Berufsunfähigkeit = unheilbare Geldarmut?

Albert Gottelt
Albert Gottelt, leitender Chefredakteur

Was sagen sagen Experten dazu? Was die Versicherungsunternehmen? Ein Gespräch mit Albert Gottelt, dem leitenden Chefredakteur des unabhängigen 1A Verbraucherportals, soll erste Fragen und Unsicherheiten dazu klären.

MyHandicap (MyH): Was bedeutet es für Ihr Internet-Angebot "1a.net"unabhängig zu sein? Welchen Nutzen erhalten 1a.net-User dadurch?

Herr Gottelt: Unabhängigkeit ist eine unverzichtbare Grundlage unserer Arbeit. Eine neutrale Berichterstattung unserer Themen ist uns sehr wichtig. Gerade im Versicherungsbereich bieten Unternehmen den Verbrauchern viele Informationen nicht an, die sie für eine Entscheidung für oder gegen eine Versicherung brauchen. Wir helfen dabei, bestehende Informationslücken zu schließen.

MyH: Auf Ihrer Website berichten Sie rund um das Thema "Gesundheit". Dabei veröffentlichen Sie auch Testberichte zu Versicherungsangeboten. Sie machen Vergleichsrechnungen öffentlich, z. B. für Berufsunfähigkeitsversicherungen. Warum ist diese Versicherung im Jahr 2014 so ein brisantes Trendthema?

Herr Gottelt: Wenn wir die Statistik zu Rate ziehen, steht fest: Jeder vierte Berufstätige wird berufsunfähig und das im Durchschnitt sogar schon mit 43 Jahren. Dennoch haben nur etwa zwei Millionen Deutsche einen eigenständigen Vertrag gegen das Berufsunfähigkeitsrisiko abgeschlossen. Verbraucher sind unsicher, welcher Anbieter gute Leistungen bietet und ohne Probleme zahlt. Natürlich spielt auch der Preis eine große Rolle. Die Unterschiede zwischen den Angeboten für eine Berufsunfähigkeitsversicherung liegen aber heute vor allem im Bereich der Berufsgruppeneinteilung.

MyH: Bleiben wir bei dem Beispiel. Welche Leistungen sollte man in jedem Fall von einer Berufsunfähigkeitsversicherung erwarten können?

Herr Gottelt: Im Einzelfall hängt das natürlich davon ab, wie groß die Versorgungslücke im Ernstfall ist. Daran sollten sich Versicherte orientieren, wenn sie die Rentenhöhe vereinbaren. Als Faustformel gilt, dass etwa drei Viertel des Nettoeinkommens versichert werden sollten. Eine Bedingung, die nicht fehlen sollte, ist u.a. die Möglichkeit zur zinslosen Beitragsstundung für den Zeitraum, in dem der Versicherer über die Gewährung der Rente entscheidet.

MyH: Wie viele Angebote für Berufsunfähigkeitsversicherungen gibt es
aktuell auf dem deutschen Versicherungsmarkt?

Herr Gottelt: Zunächst einmal ist dabei zwischen der eigenständigen Berufsunfähigkeitsversicherung und den Kombiprodukten von Lebens- und Rentenversicherungen mit BU-Schutz zu unterscheiden. Wenn wir all diese berücksichtigen, sind wir sicher bei einer Größenordnung von rund 80 Anbietern
und insgesamt etwa 300 Angeboten am Markt.

MyH: Für welche Berufe und Erwerbstätige ist so eine Berufsunfähigkeitsversicherung überhaupt sinnvoll?

Herr Gottelt: Das Risiko tatsächlich berufsunfähig zu werden, ist in Berufen mit körperlich schweren Arbeiten sicher deutlich höher, als bei Bürotätigkeiten. So denken auch die Versicherer, denn je riskanter der Beruf statistisch gesehen ist, desto teurer wird der Versicherungsschutz. Dennoch sind auch "Kopfarbeiter" nicht vor Unfällen oder  Krankheiten gefeit, die zur Berufsunfähigkeit führen können. Psychische Leiden nehmen immer mehr zu - und dies gerade in akademischen Tätigkeitsfeldern.

MyH: Herr Gottelt, im Grunde sollte doch jeder Mensch sich davor schützen können, in ein Loch von Geldsorgen & Kreditschulden zu rutschen, wenn er durch eine Erkrankung seinen Arbeitsplatz unwiederbringlich verliert. Doch welche Chance haben Patienten mit einer chronischen Erkrankung, eine vernünftige Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen? Nehmen wir an,
ein 40-jähriger Diabetiker und Familienvater möchte eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen, mögliche Folgeerkrankungen jedoch sind für ihn nicht einschätzbar, weil ihm sein Arzt die Diagnose "Diabetes mellitus" erst vor wenigen Wochen erstellt hat. Würde dieser Diabetiker bei einem deutschen Versicherungsunternehmen als Versicherungsnehmer angenommen?

