Chancen zur beruflichen (Re-)Integration nutzen: Das betriebliche Eingliederungsmanagement

Ein Arbeiter mit Presslufthammer bei der Granitherstellung. (Bild: Bolliger Hanspeter/pixelio.de)
Nicht jeder kann denselben Job dauerhaft zu den gleichen Bedingungen ausführen - wie z.B. Bülent. (Bild: Bolliger Hanspeter/pixelio.de)

Wer auf Grund seines Alters, eines Unfalls oder einer Krankheit längere Zeit ausfällt, muss nicht gleich von Kündigung bedroht sein. Unternehmen sind seit 2004 per Gesetz dazu verpflichtet, Eingliederungsmanagement zu betreiben.

"Ohne das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) hätte ich den Job verloren", sagt Bülent H*. Bülent, Ende Vierzig und wegen einer Poliomyelitis gehbehindert, arbeitet als Feinmechaniker in einem mittelständischen Unternehmen. "Früher waren 40-Stunden-Wochen im Schichtwechsel kein Problem, da war ich nach der Arbeit oft noch topfit", erinnert er sich.

Vor etwa fünf Jahren änderte sich das: "Ich wurde nach Feierabend allmählich immer ausgelaugter, ging früher ins Bett und an manchen Tagen schaffte ich es nicht mehr aus dem Bett. Immer öfter ließ ich mich krankschreiben, jeweils für einen oder zwei Tage." Erst als Bülents Konzentration immer wieder nachließ und er Fehler produzierte, sprach ihn sein Abteilungsleiter an.

Gespräch zusammen mit Integrationsamt

"2007 kam er auf mich zu und wir sprachen über meine Arbeit und meine gesundheitliche Belastung. Er wollte mich aber unbedingt behalten, jedoch waren meine hohen Fehlzeiten nicht akzeptabel. Weil für mich eine Versetzung in eine andere Arbeit keine Option war, einigten wir uns auf ein Gespräch mit dem Integrationsamt", erzählt Bülent.

Der Vertreter vom Integrationsamt schaute sich dann Bülents Arbeitsplatz an - dieser war optimal auf Bülent eingestellt. "Schließlich kamen wir zu der Annahme, dass das Schichtsystem mich umso mehr fordert, je älter ich werde", erzählt Bülent. Das BEM wurde letztlich bei Bülent so umgesetzt, dass er fortan nur noch in der Frühschicht arbeitet.

Der ständige Wechsel der Schichten fällt seitdem weg und das wirkt sich merklich auf Bülents Fehlzeiten und Fehlerquote. Sein Abteilungsleiter ist zufrieden mit der Änderung: "Herr H. macht seine Arbeit wieder so hervorragend wie früher und ist seltener krank. Wir sind froh über die Entscheidung, ihn zu behalten."

Unternehmen sind gesetzlich verpflichtet

Seit dem 1. Mai 2004 sind laut dem Neunten Sozialgesetzbuch alle Arbeitgeber verpflichtet, Beschäftigten, die länger als sechs Wochen - ununterbrochen oder wiederholt - arbeitsunfähig waren - BEM anzubieten. Und zwar nicht nur den Beschäftigten mit Behinderung, denn das BEM gilt für jeden Mitarbeiter.

"Für viele Schwerbehinderte stellt sich aber die Frage, wie sie nach einer längeren und schwerwiegenden Erkrankungen wieder so eingesetzt werden können, dass es ihrem möglicherweise veränderten Leistungsspektrum entspricht", betont Klaus Wenzel, VW-Schwerbehindertenvertrauensmann in Wolfsburg die Relevanz des BEM für Arbeitnehmer mit Handicap.

Bülents Beispiel ist kein Einzelfall

Ist BEM eine Chance für Arbeitgeber, sich behinderten Arbeitnehmern zu öffnen? Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) hat 2004 zur Einführung des BEM-Gesetzes eine Initiative gestartet: job - Jobs ohne Barrieren. Eines der Ziele ist die "Stärkung der betrieblichen Prävention, um die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten langfristig zu erhalten und zu fördern", wie es auf der job-Webseite heißt.

Die Initiative lief zunächst bis Ende 2006, wurde dann aufgrund des "hohen Informationsbedarfs und der Notwendigkeit, praktische Beispiele gelungener Umsetzungen auf betrieblicher Ebene bekanntzumachen" bis Ende 2010 verlängert. job fördert mit finanziellen Anreizen Unternehmen, die sich für die berufliche Integration behinderter Menschen einsetzen und betreibt Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit.

