Sexualität bei Querschnittlähmung: „Mut tut gut“

Erotische Darstellung
Querschnittgelähmte beschäftigt früher oder später die Frage, ob ein erfülltes Sexualleben noch möglich ist. (Stephan B./pixelio.de)

Obwohl von Mensch zu Mensch unterschiedlich, ist die Sexualität ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Personen, die durch eine Rückenmarksverletzung querschnittgelähmt, Tetraplegiker oder Paraplegiker sind, stellen sich früher oder später die Frage, ob sie je wieder ein sexuell erfülltes Leben führen können.

Ein Unfall oder eine Krankheit, die zu einer Querschnittlähmung in Form einer Paraplegie oder Tetraplegie führen, verändern das Leben der Betroffenen grundlegend. In fast jedem Lebensbereich stellen sich an Tetraplegiker oder Paraplegiker enorme Herausforderungen. Bei all den notwendigen Anpassungsprozessen scheint das Thema Sexualität nicht im Vordergrund zu stehen.

Aber das ist sehr individuell - für wenn die Sexualität schon vor dem Unfall eine große Rolle gespielt hat, für den kann sie auch nach dem einschneidenden Ereignis wichtig sein. Und wo die Sexualität eine eher untergeordnete Rolle gespielt hat, bleibt dies möglicherweise auch so.

Große Verunsicherung bei den Betroffenen

Früher oder später setzen sich aber die meisten Menschen mit einer Querschnittlähmung mit dem Thema Sexualität auseinander. Und für wen das Thema wichtig ist, der ist gezwungen, sich mit den Veränderungen auseinanderzusetzen, denn die Funktion der Geschlechtsorgane - unabhängig ob Frau oder Mann - weist durch die Lähmung Veränderungen auf.

Funktionsstörungen wie Erektions- oder Ejakulationsstörungen beim Mann oder eine ausbleibende Lubrikation der Vagina der Frau sind die klarsten Anzeichen der Veränderung. Aber auch die veränderte oder fehlende Sensibilität in der betroffenen Körperregion ist Ursache für eine große Verunsicherung bei den Betroffenen. Diese körperlichen Merkmale und ihre Folgen haben in vielen Fällen auch eine seelische, psychosoziale Dimension.

Menschen mit einer Querschnittlähmung müssen ihren "neuen" Körper zuerst kennenlernen. Die individuellen Unterschiede sind groß, aber bei vielen Menschen mit einer Querschnittlähmung stellt sich auch im Ungewollten eine gewisse Normalität ein. Sie beginnen, ihren Körper wieder zu akzeptieren. Wer es dann schafft, auch im Bereich der Sexualität bisherige Überzeugungen über Bord zu kippen und wer sich mit der Veränderung auseinandersetzt, hat gute Chancen, auch mit einer Querschnittlähmung ein erfülltes Sexualleben zu führen.

Porträt MyHandicap-Fachexpertin Christiane Fürll
Sexualität bei einer Querschnittlähmung: MyHandicap-Fachexpertin Christiane Fürll berät Betroffene. (Foto: zvg)

MyHandicap-Expertin Christiane Fürll im Interview

Im nachfolgenden Interview äußert sich MyHandicap-Fachexpertin Christiane Fürll über die Information der Betroffenen, die möglichen Störungen der Sexualfunktionen, Medikamente und Hilfsmittel und die wichtige Generierung neuer Empfindungen.

MyHandicap: Frau Fürll, aus Ihrer Erfahrung als Medizinjournalistin, Fachautorin und MyHandicap-Fachexpertin: Wird einer durch eine Rückenmarkschädigung hervorgerufenen Einschränkung der Sexualfunktion in der Therapie und Rehabilitation genügend Aufmerksamkeit eingeräumt?

Christiane Fürll: (überlegt) Häufig liegen die Prioritäten bei Therapie und Reha in anderen Bereichen, auch ist die Verweildauer im Krankenhaus inzwischen ausgesprochen kurz und die Personalsituation knapp - so gesehen nein. Viele Informationen laufen "untereinander", sprich Frischverletzter tauscht sich mit einem erfahrenen Betroffenen aus, oder es werden Fortbildungen oder "Stammtische" angeboten. In Koblenz haben wir dies vor zirka zwei Jahren initiiert. Wir treffen uns alle zwei Monate auf der Querschnittstation und bieten Informationen, Erfahrungsaustausch und Fachberatung an. Dies wird sehr gut angenommen.

