Kein Einkommen und trotzdem ein Auto?

Eine Hochflurtram in Brandenburg (rohavideo/pixelio.de)
Der öffentliche Nahverkehr kann bei manchen Behinderungen gar nicht genutzt werden (rohavideo/pixelio.de)

Mobilität ist ein Menschenrecht. Menschen mit Behinderung, die ins Arbeitleben integriert werden, haben gute Chancen, ein Fahrzeug samt Anpassungen finanziert zu bekommen (siehe Kfz-Hilfe). Aber wie steht es um diejenigen, die keinen Job haben?

Schwerbehinderte Menschen, die berufstätig sind oder Aussicht auf eine Stelle haben, erhalten bei einem berechtigten Anspruch Zuschüsse für ein umgerüstetes Fahrzeug. Auch Azubis und Studenten mit Behinderung werden gefördert – falls das Fahrzeug für den Transport zum Ausbildungsort benötigt wird. Informationen zur Kfz-Hilfe bekommen Sie hier.

Was ist aber mit schwerbehinderten Menschen, die nicht im Arbeitsleben stehen und keine Aussicht auf Integration haben?  Ihnen zu helfen, sieht die Kraftfahrzeughilfeverordnung nicht vor – gefördert wird nur, wenn mit Hilfe des Fahrzeuges der „Arbeits- oder Ausbildungsort oder der Ort einer sonstigen Maßnahme der beruflichen Bildung zu erreichen“ ist.

Nicht-berufstätige Menschen haben kaum Möglichkeiten

Betroffene, die nicht in der Ausbildung oder im Berufsleben stehen, haben „so gut wie gar keine Möglichkeiten“, bestätigt Heinrich Buschmann, Vorsitzender des Vereins Mobil mit Behinderung e.V. (MMB). Buschmann sitzt selbst im Rollstuhl und arbeitet bei Siemens als Bios-Entwickler.

Eine Förderung für diese Personengruppe läuft in der Regel über das Sozialamt, jedoch ist dieser Weg oft nicht von Erfolg gekrönt, da eine stichhaltige Begründung unabdingbar ist.

„Stiftungen sind ‚Melkkuh’ der sozialen Not“

Und selbst mit stichhaltiger Begründung liege es oft am Sachbearbeiter, der im Rahmen seines Ermessungsspielraumes Anträge oft so auslege, dass diese abzulehnen seien, weiß Buschmann. Typische Ablehnungsgründe seien, dass die Förderung nicht der beruflichen Eingliederung diene oder das Kind das Fahrzeug nicht selbst bedienen könne.

Letztendlich seien die Betroffenen daher oft „auf den Goodwill der Stiftungen angewiesen“, durch deren Zuwendungen die Mobilität „heute fast ausschließlich“ ermöglicht werde, fährt Buschmann fort. Zu diesem Zweck gründete er 2004 die Stiftung zur Förderung der Integration durch Mobilität mit, deren 3. Vorsitzender er ist.

Sieghard Pusch vom Umrüstungsunternehmen Haag Rehatechnik, selbst durch einen Unfall im Rollstuhl, zählt alle Möglichkeiten auf, ohne eigene finanzielle Mittel und ohne Anspruch auf Kfz-Hilfe an ein Auto zu kommen: „Spenden, Stiftungen, Landessozialämter, Krankenkassen“. Letztere können zum Beispiel einen orthopädisch angepassten Schwenksitz für die Beifahrerseite finanzieren. Andere, nichtmedizinische Umbaumaßnahmen werden aber nicht finanziert, vom Fahrzeug an sich ganz zu schweigen.

Der elektrischer Dachlifter verlädt einen Faltrollstuhl automatisch in die Dachbox (Quelle: Ford-Werke GmbH)
Aus eigener Tasche sind die notwendigen Umrüstungen oft nicht zu bezahlen (Quelle: Ford-Werke GmbH)

Kaum ein gesetzlicher Anspruch auf Mobilität

Was soll also ein nicht-berufstätiger Mensch mit Behinderung tun, wenn er ein umgerüstetes Fahrzeug dringend benötigt? An wen sollen sich Eltern schwerbehinderter Kinder nun wenden? „Da gibt es nur eine Antwort: Mobil mit Behinderung“, sagt Buschmann selbstbewusst. Es gebe nämlich keine andere Institution, die sich mehr mit diesem Thema befasse.

Die Anfragen scheinen Buschmann Recht zu geben. Woche für Woche flattern Hunderte von Briefen in den MMB-Briefkasten - in Kürze erwartet Buschmann die 1000. Beratungsanfrage. Die unentgeltliche Beratung kann jeder Betroffene nutzen – Vereinsmitglieder werden allerdings bevorzugt. Auf der MMB-Webseite ist derzeit zu lesen, dass aufgrund hoher Auslastung „keine weiteren Beratungsanfragen“ entgegen genommen werden können.

Ein weiterer Verein, der sich um die Mobilität behinderter Menschen kümmert, ist der Bund behinderter Auto-Besitzer (BbAB e.V.).  „Wir möchten sehr fair und offen zu den nichtberufstätigen Betroffenen“ sein und „keine falschen Hoffnungen wecken“, meint Achim Neunzling, Gründer des BbAB. Er sieht wenig Möglichkeiten dafür, dass jedermann über Stiftungen ein Auto bekommt.

Ehrenamtliche Berater an Grenzen ihrer Belastbarkeit

Dennoch, wo ein Wille und ein echter Bedarf ist, ist manchmal auch ein Weg. Es gar nicht erst zu versuchen, heißt schon im Vorfeld aufzugeben.

