Berufsunfähig durch Burn-out – Versicherung zur Zahlung verurteilt

Das Landgericht München I hat einen Burn-out-Betroffenen in einem Prozess gegen seine Versicherung Recht gegeben.

Psychische Erkrankungen enden immer häufiger mit einer Berufsunfähigkeit. Trotz weitverbreiteter Herz-Kreislauf- und Rückenerkrankungen haben seelische Leiden körperliche Leiden hier inzwischen überholt. Berufsunfähigkeitsversicherungen halten sich jedoch gerade beim Befund Burn-out mit Leistungen eher zurück. Betroffenen bleibt ein gerichtliches Vorgehen dann leider nicht erspart. Auch wenn jeder Fall anders ist, bringt richtiges Verhalten gute Erfolgsaussichten, wie ein Urteil des Landgerichts München zeigt.

Burn-out ist offiziell keine Krankheit.

Mit Blick auf die Diagnose Burn-out muss man die Versicherer allerdings etwas in Schutz nehmen. Stress ist heute viel weiter verbreitet als noch vor wenigen Jahrzehnten. In relativ kurzer Zeit nahm die Zahl psychischer Erkrankungen seit den 90er-Jahren sehr stark zu. Der Blick in die Seele eines Menschen ist verglichen mit dem in seinen Körper wesentlich schwerer.

Bei der Diagnose Burn-out kommt hinzu, dass dieser als sogenanntes Syndrom kein einheitliches Krankheitsbild kennt. Durch so unterschiedliche Symptome wie Aggression, Apathie, Angststörungen, sozialem Rückzug bis hin zu Tinnitus, Kopf-, Glieder- und Magenschmerzen und letztlich auch versuchten Suizid kann sich das Ausgebranntsein zeigen. Burn-out selbst gilt wegen der vielschichtigen Anzeichen daher offiziell nicht als Krankheit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kategorisiert Burn-out stattdessen als Problem der Lebensbewältigung. Oft, aber nicht zwangsläufig, geht der Burn-out jedoch einher mit einer Depression, die wiederum als psychische Erkrankung gilt.

Berufsunfähigkeit ohne Erkrankung möglich

Insofern erschwert das uneinheitliche Krankheitsbild zwar die Feststellung eines Burn-out-Syndroms, eine Krankheit setzt der Versicherungsschutz im Falle einer Berufsunfähigkeit jedoch nicht voraus. Denn notwendige Ursache muss nur ein starkes und nachhaltiges Abweichen vom Normalzustand sein, unabhängig davon, ob dies Körper oder Geist einer versicherten Person betrifft. Infolgedessen muss die berufliche Leistungsfähigkeit dauerhaft ausgeschlossen oder erheblich beeinträchtigt sein.

Ob eine Berufsunfähigkeitsversicherung im konkreten Fall leisten muss, entscheiden die jeweils vereinbarten Versicherungsbedingungen. Wie bei vielen anderen Versicherungsarten gibt es auch bei Berufsunfähigkeitsversicherungen vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft herausgegebene Musterbedingungen. Allgemein verbindlich sind diese jedoch nicht. Über die Leistungspflicht der BU bei Burn-out entscheidet stets der bestehende Versicherungsvertrag.

Erfolgreiche Klage nennt mitentscheidende Kriterien

Auf was es gegebenenfalls ankommen kann, zeigt eine erfolgreiche Klage eines Burn-out-Betroffenen gegen seine Versicherung, die das Landgericht München I entschieden hat (Urteil v. 22.03.2006, Az.: 25 O 19798/03). Der Kläger war im Finanzsektor beratend tätig. Zu seiner schleichenden Berufsunfähigkeit führte ein hoher Erfolgsdruck und eine übermäßige Arbeitsbelastung. Regelmäßig Arbeitstage von zehn und mehr Stunden, die auch vor dem Wochenende nicht Halt machten, mit durchschnittlich 200 Telefonaten pro Tag ließen ihn ausbrennen. Der Burn-out zeigte sich durch eine Persönlichkeitsstörung, Kopfschmerzen, Schwindelanfälle und Angstzustände. Der gerichtlich zum Gutachter bestellte Arzt attestierte eine dadurch bedingte Berufsunfähigkeit von 50 Prozent.

Diese Feststellung war aufgrund der hier vereinbarten Versicherungsbedingungen wichtig, denn diese verlangten eine mindestens 50-prozentige Berufsunfähigkeit, damit die Versicherung leisten musste. Eine weitere, in vielen BU-Verträgen zu findende Voraussetzung ist die fehlende Möglichkeit einer Arbeitsumorganisation. Der Arbeitsplatz des unter Burn-out leidenden Mannes ließ sich jedoch nicht derart umstrukturieren, damit er zu über 50 Prozent hätte weiter arbeiten können. Des Weiteren verlangte der Versicherungsvertrag, dass die versicherte Person mindestens sechs Wochen ununterbrochen arbeitsunfähig war. Das lässt sich durch ärztlich ausgestellte Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen nachweisen. Eine weitere wichtige Erfolgsbedingung ist, unabhängig von einer vertraglichen Festlegung, dass sich der Versicherte bemüht, seinen Zustand zu verbessern. Die Mitwirkung an Maßnahmen und Therapieempfehlungen, die heilen oder den Grad der Berufsunfähigkeit zumindest mindern sollen, sollten Betroffene nicht vernachlässigen. Angesichts der für notwendige Gutachten anfallenden Kosten, deren Inhalt Gerichte maßgeblich ihren Entscheidungen zugrunde legen, ist eine Rechtsschutzversicherung zu empfehlen. Entscheidende Hilfe erhalten Betroffene zudem durch einen erfahrenen Rechtsanwalt. Ein Rechtsbeistand ist angesichts der im Raum stehenden Streitwerte ohnehin erforderlich. Da sie regelmäßig 5000 Euro überschreiten, sind die Landgerichte in solchen Fällen zuständig, und bei denen ist eine anwaltliche Vertretung gesetzlich vorgeschrieben.

Christian Günther - Assessor - Redakteur – Juristische Redaktion - anwalt.de services AG - www.anwalt.de