Kind, Job, Behinderung - wie schaffe ich das bloß?

Ein kleines Kind mit Kirschen an den Ohren und offenem Mund.
Bei Lösungsmöglichkeiten für Hilfe bei der Kinderbetreuung muss man als Mutter oder Vater mit Behinderung kreativ sein (Renate Dröse/pixelio.de)

Kinder und Job sind für Eltern oft schwer zu vereinbaren. Für Menschen mit Behinderung ist diese Herausforderung noch schwieriger zu bewältigen.

„Durch meine Behinderung kann ich nicht Autofahren. Ich kann meine Kinder nicht schnell irgendwo abholen oder hinbringen“, sagt Margarete. Margarete ist von Geburt an mobilitäts- und seheingeschränkt. Ihr Handicap hat sie nicht davon abgehalten, Kinder zu bekommen. Margarete weiß: „Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!“

Nachbarschaftshilfe und Rücksichtnahme

„Man wächst mit den Aufgaben. Auch die Kinder wachsen mit den Aufgaben“, sagt Margarete. Als ihre Kinder in den Kindergarten gekommen sind, hat die gebürtige Polin wieder zu arbeiten begonnen. Für die gelernte Bibliothekarin war es nicht leicht, einen Job zu finden. „Bei manchen Stellen hat es gestört, dass man die Behinderung sieht“, erzählt sie. Trotz mehrerer Rückschläge hat sie sich nicht einschüchtern lassen. „Wenn ich an mich glaube, dann komme ich voran“, ist Margarete überzeugt.

Von Kindergartenhelferin bis zur eigenen Ich-AG hat die zweifache Mutter in allen möglichen Jobs gearbeitet. Heute ist sie als Bürokraft tätig. Um die Kinderbetreuung muss sich Margarete keine Sorgen mehr machen. Ihre Tochter und ihr Sohn sind junge Erwachsene und selbst berufstätig.

„Ich habe keine Familie in Deutschland, keine Oma oder Tante“, sagt Margarete. Trotzdem hat sie es geschafft, Kinder und Beruf zu vereinbaren – mit Handicap!

„Ich habe Tür an Tür mit meiner besten Freundin gelebt. Das ging sehr gut“, erzählt Margarete. Ihre Kinder haben sich sehr gut mit den anderen Kindern im Wohnhaus verstanden und die Mütter arrangierten sich. „Ich war auch in Schichtarbeit tätig, aber das ist dank der guten Hausgemeinschaft alles gegangen“, sagt Margarete.

Die Kinder haben auf ihre Mutter Rücksicht genommen, sie unterstützt und gestärkt. „Wenn ich gearbeitet habe, waren die Kinder verständnisvoll. Das ist eine gewisse Rücksicht, die die Kinder im Blut haben“, sagt Margarete.

Foto von Dr. Sigrid Arnade
Dr. Sigrid Arnade wurde am 3.10.2010 von Bundespräsident Christian Wulff als eine Vorkämpferin für die Rechte behinderter Frauen mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet (Foto: Dr. Sigrid Arnade)

Keine Elternassistenz per Gesetz

Leider haben nicht alle Eltern mit Behinderung ein so gut funktionierendes soziales Netzwerk. Viele Mütter und Väter mit Behinderung sind auf die Hilfe von Elternassistenz angewiesen. Unter Elternassistenz versteht man diejenigen individuellen Unterstützungshandlungen, die Mütter und Väter mit Behinderung benötigen, um die elterliche Sorge möglichst umfassend und selbstbestimmt ausüben zu können. Je nach Lebenslage, familiärer Situation und Art der Behinderung können sich die benötigten Unterstützungshandlungen in Bezug auf Inhalt, Umfang, Zeitpunkt und Zeitraum unterscheiden.

