Bessere Berufschancen trotz psychischer Erkrankung

Donnerstag, 9. Januar 2014

Eine aktuelle Analyse des Bundesgesundheitssurveys DEGS zeigt, dass Menschen mit einer schweren psychischen Erkrankung deutlich häufiger arbeitslos und berentet sind. Die Gesundheitsstadt Berlin und die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde DGPPN fordern deshalb, die beruflichen Chancen für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen zu verbessern.

Psychische Erkrankungen sind heute der häufigste gesundheitsbedingte Grund für frühzeitige Erwerbs- und Berufsunfähigkeit. Eine aktuelle Auswertung der repräsentativen Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland untersucht, inwiefern psychische Erkrankungen mit einem geringeren Berufsstatus bzw. keiner Erwerbstätigkeit einhergehen. Dabei zeigt sich: Viele psychisch Erkrankte haben Arbeit. Doch psychisch erkrankte Personen sind deutlich häufiger arbeitslos und berentet – in Abhängigkeit von Schweregrad, Altersgruppe und Geschlecht um Faktor 2 bis 15. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB. Sie zeigen, dass sich unter den Empfängern von Arbeitslosengeld II circa doppelt so häufig psychisch Kranke befinden wie bei gleichaltrigen Erwerbstätigen.

Vermittlungsstellen häufig überfordert

Die IAB-Studie legt zudem deutliche, regional unterschiedliche Defizite bei der Vermittlung von Arbeitnehmern mit psychischen Erkrankungen offen: Der individuell notwendige Unterstützungsbedarf überfordert die Vermittlungsstellen, welche fachlich hierfür nicht ausgerüstet sind; die Kooperationsmöglichkeiten zwischen Arbeitsvermittlung und dem medizinischen/psychosozialen Hilfesystem bleiben ungenutzt bzw. variieren regional stark; sozialgesetzliche Möglichkeiten für die berufliche Integration werden so oft nicht ergriffen. Frühzeitige Erwerbsunfähigkeit ist eine wahrscheinliche Folge.

Behinderten-Werkstätten als Auffangbecken für immer mehr Betroffene

Gerade Menschen mit einer früh beginnenden, nachhaltig beeinträchtigenden, chronischen psychischen Störung, zum Beispiel einer Schizophrenie, sind oft erwerbsunfähig und lebenslang auf soziale Unterstützung angewiesen. Menschen, die aufgrund einer psychischen Beeinträchtigung aus dem Erwerbsleben ausscheiden oder gar nicht erst in Arbeit kommen, bleibt derzeit als Beschäftigungsoption oft eine Werkstatt für behinderte Menschen. Dieser zum Arbeitsmarkt parallele Sektor fungiert für immer mehr Betroffene als Auffangbecken.

Integration in den ersten Arbeitsmarkt gelingt nicht

Im Jahr 2013 waren bundesweit in den Einrichtungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen über 59'000 Menschen mit psychischer Beeinträchtigung beschäftigt (20% aller Beschäftigen), 2006 waren es noch 42'000 (17%). Diese Statistiken belegten, dass die Integration psychisch Kranker in den ersten Arbeitsmarkt mit den gegenwärtigen Förderinstrumenten nicht gelingt, so die DGPPN. Darüber hinaus wird auch das Ziel ihrer gesellschaftlichen Inklusion durch die Beschäftigung in einer Werkstatt für Behinderte verfehlt.

Erfolgsversprechende Supported-Employment-Ansätze

Wie die Integration besonders von Menschen mit schweren psychischen Beeinträchtigungen auf dem ersten Arbeitsmarkt funktionieren kann, zeigt der internationale Vergleich. Psychisch Kranke werden dort ohne Training direkt auf dem ersten Arbeitsmarkt platziert und durch einen Jobcoach begleitet. Dieser Jobcoach wird in der Vermittlung eines angemessenen Arbeitsplatzes, der Begleitung der Betroffenen in Krisen und der Kontaktaufnahme mit dem Arbeitgeber wirksam. Diese so genannten Supported Employment-Ansätze haben laut DGPPN in wissenschaftlichen Studien ihre Überlegenheit gegenüber den traditionellen arbeitsrehabilitativen Ansätzen auch für den deutschsprachigen Raum gezeigt.

Professor Steffi G. Riedel-Heller aus dem Vorstand der DGPPN betont: „Es besteht dringender Handlungsbedarf, die berufliche Situation psychisch kranker Menschen zu verbessern. Dabei müssen neue innovative Wege gegangen werden. Supported Employment eröffnet hier besondere Chancen, psychisch Kranke in Beschäftigung zu bringen.“ (DGPPN/MyHandicap/pg)