Ist ein Blindenhund zuverlässiger als ein Blindenstock?

Eine Frau mit einem Blindenstock in der rechten Hand.
Darf man einen Blindenhund verlangen, wenn man von seiner Krankenkasse bereits mit einem Blindenstock versorgt wurde?

Blinde bzw. hochgradig sehbehinderte Menschen benötigen regelmäßig ein Hilfsmittel, um im Alltag zurechtzukommen. Sie erhalten von ihrer Krankenkasse daher oft einen Blindenlangstock - der aber die Behinderung nur unzureichend ausgleichen kann.

Mit dem bemerkt man Hindernisse nämlich oft zu spät - oder gar nicht, wenn sie sich etwa oberhalb des Bodens befinden, wie z. B. herabhängende Äste. Dagegen kann ein Blindenhund seinen Navigator sicher um Hindernisse herumführen und sozusagen seine Augen "ersetzen". Doch darf man einen Blindenhund verlangen, wenn man von seiner Krankenkasse bereits mit einem Blindenstock versorgt wurde?

Antrag bei der Krankenkasse nötig

Wer einen Blindenführhund bekommen möchte, muss einen entsprechenden Antrag bei seiner Krankenkasse stellen. Diesem sollte der Kostenvoranschlag einer Führhundeschule sowie die Verordnung des Augenarztes für einen Blindenhund beigefügt werden. Schließlich hat man nur als Blinde(r) bzw. als hochgradig Sehbehinderte(r) - die Sehschärfe darf also nicht mehr als fünf Prozent betragen - die Chance, mit einem Blindenführhund versorgt zu werden. Des Weiteren wird überprüft, ob man körperlich fit ist, um das Tier versorgen zu können. Letztendlich sollte man vorher mit seinem Vermieter klären, ob die Tierhaltung erlaubt ist und ausreichend Wohnraum zur Verfügung steht.

Wird man von der Krankenkasse mit einem Blindenführhund versorgt, muss man zunächst mit seinem neuen tierischen Begleiter einen sog. Einweisungslehrgang absolvieren - hier lernen sich der Navigator und sein "Pilot" erst einmal richtig kennen. Nach Abschluss der Gespannprüfung darf der/die Blinde die Spürnase mit nach Hause nehmen. Die Krankenkasse zahlt übrigens nach der Bewilligung den Einweisungslehrgang - und zwar selbst dann, wenn der/die Blinde zuvor bereits an einem sog. Mobilitätstraining teilgenommen hat. Hier lernt der/die Blinde schließlich nur die Grundregeln, z. B. wie man sich mit einem Blindenlangstock im Alltag zurechtfindet. Aber auch sonstige Kosten, wie z. B. für die Ausstattung mit dem Führgeschirr oder einer Leine, werden übernommen. Darüber hinaus erhält der/die Blinde eine monatliche Pauschale für die regelmäßig anfallenden Ausgaben, etwa für Hundefutter oder Impfungen.

Wer dann mit seinem Blindenhund unterwegs ist, sollte nicht nur seinen Schwerbehindertenausweis, sondern stets auch seinen Blindenführhundausweis dabeihaben.

Krankenkasse: Blindenstock reicht aus

Aufgrund einer Krankheit verlor eine Frau beinahe vollständig ihr Augenlicht. Da ihre Sehkraft nur noch zwei Prozent betrug, erhielt sie von ihrer Krankenkasse unter anderem einen Blindenstock und wurde damit zu einem Mobilitätstraining geschickt. Die Frau fühlte sich dennoch stark in ihrer Mobilität eingeschränkt, ferner standen ihr weder Hilfs- noch Betreuungspersonen im sozialen Umfeld zur Verfügung. Sie beantragte daher die Versorgung mit einem Blindenhund. Schließlich könne sie sich mit dem Blindenstock selbst auf bekannten Wegen nur unsicher fortbewegen und Hindernisse über dem Boden nicht rechtzeitig erkennen. Ein Blindenhund dagegen erhalte ihre Selbstständigkeit und Mobilität, könne sie um jegliche Hindernisse herumführen bzw. sie davor warnen. Ferner könne ein Blindenhund depressiven Episoden vorbeugen, da sie mit ihm ihre Freizeit aktiv gestalten und soziale Kontakte aufrechterhalten könne.

Ihre Krankenkasse erachtete die Versorgung mit einem Blindenführhund nicht für erforderlich - der Blindenstock genüge vollkommen. Schließlich verfüge die Frau nachweislich über gute Ortskenntnisse. Außerdem sollen mit einem Blindenhund keine depressiven Episoden verhindert werden. Der Streit der Parteien endete vor Gericht.

Sandra Voigt
Sandra Voigt - Assessorin und Redakteurin beim Anwaltsverzeichnis anwalt.de

Blindenhund ist angemessenes Hilfsmittel

Das LSG (Landessozialgericht) Rheinland-Pfalz gab der Frau Recht - die Krankenkasse musste sie daher mit einem Blindenführhund versorgen.

Laut LSG ist eine Krankenkasse nicht auf den Basisausgleich mit einem Blindenstock beschränkt. Denn auch ein Blindenführhund stellt gemäß der §§ 27 I, 33 I 1 SGB V (Sozialgesetzbuch V) ein Hilfsmittel dar - mit ihm kann die Blindheit unmittelbar ausgeglichen werden. Schließlich kann der Hund seinen Navigator um Hindernisse herumführen sowie vor Gefahren bzw. Barrieren warnen, die sich oberhalb des Bodens befinden, z. B. Äste, Postkästen oder herannahende Personen. Im Gegensatz zum Blindenstock kann mit einem Blindenhund somit die optische Fernwahrnehmung ersetzt werden.

Ein gleichwertigeres und billigeres Hilfsmittel für den Funktionsausgleich gibt es somit nicht, weshalb das Gericht keinen Grund für eine Versagung des Antrags auf einen Blindenhund erkennen konnte. So war die Wohnung nicht nur groß genug - auch eine Tierhaltung war ausdrücklich erlaubt. Darüber hinaus war die Frau körperlich fit und konnte sich ohne große Probleme um einen Hund kümmern.

Letztendlich wies das Gericht deutlich darauf hin, dass der Hund zwar unter Umständen depressiven Episoden vorbeugen könnte - vorrangig wird er jedoch nur als Ausgleich für die Behinderung verwendet.
(LSG Rheinland-Pfalz, Urteil v. 02.10.2013, Az.: L 5 KR 99/13)

Text: Sandra Voigt - Assessorin und Redakteurin - Juristische Redaktion anwalt.de services AG