Elternassistenz gibt es jedoch per Gesetz nicht. „Es ist sehr schwierig, Elternassistenz zu bekommen“ sagt Kerstin Weiß, Vorstand des Bundesverbands für behinderte und chronisch kranke Eltern e.V.
„Das Jugendamt bietet nur Erziehungshilfe und eine Unterbringung der Kinder in Pflegefamilien an. Mit Erziehungshilfe wird die Hilfe zur Erziehung eines Kindes oder Jugendlichen bezeichnet, auf die der Personensorgeberechtigte Anspruch hat, wenn eine dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für seine Entwicklung geeignet und notwendig ist (§ 27 SGB VIII).

Die Erziehungshilfe besteht aus Beratung und Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und Eltern bei der Klärung und Bewältigung individueller und familienbezogener Probleme und der zugrundeliegenden Faktoren, bei der Lösung von Erziehungsfragen sowie bei Trennung und Scheidung (§ 28 SGB VIII)

„Das brauchen Eltern mit Handicap in der Regel jedoch nicht“, sagt Weiß: „Viele Eltern scheuen sich, um Hilfe zu fragen, da sie Angst haben, dass ihnen die Kinder weggenommen werden.“

Wer bereit ist zu kämpfen, hat jedoch gute Chancen auf einen Bewilligungsbescheid der Elternassistenz. „Es gibt ein Recht auf Elternassistenz, allerdings steht das nirgends so eindeutig. Die gesetzliche Klarstellung wird geschoben“, sagt Dr. Sigrid Arnade, Geschäftsführerin der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. – ISL und Mitglied im Sprecherrat des Deutschen Behindertenrats.

Für behinderte Mütter und Väter ist diese Elternassistenz jedoch oftmals unbedingt notwendig. Wenn sie berufstätig sind, umso mehr.

Ein gelangweiltes Mädchen
Die gesetzliche Klarstellung für das Recht auf Elternassistenz wird seit Jahren geschoben (Nicole Celik/pixelio.de)

Mit Hartnäckigkeit zum Erfolg

„Elternassistenz kann man einklagen“, sagt Kerstin Weiß. Ob man bei der Einforderung von Elterngeld erfolgreich ist, hängt von der Hartnäckigkeit der Eltern ab. „Eltern sind auch schon an die Presse herangetreten und haben so Elternassistenz durchgesetzt“, erzählt Dr. Arnade.

Berufstätige Eltern mit Behinderung werden zwar nicht direkt in Bezug auf ihre Elternschaft unterstützt, erhalten aber einige Leistungen, die nicht arbeitende Eltern nicht beziehen dürfen.

Einkommensunabhängig wird behinderten Menschen mit Arbeitsverhältnis ein Fahrzeugumbau finanziert und einkommensabhängig werden Zuschüsse für die Finanzierung gewährt. Behinderungsbedingte Umbauten der Wohnung werden einkommensunabhängig vorgenommen und Arbeitsassistenz bereitgestellt.

Mit diesen Fördermaßnahmen werden Eltern mit Behinderung indirekt auch in der Betreuung ihrer Kinder unterstützt.

Ein Trick, den einige Eltern anwenden, ist der Versuch, die persönliche Assistenz nach oben zu schrauben. „Wenn man bereits persönliche Assistenz hat, ist dies einfacher als Elternassistenz zu bekommen“, weiß Dr. Arnade.

Für Eltern mit Handicap, die aufgrund ihres Berufs zusätzliche Unterstützung benötigen, gilt: Seien Sie in Ihren Lösungsmöglichkeiten kreativ!

Wer keine Elternassistenz erhält, kann es auch mit anderen Hilfsangeboten versuchen, die wenig oder manchmal auch gar nichts kosten.

Nachbarschaftshilfe, Anschläge beim nächsten Supermarkt, Leihomas, Angebote der Caritas oder so wie bei Margarete die beste Freundin und die Hausgemeinschaft - helfende Hände gibt es genug. Trauen Sie sich, diese auch aufzuspüren!

 

Text: MHA

Fotos: Dr. Arnade, pixelio.de

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