RehaTreff: Das Für und Wider von Exoskeletten

Das Coverbild der RehaTreff 3/2013, auf dem drei Tänzer in einem einzigen Rollstuhl zu sehen sind (Bild: RehaTreff)
Exklusiv aus der aktuellen RehaTreff: Werner Pohl diskutiert über Exoskelette. (Bild: RehaTreff)

Der RehaTreff ist eines der bekanntesten Magazine rund um das Leben mit Behinderung, mit einer Auflage von 23.000 Stück. Auf MyHandicap können Sie einen Artikel aus der soeben erschienenen Ausgabe 3/2013 lesen - zum Thema Exoskelette.

Darin diskutiert Werner Pohl das Für und Wider von Exoskeletten, die in den letzten Jahren vermehrt Presse machten und querschnittgelähmte Menschen vom aufrechten Gang träumen lassen. Lesen Sie hier den Artikel.

Im Magazin RehaTreff findet sich zudem eine Reihe spannender Artikel wie etwa über einen Landwirt im Rollstuhl oder über Minderjährige, die ihre Eltern pflegen müssen (Inhaltsverzeichnis). Interessierte können das quartalsweise erscheinende Magazin für 18,00 Euro / Jahr abonnieren.

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Aufstand in der Querschnitt-Therapie?

Querschnittlähmung ist unheilbar, und das wird nach dem derzeitigen Stand der Medizin auch noch eine ganze Weile so bleiben. Verfolgt man aber die Berichterstattung in der Tagespresse, so häufen sich in jüngster Zeit Berichte über Gelähmte, die nach Jahren im Rollstuhl erstmals wieder aufrecht durchs Leben schreiten. Was geht da vor?

Es ist gerade ein paar Jahre her, da tauchten in der Presse die ersten Berichte über halbwegs zur Praxisreife gediehene Exoskelette auf. Was es damit auf sich hat, geht schon aus dem Begriff hervor. Ein "Außenskelett" in Form einer komplexen Konstruktion aus Gelenken, Sensoren und Elektromotoren umschließt die Beine eines Gelähmten und befähigt ihn, sich aufrecht, in der Regel unter Zuhilfenahme von Unterarmgehstützen, vorwärts zu bewegen.

Neu ist die Idee als solche nicht. Schon vor Jahrzehnten wurden (Querschnitt-)Gelähmte mit sogenannten Schienen-Schellen-Apparaten in die Senkrechte gebracht, freilich ohne motorische Unterstützung und in der Regel mit verheerenden Auswirkungen auf die der Belastung nicht gewachsenen oberen Extremitäten und Schultern.

Materialeigenschaften und Computerisierung schaffen neue Fortbewegungsoptionen

Heute sieht die Sache anders aus. Es gibt federleichte, hochfeste Materialien, kompakte, leistungsfähige Servomotoren, Akkus, die diese stundenlang mit Strom versorgen können und vor allen Dingen Computer, die hochkomplizierte Rechenoperationen in Gedankenschnelle bewältigen. Aus diesen Komponenten eine "Gehmaschine" zu bauen, ist kein abwegiger Gedanke, und tatsächlich arbeiten Wissenschaftler und Tüftler rund um den Globus mit Hochdruck an der Lösung des Problems. Ihre Schöpfungen sind dem Laborstadium entkommen.

Zwischenzeitlich sind erste Exoskelette in Kliniken im Einsatz, vereinzelt wagen bereits Privatkäufer die Investition. Die Entwicklung nimmt gerade erst Fahrt auf. Die rasant wachsenden Möglichkeiten in punkto Materialeigenschaften und Computerisierung laden förmlich dazu ein, sich vorzustellen, wie in nicht allzu ferner Zukunft Menschen, die heute noch auf den Rollstuhl angewiesen sind, völlig neue Fortbewegungsoptionen haben werden, Optionen, von denen lange Zeit nur geträumt werden durfte.