Logo von job. (Bild: job)
Das Logo der Initiative "job - Jobs ohne Barrieren". (Bild: job)

Hoher Informationsbedarf seitens vieler Unternehmen

Ein Forschungsbericht zum BEM aus 2008, beauftragt vom BMAS, zeigt: 48 Prozent aller deutschen Unternehmen führen BEM durch. Bei Großunternehmen (ab 250 Beschäftigte) sind es 55 Prozent, bei den kleinen Unternehmen (mit bis zu 49 Beschäftigten) dagegen 23 Prozent.

"Ich halte sogar die Zahlen für zu schön. Sagen wir mal, 50 Prozent der Firmen kennen BEM und haben vielleicht auch BEM in ihren Vorgaben. Wie es aber gelebt wird, weiß ich nicht", kommentiert Michael Graus, MyHandicap-Fachexperte für Ausbildung & Beruf, die Ergebnisse.

Noch zu wenig Druck von Politik und Öffentlichkeit

"Bisher haben die Firmen schlechte Erfahrungen mit Ämtern und Einrichtungen gemacht, die sich nicht auf die besonderen Belange der Betriebe eingestellt haben. Auch der öffentliche / gesetzgeberische Druck und die Notwendigkeit, unbedingt Mitarbeiter 'halten' zu wollen, war nicht so ausgeprägt vorhanden", weiß Graus aus seiner täglichen Arbeit zu berichten. Er befasst sich zu einem Großteil mit dem BEM und berät regelmäßig Unternehmen zu diesem Thema.

Das Gefälle zwischen großen und kleinen Unternehmen erklärt sich Graus so, dass kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) in der Regel kein eigenes Referat für Soziales haben.

"Deshalb ist es für die KMUs schwierig, ein stabiles Integrationsteam zu bilden. Auch eine Professionalisierung ist nur schwer möglich", so Graus weiter. "Als notwendige Lösung würden sich externe Dienstleister - wie etwa das Integrationsamt, der Integrationsfachdienst oder vergleichbare Beratungsstellen - anbieten, welche dann die Beratung sowie die Vermittlung übernehmen. Diese müssen sich aber auf die Firma einstellen und keine Dienstleistung von der Stange anbieten."

BEM eher bei großen Unternehmen etabliert

Viele Großkonzerne verfügen  über eigens dafür eingerichtete Integrationsabteilungen, wie zum Beispiel Volkswagen Deutschland. Am VW-Standort Wolfsburg ist Heiko Opaterny zuständig für "Integrationsmanagement und Soziale Dienste" und somit auch für das BEM. Wenn ein Mitarbeiter sechs Wochen oder länger krank ist, wird er von Opaterny mit einem BEM-Beratungsangebot angesprochen.

Allein am Standort Wolfsburg hatten insgesamt über 90 Prozent der etwa 1.400 angeschriebenen Mitarbeiter auf das Beratungsangebot reagiert. Von diesen ließen sich wiederum 600 einer Beratung unterziehen - die Teilnahme am BEM ist freiwillig - und dementsprechend viele Maßnahmen wurden umgesetzt.

Bild vom Hauptgebäude des VW-Werks in Wolfsburg. (Bild: Tidus9/pixelio.de)
Bei Volkswagen Deutschland ist das BEM längst fester Teil der Unternehmenskultur. (Bild: Tidus9/pixelio.de)

"Breite Palette an Unterstützungsmöglichkeiten"

Der BMAS-Forschungsbericht zählt als die häufigsten umgesetzten Maßnahmen folgende auf: Stufenweise Wiedereingliederung, Umsetzung auf einen anderen Arbeitsplatz, Verbesserung der technischen Ausstattung des Arbeitsplatzes. Auch eine Reduzierung der Arbeitsbelastung oder berufliche Qualifizierungsmaßnahmen wurden bislang im Rahmen des BEM durchgeführt. Bülent wurde zum Beispiel vom Schichtsytem ausgenommen.

Darüber hinaus werden externe Unterstützungsmöglichkeiten wie beispielsweise vom Integrationsamt, vom Integrationsfachdienst oder anderen Sozialversicherungsträgern wie die Kranken- oder die Rentenkasse geprüft, so Opaterny.

Externe Unterstützung einbeziehen

"In erster Linie erarbeitet das BEM zusammen mit den Betroffenen die notwendigen Aktivitäten, erläutert die Prozesse, benennt Ansprechpartner und eine sinnvolle Zeitschiene und steht im gesamten Wiedereingliederungsprozess als Ansprechpartner zur Verfügung", erklärt Opaterny.

Nicht selten haben Arbeitnehmer die Sorge, die Auskunft über die eigenen gesundheitlichen Probleme führe letztendlich nur zu Nachteilen. "Klientendaten dürfen nur im Rahmen der Zweckbestimmung des BEM und den damit verbundenen Regelungen erhoben und verarbeitet werden", kann Graus beruhigen. Beim BEM ist der Datenschutz ein wichtiger Aspekt. Gesundheitliche Daten dürfen also nicht unbegründet - beispielsweise an die Geschäftsleitung - weitergegeben werden.

