Wenn pflegende Angehörige eine Auszeit brauchen

Ein Richtungsschild "Pflegeheim". (Bild: Doppelherz/pixelio.de)
Wenn Ihr Angehöriger Sie für eine Zeitlang nicht pflegen kann, müssen Sie nicht gleich in ein Pflegeheim. (Bild: Doppelherz/pixelio.de)

Wer übernimmt dann die Pflege, sollte der Pflegende verhindert sein? Was sieht die Pflegeversicherung für einen solchen Fall vor? Hier greift die so genannte Verhinderungspflege.

Pflegende, die einen Angehörigen pflegen, können laut Vorschrift §3 im Sozialgesetzbuch XI – „Häusliche Pflege bei Verhinderung der Pflegeperson“ – eine Auszeit von der Pflege nehmen. Gesetzliche sowie private Pflegeversicherungen übernehmen die Kosten für einen Pflegeersatz – für maximal vier Wochen im Jahr.

Dafür gibt es zwei Voraussetzungen: Der Pflegende muss sich um den Pflegebedürftigen mindestens zehn Stunden in der Woche kümmern und das bereits mindestens ein halbes Jahr lang. Erst dann gilt der Anspruch auf die Verhinderungspflege. Diese Möglichkeit ist jedoch nur wenigen Pflegebedürftigen und deren Angehörigen bekannt. 2010 nutzten lediglich knapp 34.000 der rund 1,6 Millionen deutschen Pflegebedürftigen diese Möglichkeit.

Wenn Ihr pflegender Angehöriger mal für länger nicht kann

Ab Januar 2012 steht jedem Pflegebedürftigen pro Jahr 1.550 Euro (vormals: 1.510 Euro) für die Verhinderungspflege zur Verfügung. Ist der Pflegende allerdings mit dem Pflegebedürftigen bis zum zweiten Grad verwandt oder verschwägert, zahlt die Pflegekasse lediglich soviel wie die jeweilige Pflegestufe an monatliches Pflegegeld vorsieht. Auf der dritten Pflegestufe wären das 700 Euro ab 2012.

Dieses Geld soll die Arbeit eines professionellen Pflegedienstes decken oder den Verdienstausfall beziehungsweise die Fahrtkosten des Ersatzpflegers ausgleichen. Auch eine zeitweise Unterbringung in einer Pflegeeinrichtung kann dadurch entgolten werden.

Als Pflegebedürftiger können Sie die Verhinderungspflege sogar so aufteilen, dass Ihr Ersatzpfleger beispielsweise das ganze Jahr über jede Woche für ein paar Stunden zu Ihnen kommt – etwa weil Ihr Pfleger einen festen wöchentlichen Termin hat.

Hat Ihr Pfleger Sie bereits mindestens sechs Monate gepflegt und kann demnächst für einen bestimmten Zeitraum nicht zur Verfügung stehen, können Sie jemanden aus Ihrem Umfeld oder eine örtliche Sozialstation mit der ersatzweisen Pflege beauftragen. Dafür nehmen Sie das Formular „Antrag auf Verhinderungs- oder Kurzzeitpflege“ von Ihrer Krankenkasse und reichen es ausgefüllt ein.

Älterer Mann auf einem Stuhl im Garten. (Bild: frablende/pixelio.de)
Durch die Verhinderungspflege muss kein Pflegebedürftiger im Stich gelassen werden. (Bild: frablende/pixelio.de)

Antrag auf Verhinderungspflege bei Ihrer Krankenversicherung

Soweit die Theorie. Wie das in der Praxis aussieht, weiß Gabriele*. Gabriele ist aufgrund einer Hereditären spastischen Paraparese seit rund eineinhalb in der Pflegestufe I. Der Medizinische Dienst errechnete nach einer Begutachtung einen täglichen Hilfebedarf bei ihr in den Bereichen der Körperpflege, Ernährung und Mobilität von insgesamt 63 Minuten.

„An den meisten Tagen scheint mir diese Einschätzung völlig in Ordnung, manchmal aber auch zu niedrig angesetzt“, findet Gabriele. Ihr Tremor macht es ihr zum Beispiel unmöglich, sich die Beine zu rasieren oder einen Knopf anzunähen. Da sie sich wegen des Zitterns nicht mehr zum Frisör traut, müssen ihre Haare ebenfalls regelmäßig geschnitten werden.

Bislang wurde die Pflege innerhalb ihrer Familie übernommen: Gabriele wird überwiegend von ihrem Mann gepflegt – ab und an helfen ihre Söhne, ihre Schwiegermutter und ihre Schwägerin aus. Kann ihr Mann nicht, springt ihre Schwägerin dritten Grades ein, „also die Frau des Bruders meines Mannes“.

Ersatzpflege aus Ihrer näheren Umgebung

„Für dieses Jahr habe ich die Verhinderungspflege bereits voll ausgeschöpft“, erzählt Gabriele. Die vier Wochen, die ihr für 2011 zustanden, wurden nicht in einem Stück in Anspruch genommen, sondern aufgeteilt. Einmal war ihr Mann auf Fortbildung und beim zweiten Mal ging er mit seinem Turnverein auf Tagesausflüge. „Der Rest wird zur Zeit in Anspruch genommen, da mein Mann unser Badezimmer gerade in Eigenregie behindertengerecht umbaut“, ergänzt sie.

Schwierigkeiten mit der Krankenkasse wegen der Verhinderungspflege hatte Gabriele bisher nicht. „Im Gegenteil – der AOK-Sachbearbeiter hat uns das alles in einem persönlichen Telefonat erklärt und meinte noch, ein Stundenlohn von 12,- Euro sei in Ordnung“. Mit der Pflege selbst klappte es auch mit dem Personenwechsel gut.

Während sich nicht wenige Pflegekräfte unterbezahlt fühlen, hat Gabriele allerdings ein Problem ganz anderer Art: „Nur mit der Übergabe des Geldes gibt es manchmal Zoff. Meine Schwägerin will das Geld nie annehmen.“

*Name von der Redaktion geändert

 

Text: Thomas Mitterhuber – 12/2011

Bilder: pixelio.de

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