Austausch zwischen Frischverletzten und erfahrenen Betroffenen

MyH: Was sollte bei der Information der Betroffenen im Vordergrund stehen?

CF: Zeit!!! (lacht) Ich informiere grundsätzlich ausführlich über die normale Sexualfunktion und verdeutliche dabei, welche Abweichungen durch eine Querschnittlähmung entstehen können - da das sehr unterschiedlich ist. Je nach Läsionshöhe und kompletter / inkompletter Läsion ist es schwierig, allgemein gültige Aussagen zu machen. Wichtig für alle ist in jedem Fall das Thema Kontinenz. Ohne gutes Blasen- / Darmmanagement kann im Bett vieles ganz fürchterlich daneben gehen.

MyH: Sie haben es angesprochen, je nach Lähmungsniveau können unterschiedliche Sexualfunktionen gestört sein. Welche Probleme treten bei Frauen und Männern am häufigsten auf?

CF: Sowohl Frauen als auch Männer haben sehr oft Probleme mit der verminderten oder zunächst nicht vorhandenen Sensibilität. Bei Männern kommt es zu Störungen der Erektion und Ejakulation, bei Frauen häufig zu einer verminderten Lubrikation.

Eine Frau umfasst ihren Busen
Menschen mit einer Querschnittlähmung müssen ihren Körper zuerst neu kennenlernen. (Jutta Rotter/pixelio.de)

Sexuelles Empfinden auch über die Haut

MyH: Welche Medikamente oder Hilfsmittel werden heute mit Erfolg eingesetzt?

CF: Viagra und Cialis - wobei man bei beiden Mitteln auf die jeweiligen Besonderheiten hinweisen sollte. Bei Männern, die eine Erektion haben, welche aber für den Geschlechtsverkehr nicht ausreicht, empfehle ich gerne Stauringe. Frauen können ihre Sensibilität und manchmal auch Lubrikation mit Vaginalkugeln beeinflussen - in jedem Fall sollte aber zunächst mit Gleitmittel nicht gespart werden.

MyH: Zentral ist ein eventueller Verlust der Empfindungsqualitäten im gelähmten Körperbereich. Wie können Empfindungen neu generiert oder ausgelöst werden?

CF: Sexualität findet ja nicht ausschließlich in den Geschlechtsorganen statt, das größte Sexualorgan ist unsere Haut und da gibt es jede Menge Bereiche, in denen die Empfindung  nicht verloren ist. Im Gegenteil, oft ist es so, dass in den nichtbetroffenen Bereichen mehr gefühlt wird und die erogenen Zonen in diesem Bereich sehr empfindsam sind.

MyH: Eine anders oder nicht mehr gelebte Sexualität ist für die meisten Menschen eine abrupte und einschneidende Veränderung. Welchen Einfluss hat das auf die Psyche der Betroffenen?

CF: Das ist sehr unterschiedlich und hängt natürlich auch vom Stellenwert der Sexualität vor dem Unfall ab. Da gilt es auch die Partner der Betroffenen zu fragen, es ist manchmal sehr interessant, wie unterschiedlich hier die Informationen sind.

Panne? Gelassen reagieren und darüber reden

MyH: Was sind die wichtigsten Tipps, die Sie Betroffenen geben können?

CF: Ich sage immer "Mut tut gut", man muss miteinander reden, sich Zeit nehmen und geben und bei "Pannen" gelassen reagieren. Eine hundertprozentige Garantie hat man nie, oder? Veränderungen sind auch Chancen und wenn man sie als solche begreift, kann ein durchaus erfülltes Miteinander möglich sein.

MyH: Frau Fürll, herzlichen Dank für das Interview.

 

Text: Patrick Gunti - 07/2012

Fotos: Christiane Fürll, pixelio.de

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