Amelotatismus – Annäherung an ein Tabuthema

Bild einer tanzenden Frau. (Bild: Gerd Altmann/Jana Werner/pixelio.de)
Für Menschen mit Handicap ist es oft unverständlich, dass jemand etwas, das so unperfekt ist, für schön empfinden kann. (Bild: Gerd Altmann/Jana Werner/pixelio.de)

Schon allein das Wort „Amelo“ ruft bei vielen Menschen mit Handicap Gänsehaut hervor. Andere jedoch stehen Amelos offen gegenüber.

„Man kann auch diejenigen von Herzen lieben, deren Mängel man wohl kennt. Es wäre überheblich zu glauben, dass einzig das Vollkommene das Recht habe, uns zu gefallen.“

Dieses Zitat stammt vom französischem Philosophen Luc de Clapiers Vauvenargues, der im 16. Jahrhundert lebte. Das Phänomen des Hingezogenseins zu Menschen mit einer körperlichen Einschränkung gibt es wahrscheinlich, seit es Menschen gibt. Allerdings wurde ihm erst Ende des 19. Jahrhunderts Bedeutung geschenkt.

Begriffsformen im Wandel der Zeit

1886 beschrieb der Psychiater und Gerichtsmediziner Richard von Krafft-Ebing in seinem Werk „Psychopathia sexualis“ als Erster die sexuelle Abweichung des „Deformationsfetischismus“.

Die Begriffsformen für die sexuelle Vorliebe zu Menschen mit Handicap haben sich mit den Jahren geändert. Heute zählt der Begriff des Amelotatismus zu den gebräuchlichsten für die besondere Zuneigung zu Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Amelotatismus leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet soviel wie die Zuneigung (tatis) für Menschen ohne (a) Glied (melos) – sprich: die Zuneigung für Menschen mit fehlenden Gliedmaßen.

Losgelöst von dieser wörtlichen Übersetzung versteht man heute unter Amelotatismus mehrheitlich die Zuneigung zu den unterschiedlichsten Formen von Behinderung. Der Begriff beinhaltet sowohl Fixierungen auf fehlende Körperteile, Spastiken, Lähmungen, orthopädische Hilfsmittel wie Rollstuhl oder Krücken und sehr selten auch Neigungen zu Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen.

Männliche und weibliche Amelotatisten bezeichnen sich selbst häufig als Amelos beziehungsweise Amelinen. Die Mehrheit der Amelotatisten ist männlich, allerdings ist dieses Phänomen nicht auf Männer beschränkt.

Krankheit, sexueller Fetisch oder „ganz normal“?

Nach medizinisch-psychologischer Definition ist Amelotatismus weder eine Krankheit noch ein sexueller Fetisch, da sich die Vorliebe nicht auf unbelebte Gegenstände richtet (Definition bei Wikipedia). Es werden nur Formen des Amelotatismus behandelt, bei denen sexuelle Phantasien zu dranghaften Verhaltensweisen führen, unter denen der Betroffene oder andere Personen leiden.

Dies ist allerdings bei der Mehrzahl der Amelotatisten und ihren Partnern nicht der Fall. „Wir haben so eine wunderbare Beziehung“, sagt Barbara. Barbara ist oberschenkelamputiert und mit einem Amelo liiert. Zuvor war sie viele Jahre verheiratet – ebenfalls mit einem Amelo. Im Gegensatz zu ihrem jetzigen Mann hatte ihr erster Ehepartner seine Neigung verschwiegen. „Ich habe erst später erfahren, dass er Amelo ist. Er hat sich geschämt, darüber zu reden“, erzählt Barbara.

Bei ihrem jetzigen Mann ist das anders. Bereits in seiner ersten Antwort auf Barbaras Kontaktanzeige, teilte er Barbara mit, dass er sich von Frauen mit Handicap angezogen fühlt. Nach einem Dreivierteljahr Mailfreundschaft trafen sich Barbara und ihr heutiger Mann zum ersten Mal und es hat sofort gefunkt.

Barbara ist stolz, dass sie für ihren Mann die Schönste ist. „Diese Beziehung stärkt mein Selbstwertgefühl ungemein. Was aber nicht bedeutet, dass diese Beziehung die Grundlage meines Selbstwertgefühls ist“, sagt Barbara.

Ilse Martin. (Bild: Ilse Martin)
Ilse Martin hat sich auf die wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas Mancophilie spezialisiert. (Bild: Ilse Martin)

Internet erleichtert Austausch

Ihr Mann hat seine Neigung mit 17 Jahren bemerkt, als er eine amputierte Frau sah und Gefallen an ihr fand. „Das hat ihn schockiert“, erzählt Barbara. Erst durch die Etablierung des Internets bemerkte Barbaras Mann, dass es mehrere Menschen mit seiner Neigung gibt und dass man sich über diese Neigung auch austauschen kann. Dies führte letztendlich dazu, dass er diesen Teil seines Wesens akzeptieren konnte, jedoch ohne die Hoffnung, diesen Wesenzug jemals ausleben zu können.

