuschtes Spiel, um zum Beispiel an mein Geld zu kommen. Besonders bei Geld gilt Alarmstufe rot, wenn jemand nach meinem Vermögen fragt oder mir von seinen Geldsorgen erzählt, sonst falle ich vielleicht auf einen Betrüger herein. Auch bei sexuellen Andeutungen sollte man sich genau überlegen, ob man sich darauf einlassen möchte. Zur Not lassen sich Kontakte auch blockieren oder sperren.

Außerdem sollte man sich ganz bewusst eine gewisse Zeit für das Flirten im Netz nehmen, zum Beispiel eine halbe Stunde am Tag und den Computer danach ausschalten. Wenn ich mich nächtelang in Flirtportalen herumtreibe oder sogar mit dem Smartphone an der Bushaltestelle online gehe, kann das Ganze schnell zur Sucht werden. Außerdem ist dann die Gefahr viel größer, dass ich unaufmerksam bin und plötzlich Sachen von mir erzähle, die ich sonst nie preisgegeben hätte.

Silhouette eines Mannes der, eine Rollstuhlfahrerin von hinten ruckartig anschiebt (Bild: RehaTreff)
Ein goldener Tipp für Flirtbegeisterte mit Handicap: So ehrlich wie möglich sein, um keinen falschen Eindruck zu erwecken. (Bild: RehaTreff)

So wenig Details wie nötig preisgeben

RT: Gibt es irgendetwas, worauf man als Mensch mit Behinderung bei der Partnersuche im Netz besonders achten sollte?

MH: Da ist natürlich die große Frage: Soll ich meine Behinderung angeben oder nicht? Wenn ich meine Behinderung verschweige, kann ich herbe Enttäuschungen erleben. Deshalb am besten so ehrlich wie möglich sein, um keinen falschen Eindruck zu erwecken. Natürlich muss ich dabei nicht nur Negatives in den Vordergrund stellen, sondern kann auch von Vorteilen berichten.

RT: Gibt es denn auch Informationen, die ich im Netz besser nicht preisgeben sollte?

MH: Generell gilt bei persönlichen Informationen: So wenig wie möglich, so viel wie nötig. Das heißt, dass ich zwar meinen Wohnort angeben kann, aber nicht meine Straße oder Hausnummer. Auch Details, wie zum Beispiel wo ich arbeite, wo ich zur Uni oder zur Schule gehe, sollte man erst preisgeben, wenn sich bereits eine Vertrauensbasis aufbauen konnte.

Chancen mit professionellen Fotos pushen

RT: Wie stelle ich mich im Profil am besten dar?

MH: Natürlich müssen die Grundangaben stimmen, also Alter, Ausbildung, Hobbies, Interessen, etc. Trotzdem sollte ich in meinem Profil noch nicht zu viel über mich erzählen, sondern erstmal Neugier erwecken, damit noch genug Gesprächsstoff für Online-Unterhaltungen übrig bleibt. Ansonsten kann es von Vorteil sein, das Profilfoto von einem Profi-Fotografen machen zu lassen, der meine Vorzüge ins rechte Licht setzen kann.

RT: Mit ein wenig Glück trudeln dann ja irgendwann die ersten Messages ein. Woran erkenne ich hier „schwarze Schafe“?

MH: Auch hier gilt es wieder, auf Standardnachrichten zu achten und vielleicht die Messages mit den Profilinformationen meines Flirtpartners zu vergleichen, um zu sehen, ob die Infos übereinstimmen. Auch wenn jemand auf seinem Foto ganz besonders attraktiv erscheint, könnte eventuell eine Agentur dahinter stecken, und ich muss mit etwas Vorsicht an die Sache herangehen.

RT: Welche Vorteile hat das Flirten im Internet im Vergleich zum Flirten in der „realen Welt“ und welche Nachteile gibt es?

MH: In der realen Welt sieht man sich einfach von Angesicht zu Angesicht; das heißt, dass ich nicht so viel verbergen kann. Anderseits gibt es in der wirklichen Welt aber auch mehr Hemmungen. In der virtuellen Welt kann ich wiederum vieles verstecken: Ich kann schummeln, andere Fotos hochladen und eine komplette Scheinwelt kreieren.

Umgekehrt kann ich im Netz aber auch schnell und unkompliziert auf andere Menschen zugehen und ganz zwanglos eine Unterhaltung beginnen. Außerdem bin ich online nicht an bestimmte Orte gebunden. Das hat besonders Vorteile für Menschen mit Behinderung, die teilweise die Bereiche Wohnen, Arbeit und Freizeit an ein- und demselben Ort leben. Wenn Menschen beispielsweise in einer Einrichtung untergebracht sind, verbringen sie ihre Zeit meistens nur mit einem bestimmten Kreis von Menschen. Das Netz bietet da die Möglichkeit, aus diesem Alltag auszubrechen und neue Leute kennen zu lernen.

Das erste Treffen: Wichtige Regeln

RT: Was, wenn es zum ersten Treffen in der realen Welt kommt. Worauf sollte ich achten?

MH: Man sollte sich an einem neutralen Ort, wie etwa einem Café, treffen und nicht ganz alleine bei sich zu Hause. Ich kann auch eine Freundin mit zum ersten Date nehmen, die sich dann an einen anderen Café-Tisch setzt und das Treffen aus dem Augenwinkel beobachten kann. In der wirklichen Welt habe ich dann natürlich auch die Möglichkeit, bestimmte Sachen aus dem Netz zu überprüfen:

Stimmt das Foto, stimmt das, was die Person mir im Vorfeld erzählt hat, wo wurde vielleicht geflunkert? Ich kann auch geschickt nachfragen, ob sich mein Date an bestimmte Dinge erinnert, die wir online besprochen haben. So kann ich feststellen, ob der Mensch wirklich Interesse an mir hat, oder ob ich nur einer von vielen bin, mit denen er sich im Café trifft. Und am Ende des Treffens sollte ich dann nicht sofort meine Adresse oder Handynummer herausgeben, sondern immer mit einer gesunden Portion Misstrauen an die Sache herangehen.

RT: Und zum Schluss: Wie groß ist die Chance tatsächlich, im Internet die große Liebe zu finden?

MH: Gute Frage … ich schätze, wie so vieles im Leben, trifft einen die Liebe gerade dann, wenn man am wenigsten damit rechnet. Das A und O ist, dass ich mich erstmal selbst kennenlerne, bevor ich andere Leute kennenlernen kann. Wenn ich einen festen Kern und innere Ruhe habe, bin ich auch für andere Menschen offen – egal ob im Web oder in der realen Welt.

 

Text: Verena Zimmermann/RehaTreff - 12/2013

Bild: RehaTreff