Eine junge, lachende Frau in einem Exoskelett und mit Krücken in den Händen (Bild: Ekso Bionics™, ©2011 RJ Muna)
Mit einem Exoskelett wieder aufrecht gehen können: Der Traum vieler mit Querschnitt. (Bild: Ekso Bionics™, ©2011 RJ Muna)

Emotionen um den aufrechten Gang

Die Fähigkeit zum aufrechten Gang - immerhin hat die Evolution eine ganze Weile gebraucht, sie zuwege zu bringen, und vorgeblich ist sie Zeichen einer hohen Entwicklungsstufe - ist nicht nur eine sehr komplizierte, sondern auch eine hochemotionale Angelegenheit. Spricht man mit Rollstuhlfahrern, so hat bei vielen der Wunsch, ihren Mitmenschen wieder "auf Augenhöhe" begegnen zu können, einen hohen Stellenwert. Aus der Sicht von Nichtbetroffenen ist die Sache ohnehin klar. Das wird deutlich an einer Vielzahl von Presseberichten zum Thema Exoskelette.

Kaum ein Zeitungsschreiber widersteht der Versuchung, den emotionalen Aspekt des "endlich wieder Laufen Könnens" in den Mittelpunkt seiner Berichterstattung zu stellen. Das geht ziemlich am Thema vorbei, aber Querschnittgelähmte sind es ja gewohnt, dass ihre wirklich wesentlichen Belange der Öffentlichkeit nur schwer zu vermitteln sind. "Frau XY strahlt. Nach Jahren im Rollstuhl ist sie zum ersten Mal wieder gelaufen." So oder so ähnlich lautet die übliche Einleitung von Tageszeitungsartikeln, wenn es um das Thema Exoskelette geht. Unausrottbar ist in der Wahrnehmung von Nichtbetroffenen die Vorstellung verankert, das Wichtigste für einen Rollstuhlfahrer müsse doch sein, wieder laufen zu können.

Lahme, die sich aufrecht vorwärts bewegen, machen mehr her

Fakt ist: Exoskelette bringen niemanden zum Laufen. Die Protagonisten der rührseligen Tageszeitungsgeschichten werden allenfalls gegangen, und diesen Vorgang mit Gehen zu umschreiben, braucht schon ein gewisses Maß an Wohlwollen. Eingerüstet in martialisch wirkendes Gerät und begleitet von der Geräuschkulisse zahlreicher Elektromotoren, erinnern die Probanden in Aktion eher an Aliens aus einem Fantasyfilm denn an Fußgänger im Sinne des Wortes.

Aber die Wirkung auf die öffentliche Wahrnehmung ist enorm. Lahme, die sich aufrecht vorwärts bewegen, und sei es noch so holprig, machen einfach mehr her als solche, die sich mit dem Rollstuhl in ein neues Leben hineingearbeitet haben. Aus dieser Gemengelage heraus ist es schwer, zu einem objektiven Urteil über Sinn und Nutzen der neuen Technik zu kommen.

Mehr als ein Therapiegerät

Die Hersteller selbst verfolgen durchaus unterschiedliche Wege. Das amerikanische Unternehmen Ekso Bionics versteht sein Exoskelett als reines Therapieinstrument, das für den Einsatz in Kliniken konzipiert ist. Dort erleichtert es die Arbeit von Therapeuten und eröffnet neue Trainingsoptionen. In seiner neuesten Entwicklungsstufe ist das Gerät in der Lage, Patienten mit Restfunktionen variabel zu unterstützen, um so eine mögliche Rückgewinnung von Körperfunktionen zu fördern.

Ungleich emotionaler in der Zielgruppenansprache präsentiert die Firma Argo Medical ihr Produkt ReWalk, das in Israel entwickelt wurde: "Wieder laufen." - die Headline eines aktuellen Prospektes weckt konkrete Erwartungen. Videos zeigen das Gerät vorzugsweise beim Einsatz im Alltagsambiente, auf einer Strandpromenade, im Park, in der Stadt. Neben einer Version für den Therapieeinsatz in Kliniken bietet ReWalk auch eine Version für Privatnutzer an.

Exoskelette für die Gesundheit und ein gutes Gefühl

Beide Unternehmen stellen ihre Produkte auf Messen, bei Veranstaltungen und in Kliniken im praktischen Einsatz mit Nutzern vor, die teilweise schon über längere Erfahrung mit den Systemen verfügen. Deren Meinung ist einhellig positiv. "Es ist ein ganz anderes Gefühl, wieder aufrecht unterwegs zu sein. Außerdem habe ich viel weniger Blasenprobleme. Früher hatte ich dauernd Infekte. Seit ich regelmäßig mit dem ReWalk unterwegs bin, fühle ich mich insgesamt wesentlich wohler", fasst Nutzer André van Rüschen seine Erfahrungen zusammen.