Schweigepflicht ist beim BEM essentiell

Haben sich alle Beteiligten auf einen Eingliederungsplan geeinigt, wird beobachtet, ob die Umsetzung erwartungsgemäß funktioniert.. Am Ende des Eingliederungsprozesses wird ausgewertet: Haben sich die Fehlzeiten verringert beziehungsweise hat sich die Arbeitsqualität erhöht? Wie verlief es aus der Sicht der Beteiligten? Bei Erfolg wird die Situation beibehalten. Verlief es dagegen nicht so wie erwünscht, ergeben sich eventuell neue Ansatzpunkte für weitere Anpassungen.

Gleichzeitig weiß Opaternys Kollege Eckhard Krebs, Mitglied des VW-Betriebsrates, um die Schwierigkeiten in der betrieblichen Praxis, abhängig von der gesundheitlich bedingten Einsatzbreite entsprechende Einsatzmöglichkeiten zu realisieren. Krebs möchte damit sagen: Bei manchen gesundheitlichen Einschränkungen - wie etwa bei einer schwersten Depression oder einer hochgradigen Querschnittlähmung - kann es vorkommen, dass auch ein gut durchgeführtes BEM nicht hilft.

Drei Holzfiguren in einer "Gesprächsrunde". (Bild: hofschlaeger/pixelio.de)
Ein offer, verantwortungsvoller Austausch aller Beteiligten trägt maßgeblich zum Erfolg bei. (Bild: hofschlaeger/pixelio.de)

Was hat der Arbeitgeber vom BEM?

Betroffene profitieren in der Regel davon, dass sie ihren Job - wie im Falle von Bülent - unter besseren Bedingungen weiterhin ausüben können. Und der Arbeitgeber?

"Bewährte Mitarbeiter einschließlich Bildungsinvestitionen und Erfahrungsschatz im Betrieb halten, Fehlzeiten mindern, Kosten der Entgeltfortzahlung senken, Ersatz- und Zusatzpersonal vermeiden, eventuell Ausgleichsabgabe sparen", zählt eine Broschüre zum BEM, herausgegeben vom Institut für Qualitätssicherung in Prävention und Rehabilitation, die Vorteile für den Arbeitgeber auf.

Das kann Opaterny bestätigen: Weil bei Volkswagen das BEM auf eine vergleichsweise lange Tradition zurückblicke, hat sich seit 2003 - also schon, bevor es das BEM-Gesetz gab - die durchschnittliche Dauer der Arbeitsunfähigkeit von Krakengeldbeziehern im produzierenden Bereich signifikant reduziert. "Auffallend ist auch die hohe Motivation, mit der BEM-Kunden an der Rückkehr in den Arbeitsprozess arbeiten", weiß Opaterny.

"Der Mitarbeiter wird durch das BEM in seiner Verantwortung für eine bessere Beschäftigungssituation gefördert und gefordert. Außerdem wirkt sich das auch positiv auf das Image des Unternehmens aus", ergänzt Graus die Vorteile für den Arbeitgeber.

Externe Anreize für erfolgreiches BEM

Außer den genannten Vorteilen existieren auch äußere Anreize, ein erfolgreiches BEM durchzuführen. Das Hamburger Integrationsamt beispielsweise zeichnet demnächst erstmals Unternehmen mit einer Prämie von bis zu 10.000 Euro aus, die sich außerordentlich um die betriebliche Integration behinderter Menschen bemühen.

"Ich bin davon überzeugt, dass diese Prämierung viele erfolgreiche Beispiele in die Öffentlichkeit tragen wird", sagt Antje Blumenthal, Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen in Hamburg. Weitere Infos zur Prämierung hier.

Ist das BEM Teil Ihres Unternehmens?

"Lösungen lassen sich dann schnell und gut finden, wenn die verschiedenen Beteiligten - also Beschäftigte, Arbeitgeber und Interessenvertretung - vertrauensvoll zusammenarbeiten und an einem Strang ziehen", fasst Krebs zusammen. Bülents Beispiel bestätigt das.

Ist das Betriebliche Eingliederungsmanagement bereits fester Teil Ihres Unternehmens? Wenn noch nicht, nutzen Sie die Chance: Als Arbeitgeber, um das BEM zu etablieren und die genannten Vorteile daraus zu ziehen. Oder als Arbeitnehmer Ihre Vorgesetzten vom BEM zu überzeugen.

*Name von der Redaktion geändert

Text: TMI

Bilder: pixelio.de, job

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