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RehaTreff Titel 3/15

Der RehaTreff ist eines der bekanntesten Magazine rund um das Leben mit Behinderung, mit einer Auflage von 22.000 Stück. Auf MyHandicap können Sie einen Artikel aus der Ausgabe 3/2015 lesen - zum Thema Schlaganfall-Lotsen helfen Patienten zurück in ein aktives Leben.

Im Magazin RehaTreff findet sich zudem eine Reihe spannender Artikel. Interessierte können das quartalsweise erscheinende Magazin für 18,00 Euro / Jahr abonnieren.

 

 

 

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Schlaganfall-Lotsen helfen Patienten zurück in ein aktives Leben

Anke Siebdrat (35) ist gelernte Ergotherapeutin. Sie studierte Management im sozialen Gesundheitswesen. Aktuell arbeitet sie als Case-Managerin und Schlaganfall-Lotsin. In dem Modellprojekt Ostwestfalen-Lippe hat sie die Lotsinnen für die Deutsche Schlaganfall-Hilfe nach einem Pfad eingearbeitet und geschult. Wöchentliche Fallbesprechungen dienten dabei der Qualitätssicherung.

Der Blick über den Tellerrand ist entscheidend

Ein Schlaganfall trifft die Menschen meistens völlig unerwartet. Zwei Drittel der Überlebenden behalten bleibende gesundheitliche Schäden. Das ganze Dasein verändert sich für sie von einem Moment auf den anderen gravierend. In dieser körperlichen und auch psychischen Ausnahmesituation sind die Patienten und ihre Angehörigen meistens völlig überfordert. Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe ist deshalb bemüht, bundesweit ein Hilfssystem aufzubauen, das Betroffene über einen längeren Zeitraum bei der Koordination der Hilfeleistungen und Planung des neuen Lebens unterstützt.

Noch überwiegend in Pilotprojekten, kommen bereits ehrenamtliche Schlaganfall-Helfer und hauptberufliche Schlaganfall-Lotsen zum Einsatz. Eine erste Bilanz ist vielversprechend. Im RehaTreff-Interview: Schlaganfall-Lotsin Anke Siebdrat. Sie arbeitete in dem gut einjährigen Modell-Projekt „Schlaganfall-Lotsen für Ostwestfalen-Lippe (OWL)“ mit, das Ende Juli ausgelaufen ist. Fünf Schlaganfall-Lotsinnen aus Bielefeld, Herford, Bad Oeynhausen und Gütersloh betreuten rund 300 Patienten.

RehaTreff:Frau Siebdrat, welches sind die Hauptziele in der Arbeit der Schlaganfall-Lotsen?

Anke Siebdrat: Schon in der Akutklinik nehmen die Lotsen die Schlaganfallpatienten in ihr Betreuungsprogramm auf. Sie koordinieren die Versorgung und beraten Patienten und Angehörige bis zu einem Jahr lang. Es geht hauptsächlich darum, in unserem komplexen Gesundheitssystem die Behandlungsqualität so sicherzustellen, dass nach Möglichkeit keine Versorgungslücken entstehen. Schwierig gestalten sich häufig die ärztliche und therapeutische Weiterbehandlung, wenn die Patienten plötzlich auf sich allein gestellt sind. Auch die Versorgung mit Hilfsmitteln nach der Entlassung des Patienten aus Akutbehandlung und Reha läuft oft nicht rund. Außerdem beraten wir die Patienten hinsichtlich der Risikofaktoren, so dass die Gefahr eines erneuten Schlaganfalls deutlich reduziert wird.

RT: Welcher Unterschied besteht zwischen Schlaganfall-Lotsen und Schlaganfall-Helfern?

AS: Schlaganfall-Helfer sind häufig ehemals betroffene Patienten oder Menschen, die sich einfach ehrenamtlich für einen oder wenige Schlaganfallpatienten engagieren. Es geht auch um Beratung, zudem aber darum, Zeit mit den Patienten zu verbringen und Angehörige zu entlasten. Die Schlaganfall-Lotsen arbeiten hingegen in Vollzeit und begleiten jeweils bis zu 70 Patienten. Da geht es neben der Beratung des Patienten auch darum, das gesamte Netzwerk der Behandlung über die einzelnen Schritte zu informieren, damit alle auf dem gleichen Informationsstand sind, dass sich sozusagen ein roter Faden durch die Versorgung zieht. Die Lotsen haben in der Regel eine langjährige Erfahrung mit Schlaganfallpatienten in den Bereichen Pflege, Therapie oder Sozialberatung und eine Zusatzqualifikation im Case-Management. Im Prinzip ist der ehrenamtliche Helfer eine ideale Ergänzung zum Lotsen. Beide könnten gut miteinander kooperieren.

RT: Was hat Sie persönlich dazu bewogen, Schlaganfall-Lotsin zu werden?

AS: Im Rahmen meiner praktischen Tätigkeit als Ergotherapeutin habe ich gesehen, dass es sehr viele Versorgungslücken gibt. Es blieben sehr viele Fragen der Patienten unbeantwortet. Manche Situationen bei den Menschen zu Hause waren nicht glücklich, so dass ich gedacht habe: Wer wäre denn jetzt eigentlich dafür verantwortlich? Wer ist dafür Ansprechpartner? Es gibt immer viele Spezialisten, die ihren Bereich sehen, aber es gibt keinen, der im Rahmen seines Berufs über den Tellerrand blicken und das Entsprechende umsetzen darf. Nach meinem Studium habe ich mich deshalb als Schlaganfall-Lotsin beworben und gedacht: Das ist mein Traum. Hier kann ich genau das umsetzen, was ich mir immer gewünscht habe.

RT: Fließen Ihre Erfahrungen in irgendeiner Form in die Organisation des Gesundheitssystems, in die Gesundheitspolitik ein?

AS: Direkt in die Politik noch nicht, nein. Aber die Stiftung bemüht sich natürlich darum. So berichte ich von meinen Erfahrungen in dem Projekt und über die Versorgungsqualität von Schlaganfallpatienten regelmäßig auf Messen und Kongressen.

RT: Gibt es noch ähnliche Projekte in Deutschland?

AS: Es gibt zum Beispiel in Dresden den Schlaganfall-Lotsen Uwe Helbig, der inzwischen auch Kolleginnen hat, das nennt sich SOS Care. Schlaganfall-Lotsen gibt es aber auch schon in Ravensburg und in weiteren Regionen Deutschlands. Man merkt, dass der Bedarf groß ist, und es gibt immer mehr Ansätze, dem zu entsprechen. Nähere Informationen dazu finden Interessierte auf der Internetseite der Deutschen Schlaganfall-Hilfe unter dem Stichwort Lotsen.

RT: Frau Siebdrat, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Katja Rosdorff



Deutsche Schlaganfall-Hilfe:

www.schlaganfall-hilfe.de/lotsen