"Vor meiner Querschnittlähmung war ich begeisterte Saunagängerin. Wenn ich heute eine Weile gelaufen bin, habe ich hinterher genau das gleiche, entspannte Gefühl. Ich strahle danach noch eine ganze Weile von innen heraus und fühle mich richtig wohl", beschreibt Astrid Zink ihre Erfahrung mit dem Gehroboter von Ekso.

Nicht jeder ist für die Nutzung geeignet

Derlei Enthusiasmus bewerten Mediziner gerne als "anekdotische Evidenz", was so viel heißt wie, eine wissenschaftliche Relevanz lässt sich dem guten Gefühl nicht beimessen. Tatsächlich ist es noch zu früh für eine erfahrungsbasierte Bewertung des Für und Wider von Exoskeletten. Als mögliche positive Auswirkungen stellen die Befürworter eine Verbesserung der Herz- und Kreislauffunktion von Betroffenen dar, ebenso eine Verbesserung von Blasen- und Darmfunktion. Positive Auswirkungen auf die Knochendichte sind ebenso denkbar wie eine Verringerung von Schmerzen und eine verminderte Spastik.

Kritiker warnen vor negativen Auswirkungen auf die Arm- und Schultermuskulatur und vor der Gefahr von Druckstellen. Auch sei noch nicht abzusehen, welche Auswirkungen der aufrechte Gang auf Bänder, Sehnen und Gelenke in den gelähmten Körperpartien habe. In jedem Fall wird es noch eine ganze Weile dauern, bis belastbare Daten über die medizinische Relevanz von Exoskeletten vorliegen.

Einig sind sich Mediziner wie Hersteller darin, dass bestimmte Voraussetzungen gegeben sein müssen, um überhaupt für die Nutzung der Technik in Frage zu kommen. Die Belastbarkeit des Oberkörpers und der Arme gehört ebenso dazu wie ein intakter Kreislauf und ein gewisses Maß an Körperstabilität. Osteoporose ist ein Ausschlusskriterium, ebenso starke Spasmen und Kontrakturen.

Begegnung auf Augenhöhe contra Beweglichkeit

Aber jenseits von Evidenz und Effizienz geht es in der Bewertung der neuen Technik ja auch um die emotionale Komponente. Hier treffen höchst unterschiedliche Auffassungen aufeinander. Pragmatiker sagen: "Mit Rollstuhl bin ich effizienter, schneller und beweglicher. Was hab' ich davon, zu laufen, wenn ich beim Einkaufen noch nicht mal eine Tüte tragen kann?" Viele, die es ausprobiert haben, schwärmen hingegen von dem Erlebnis, endlich mal wieder an einer Theke gestanden zu haben, endlich mal nicht für jedes Gespräch mit Fußgängern den Kopf in den Nacken gelegt zu haben. Ganz offensichtlich spielen individuelle Strategien bei der Traumabewältigung an diesem Punkt eine große Rolle.

Geburtsstunde einer Wundermaschine?

Bei einem Vortrag zum Thema Exoskelette auf der DMGP-Tagung in Murnau bereicherte ein Referent seinen Vortrag mit einem anschaulichen Videoclip. Ungelenk schlingerte da in flimmerigen Schwarzweißbildern ein Fahrzeug aus den Kindertagen des Automobilbaus über eine grobe Piste. Das sah alles andere als elegant aus, eher erheiternd.

Wer hätte damals wohl die Phantasie gehabt, von zuverlässigen, komfortablen, erschwinglichen Fahrzeugen zu träumen, wie sie heute Standard sind? Ein preiswertes, leichtes Exoskelett, unauffällig unter der Kleidung zu tragen, das ein flüssiges Gangbild zuwege bringt, Treppen bewältigt, einen Stadtbummel in Fußgängerperspektive ermöglicht, und die Nutzung eines Autos ganz ohne Handbedienung? Das wäre ein Ding! Es braucht ein wenig Vorstellungsvermögen, aber vielleicht erleben wir zurzeit gerade die Geburtsstunde dieser Wundermaschine.

 

Text: Werner Pohl/RehaTreff - 09/2013

Foto: RehaTreff, Ekso Bionics™, ©2011 RJ Muna