„Da gibt es zum Beispiel die Hausfrau im Rollstuhl, die in einem Brief erzählt, dass sie ohne ein angepasstes Auto kaum Möglichkeiten hat, ihren Pflichten für die Familie nachzukommen. Und in einem anderen schreiben die Eltern von zwei schwerbehinderten Kindern im Teenageralter, diese können nur sehr selten aus dem Haus – wegen fehlender Transportmöglichkeiten“, berichtet Heinrich Buschmann.

Sie alle bitten die angeschriebenen Stiftungen verzweifelt um finanzielle Unterstützung. Und das „sind nicht mal die schwersten Schicksale“, meint Buschmann. Rentner brauchen „sich die Mühe erstmal gar nicht zu machen“, wenn sie keine Erwerbsminderungsrente beziehen (hier wäre dann die Deutsche Rentenversicherung zuständig).

Wie hilft der Verein Betroffenen?

Wie soll man am besten verfahren? Irgendwelche Tipps? „Ja, aber die geben wir nur in der direkten Beratung weiter“, meint Buschmann. „Es ist die ‚Strategie’, die hier zum Ziel führt und die ist immer extrem vom Einzelfall abhängig“. Deshalb mache es keinen Sinn, Statistiken zum Erfolg der Beratungen herauszugeben, da die meisten Fälle sich nicht vergleichen ließen. Dennoch würden in rund 90 Prozent der Fälle „zum Ziel geführt“ – Buschmann vermeidet den Ausdruck „Erfolg“, da dieser ja von den Stiftungen abhänge.

Dass der Verein konkrete Tipps und Adressen nur an Mitglieder weitergibt, bestätigt Andrea Franke in ihrem Erfahrungsbericht aus dem Jahre 2008. Nichtmitgliedern stehe lediglich eine kostenlose Beratung mit Basisinformationen zu, ist auf Autoanpassung.de zu lesen.

Das Logo von Mobil mit Behinderung zeigt einen Van mit einem Rollstuhlfahrer am Steuer  (Bild: MMB)
Der Verein Mobil mit Behinderung berät in Kürze den 1000. Betroffenen (Bild: MMB)

Tipps und Adressen nur bei Mitgliedschaft

MMB richtete Andrea Frank nach einer telefonischen Beratung ein Spendenkonto ein und schickte ihr Musterschreiben zu, die sie dann an Stiftungen schickte. Von den Stiftungen kam jedenfalls kein Geld auf das Spendenkonto ein. Letzten Endes half ihr der MMB doch mit einem Darlehen und einem kleinen Zuschuss – so konnte sie sich einen „Commander“-Knauf mit Multidrehknopf im Wert von mehr als 1.000 Euro leisten.

Sie ließ sich den Knauf beim MMB-Kooperationspartner KADOMO einbauen. Diese Umrüstfirma berät die MMB und deren Mitglieder regelmäßig unentgeltlich hinsichtlich der technischen Umsetzbarkeit sowie möglicher Kostenträger, erzählt Hakki Yavuzyasar vom KADOMO-Vertrieb, „gerne auch mehrmals oder für Stunden“. Dafür landet der eine oder andere Umrüstungsauftrag bei ihnen, aber Yavuzyasar empfiehlt jeden Endkunden grundsätzlich, sich ebenfalls von der Konkurrenz beraten zu lassen und gebe gern die Nummern der Konkurrenz raus.

Nehmen Sie ihn bei Wort. Das Umrüstungsunternehmen Ihres Vertrauens berät Sie sicherlich gerne kostenfrei über die Finanzierungsmöglichkeiten.

KADOMO berät den Verein MMB

Auch eine Umrüstungsfirma kann manchem Betroffenen helfen. „Wir können gucken, ob wir eventuell Vorführartikel oder gebrauchte Artikel haben, wo wir was am Preis machen können“. Da seien manchmal schon „extreme Preisvorteile“ drin – selbst mit Garantie, sagt Yavuzyasar. Bei den meisten Betroffenen, die nichts von den Kostenträgern erwarten können, würden „diverse Stiftungen“ finanziell aushelfen.

Buschmanns eigene Stiftung IDM konnte bislang allerdings „nicht oder nur in sehr geringem Maße“ finanzielle Hilfe leisten, da man es bislang nicht schaffte, Sponsoren zu gewinnen. Die Stiftung sei daher „hauptsächlich repräsentativ unterwegs“. Deren seit rund zwei Jahren nicht mehr aktuell gehaltene Webseite werde derzeit generalüberholt, versichert Buschmann eilig nach.

Politisches Engagement von MMB

Parallel zu der Beratungstätigkeit versucht sich Mobil mit Behinderung politisch dafür einzusetzen, dass „Mobilität einklagbares Recht wird“. Aufwind erhofft sich Herr Buschmann von Artikel 20 der UN-Behindertenrechtskonvention, der „wirksame Maßnahmen, um für Menschen mit Behinderungen persönliche Mobilität mit größtmöglicher Unabhängigkeit sicherzustellen“, vorschreibt.

Zum Schluss noch ein interessanter Hinweis: Eine ganze Reihe von Autoherstellern bietet schwerbehinderten Menschen Rabatte beim Kauf eines Neuwagens an, wie zum Beispiel Volkswagen und Ford, aber auch gehobene Marken wie BMW oder Mercedes.

Die Höhe der Ermäßigung liegt im Schnitt zwischen 15 und 20 Prozent. Voraussetzung ist meistens der Schwerbehindertenausweis mit einem GdB ab 50 sowie bestimmten Merkzeichen. Mehr Infos hierzu: Vergünstigungen bei Neuwagenkauf.

Text: TMI – 07/2010

Fotos: pixelio.de, MMB, Ford-Werke GmbH

Quellen: Mobil mit Behinderung, Autoanpassung.de

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