Barbaras Mann ist Akademiker. „Viele Menschen mit dieser Neigung haben Abitur und ein abgeschlossenes Studium. Die einfacheren Menschen gehen nicht so tief in Ihre Neigungen hinein“, sagt Ilse Martin. Ilse Martin, die mit einer Dysmelie am linken Unterarm geborene wurde, verfasste ihre Diplomarbeit in Heil- und Sonderpädagogik zum Thema Mancophilie. Den Begriff Mancophilie hat Martin selbst geprägt. Er dient als Oberbegriff für besondere Zuneigungen zu Menschen mit körperlichen Einschränkungen, Mängeln und Defiziten. Der Begriff leitet sich aus dem lateinischen Wort mancus für behindert, gebrechlich, unvollständig, mangelhaft, schwach und dem griechischen Wort philos für Freund ab.

Ilse Martin unterscheidet in ihrer Diplomarbeit, die als Buch erschienen ist, zwischen Mancophilen, die ihre Neigung als Fetisch ausleben und Menschen mit Handicap auf ihre Behinderung reduzieren und solchen, die sich zu Menschen mit Handicap hingezogen fühlen, aber nicht ausschließlich die Besonderheit der Behinderung sehen, sondern den ganzen Menschen.

„Ich möchte ganz geliebt werden“, sagt Barbara: „Das bedeutet, dass zum Beispiel die Hand, die streichelt, nicht dort zu streicheln aufhört, wo mein Stumpf beginnt.“ In ihrer Beziehung zu ihrem Mann bekommt sie, was sie möchte. „Ich fühle mich als ganzer Mensch wahrgenommen“, erzählt Barbara.

Erste Reaktion: Schock

Barbara war zunächst geschockt, als sie erfuhr, dass es Menschen gibt, die Vorlieben für Menschen mit Handicap haben.

„Zum einen gehen einem da die negativen Sachen durch den Kopf, von denen man schon gehört hat. Zum anderen stellt sich diese Tatsache zunächst als unfassbare Sache dar, dass jemand etwas, das so unperfekt ist, als schön empfinden kann“, erklärt Barbara ihre damaligen Emotionen.

Heute steht sie dieser Neigung anders gegenüber: „Wenn ich meine Behinderung als einen Teil von mir selbst liebe, dann kann auch jemand anders mich mit meiner Behinderung lieben“, sagt Barbara.

Ein Mann schaut durchs Schlüsselloch. (Bild: Thommy Weiss/pixelio.de)
Viele Amelotatisten halten ihre Neigung geheim, da sie Angst vor den Reaktionen ihres sozialen Umfelds haben. (Bild: Thommy Weiss/pixelio.de)

Wie unterscheidet man nun Amelotatisten, die den Menschen mit Handicap als Ganzes sehen, von jenen, die sich nur an einem Handicap „aufgeilen“ wollen?

„Diese Unterscheidung kann man nur lernen, wenn man sich damit beschäftigt. Wenn man sich in den Löwenkäfig rein traut“, weiß Barbara.

„Belästiger, die einen anglotzen und anmachen, sind natürlich sehr nervig. Denen muss man klipp und klar sagen, dass man nichts mit ihnen zu tun haben will. Man darf ihnen kein Hintertürchen offen lassen“, rät Ilse Martin Menschen mit Handicap, die sich von Amelotatisten belästigt fühlen.

„Die schlimmen Finger fallen auf“

„Wenn man sich mit Amelotatisten beschäftigt, weiß man bald, woran man ist“, sagt Barbara. „Wenn jemand schreibt: Hallo, ich bin so und so, was fehlt dir?, dann interessiert er sich nicht für dich, sondern nur für deine Behinderung“, sagt Ilse Martin.

Barbara ist überzeugt, dass es als Frau mit Behinderung nicht so leicht ist, einen Partner zu finden. „Wenn man Glück hat und den richtigen Partner findet, dann ist das eine Chance. Für mich ist es wichtig, diese Offenheit bei den Menschen zu erreichen“, sagt Barbara.

Ilse Martin will Menschen mit besonderer Zuneigung zu Menschen mit Handicap „aus der Schmuddelecke rausbringen“. „Menschen, die nichts von Amelotatisten wissen, geben diesen Menschen oft keine Chance. Jene, die allerdings schon Erfahrung haben, sagen, viele Amelotatisten sind total ok“, sagt Martin.

Sie ist sich bewusst, dass es immer die „Bösen“ sind, die auffallen, die für Unmut sorgen. „Diese schlimmen Finger machen allerdings nur einen geringen Prozentsatz aus“, weiß Martin.

Trotzdem ist es gerade dieser geringe Prozentsatz, der vielen Menschen mit Handicap Angst macht. Ob und wie weit Sie sich auf Amelotatisten einlassen, können Sie selbst entscheiden. Sagen Sie deutlich und ganz klar „nein“, wenn Sie keinen Kontakt mit einem Amelotatisten möchten oder tasten Sie sich vorsichtig heran, wenn Sie neugierig geworden sind. Es liegt in Ihrem Ermessen!

 

Text: MHA – 12/2010

Bilder: Ilse Martin, pixelio.de

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