Herr Gottelt: Grundsätzlich ist Diabetes mellitus eine der Erkrankungen, bei der Antragsteller in vielen Fällen leider mit einer Ablehnung rechnen müssen. Dass gerade jene Personen, die eine Absicherung dringend benötigen, somit kaum Chancen haben, bedauere ich sehr. Hier ist im Zweifel der Gesetzgeber gefragt, um Änderungen herbeizuführen. Da die Versicherer Vorerkrankungen und das Eintrittsalter aber unterschiedlich handhaben, ist es nicht ausgeschlossen, dass die Person in Ihrem Beispiel einen Vertrag erhält  - wenn auch unter Inkaufnahme von Risikozuschlägen oder Ausschlüssen. Die Chancen sind dabei bei Typ II weitaus höher als bei Diabetes mellitus Typ I. Da die Unternehmen untereinander Informationen austauschen, empfiehlt es sich, mehrere Anträge bei mehreren Versicherern gleichzeitig zu stellen, um zu vermeiden, dass ein anderer Versicherer seine Prüfung einschränkt.

MyH: Wo erhalte ich eine Checkliste, die mir ohne Versicherungs-Chinesisch zeigt, worauf ich achten sollte, bevor ich den Vertrag für eine Berufsunfähigkeitsversicherung unterschreibe?

Herr Gottelt: Eine solche Checkliste hat z.B. Stiftung Warentest zusammengestellt. Sie enthält hilfreiche Infos, ist ausfüllbar und online gegen Gebühr erhältlich. Ein kostenloses Merkblatt bietet der Bund der Versicherten auf seiner Homepage an. Und auch wir haben eine Checkliste mit Tipps zum Vertragsabschluss entworfen, die als
PDF unter http://www.1a.net/versicherung/berufsunfaehigkeitsversicherung kostenlos abrufbar ist."

MyH: Was sagen Sie als objektiver Kenner der Versicherungsbranche den Menschen, die eine Berufsunfähigkeitsversicherung durch eine Pflegezusatzversicherung ersetzen möchten?

Herr Gottelt: Eine Pflegezusatzversicherung wie die Pflegetagegeldversicherung ist enorm wichtig, da auch im Bereich der Pflege die gesetzlichen Leistungen in der Regel nicht ausreichen, um die notwendigen Kosten bei Pflegebedürftigkeit zu decken. Dennoch ist die Berufsunfähigkeitsversicherung die umfassendste Absicherung der Arbeitskraft und als vermutlich einzige Police in der Lage, den Lebensstandard im Ernstfall zu decken. Eine Pflegezusatzversicherung kann sie folglich nicht ersetzen. Wer seinen Beruf nicht mehr ausüben kann, ist ja nicht gleich pflegebedürftig."

MyH: Wo finde ich geprüfte Experten, die mich unabhängig von einem Versicherungsunternehmen beraten? Die mir ehrlich sagen, welche Vorsorgemaßnahmen zu mir passen, als "zukunftssicheres Sorglos-Paket"?

Herr Gottelt: Wir bieten über unsere Webseite die Möglichkeit, eine unabhängige Beratung und Tarifangebote kostenfrei anzufordern. Daneben gibt es kostenpflichtige Möglichkeiten: Unabhängige Berater, sogenannte Honorarberater, können u.a. auf den Seiten des Bundesverbandes der Versicherungsberater ausfindig gemacht werden. Auch die Verbraucherzentralen bieten unabhängige Beratungen zu Versicherungsthemen an.

MyH: Abschließend noch eine Frage, Herr Gottelt, und Hand aufs Herz: Gibt es Studien, die belegen, wie wahrscheinlich es ist, ob ein Mann oder eine Frau in Deutschland noch vor dem 65. Lebensjahr, also noch vor Rentenbezug, von einer Berufsunfähigkeit betroffen ist? Sagen wir: bezogen auf heute und auf die nächsten 10 und 20 Jahre?

Herr Gottelt: Ja, die gibt es. Eine Studie der Deutschen Rentenversicherung hat ergeben, dass etwa jeder vierte Arbeitnehmer im Laufe seiner Erwerbstätigkeit komplett erwerbsunfähig wird, demzufolge also so gut wie gar nicht mehr arbeiten kann. Die Wahrscheinlichkeit berufsunfähig zu werden, ist dann also eher noch höher. Es gibt außerdem Zahlen, die der Focus veröffentlicht hat. Diese zeigen, dass rund 43 Prozent der heute 20-jährigen Männer wahrscheinlich vor dem 65. Lebensjahr berufsunfähig werden. Bei den Frauen sind dies 38 Prozent. Bei heute 50-Jährigen belaufen sich die Wahrscheinlichkeiten dann noch auf 34 Prozent bei den Männern und 29 Prozent bei den Frauen.

MyH: Herr Gottelt, vielen Dank für die Aufklärung und das sehr informative Gespräch.

 

Text: Inka Hohaus - 04/2014
Biild: 1A Verbraucherportal

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