Mit einer Selbstständigkeit zum beruflichen Erfolg

Portraitaufnahme von Justin Black (Foto: Claudia Buhl-Löwinger)
Justin Black arbeitet erfolgreich als selbstständiger Filmemacher und Jounalist (Foto: Claudia Buhl-Löwinger)

Justin Black ist ein erfolgreicher Filmemacher und Journalist. Seine körperliche Behinderung ist dabei kein Hindernis. Sein Weg zur beruflichen Selbstständigkeit war allerdings von einigen Umwegen geprägt. Im MyHandicap-Jobherbst berichtet er von seinem ungewöhnlichen Werdegang.

Berufliche Selbstständigkeit ist für mich seit meiner Jugend normal. Meine Eltern hatten sich selbstständig gemacht, als ich 13 Jahre alt war. So konnten sie es einrichten, dass immer jemand bei mir zuhause war.

Normalen beruflichen Werdegang angestrebt

Trotzdem strebte ich nach meinem Abitur einen „normalen“ beruflichen Werdegang an. Noch vor dem Ende meiner Schulzeit wurden meine ersten Pläne jedoch zunichte gemacht. Ich hatte mich eigentlich an einer Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) bewerben wollen. Als ich dort nachfragte, ob denn ein Studium auch für kreative junge Leute mit Behinderung möglich sei, erfuhr ich, dass man mich nicht einmal zur Aufnahmeprüfung zulassen würde.

Nicht wegen dem Handicap an sich. Allerdings wegen der indirekten Folgen. Um an der HFF Regie oder Produktion studieren zu dürfen, musste man praktische Erfahrungen vorweisen. Dass ich an der Schule schon mehrere Filme produziert hatte, zählte ebenso wenig, wie der Umstand, dass jemand mit meiner Behinderung nicht mal eben bei einer großen, „richtigen“ Produktion für ein paar Wochen den Praktikanten mimen kann. Zumindest nicht, wenn man in einer Kleinstadt wohnt. Hätten wir in Babelsberg (einer der deutschen Filmmetropolen) gelebt, wäre das vielleicht anders gewesen...

Justin Black unterhält sich mit Peter Maffay und Sigmar Gabriel (Foto: BLACKFORCE.tv)
Justin Black ist bei seiner Arbeit viel unterwegs und trifft dabei interessante Persönlichkeiten (Foto: BLACKFORCE.tv)

Plan B

Da ich jedoch nach meinem Abitur nicht zuhause sitzen wollte, folgte Plan B. Ich bewarb mich um einen Ausbildungsplatz. Und zwar überall wo ich glaubte, dass meine Behinderung keine Rolle spielt. Angefangen bei der örtlichen Sparkasse, bis hin zum Bundesamt für Verfassungsschutz.

Darüber hinaus wurde ich beim Berufsberater vorstellig, der regelmäßig zu uns in die Schule kam. Denn der kannte bestimmt auch noch ein paar interessante Berufe. Und so begannen die Mühlen des (damals hieß es noch) Arbeitsamtes auch in meinem Fall zu mahlen. Bekannterweise sind die dabei aber nicht sehr schnell.

Eigene Bemühungen erfolgreicher

Glücklicherweise waren meine eigenen Bemühungen erfolgreicher. Zwar erhielt ich auf meine zahlreichen Bewerbungen auch einige Absagen, aber größtenteils wurde ich zur ersten Bewerbungsrunde eingeladen. Hierbei wurde ich dann meist von Zivis begleitet. Bei den nächsten Runden kam dann häufig mein Vater mit.

Eignungstests, Assesment Center und Vorstellungsgespräche verliefen stets sehr positiv. Am Ende bekam ich dann jedoch trotzdem immer einen Brief mit der Absage. Einmal wurde ich vorgewarnt. Telefonisch gestand mir die Personalchefin ein, dass man sich anhand meiner Behinderung überfordert fühlte. Obwohl ich grundsätzlich bei den Gesprächen deutlich machte, dass ich mich selbstständig um Assistenz etc. kümmern würde. Offiziell hieß es dann aber immer man hätte „geeignetere Bewerber gefunden“.

Justin Black mit Jan-Josef Liefers (Foto: BLACKFORCE.tv)
Kontakte knüpfen bei der BERLINALE (Foto: BLACKFORCE.tv)

Von Entwicklung enttäuscht

Selbstverständlich war ich von dieser Entwicklung sehr enttäuscht. Ich konnte nicht verstehen, dass ein sympathischer, cleverer junger Mann wie ich, keinen Ausbildungsplatz bekam. Schließlich saß ich doch nur im Rollstuhl. Und für die Dinge, die ich nicht selbst erledigen konnte, gab es Assistenten. Zum ersten Mal seit langem fühlte ich mich wieder echt „behindert“.

Die Mühlen des Arbeitsamtes fingen an, mich zu zermahlen. Insgesamt versuchte man anderthalb Jahre lang, herauszufinden, ob man denn überhaupt für mich zuständig war...

Jemand, der zuständig war

Allerdings kannte ich jemanden, der für mich zuständig war: Ich selbst. Wenn ich schon keine Arbeit und keinen Studienplatz hatte, wollte ich mich wenigstens weiterentwickeln. Nicht bloß zuhause vor der Flimmerkiste rum sitzen. Also baute ich mein Wissen um meine Leidenschaft, die Filmerei, aus. Mit Büchern, Internetrecherche und dem Ansehen sämtlicher Bonusmaterialien jeder DVD, die mir in die Hände fiel.

Dabei stieß ich auf die Möglichkeit eines Fernlehrgangs Richtung Filmproduktion. Diesen absolvierte ich mit der Beurteilung „sehr gut“. Dabei bekam man die Aufgaben per E-Mail zugeschickt. Diese konnte man dann in aller Ruhe bearbeiten und anschließend seinem Tutor zurückmailen. Kurz darauf erhielt man dann die Kommentare des Lehrers und die nächste Aufgabe.

Kribbeln in den Fingern

Da es mir in den Fingern kribbelte, absolvierte ich ein unbezahltes Praktikum bei einem lokalen Fernsehsender. Und ich drehte, im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten, die nächsten Filme. Einer davon brachte mir sogar die Einladung zum Nachwuchsbereich der BERLINALE ein. Es schien bergauf zu gehen.

Justin Black steht neben einem VW Phaeton, daneben ein Kamerateam (Foto: BLACKFORCE.tv)
Justin Black bei Dreharbeiten zu einem seiner Filme (Foto: BLACKFORCE.tv)

Erneute Ernüchterung

Doch erneut kam die Ernüchterung. Obwohl ich voller Tatendrang steckte, kam ich nicht weiter. Wir wohnten mitten auf dem Land. Meine Eltern mussten Geld verdienen und konnten mir nicht ständig helfen und meine Assistenz war sehr begrenzt. Ich wollte raus in die Welt und schmiedete den Plan, nach Berlin zu ziehen. Wenn schon nicht an der HFF, so wollte ich zumindest etwas anderes im Medienbereich studieren.

Der Behindertenbeauftragte der Freien Universität sah keinerlei Probleme bei meinem Vorhaben. So entschied ich mich für Kommunikationswissenschaften und Publizistik im Hauptfach. In den Nebenfächern sollten es niederländische und indische Philologie werden. Auch einen Anbieter für eine Wohnung und eine rund-um-die-Uhr-Betreuung konnte ich ausfindig machen.

Das Vorhaben scheiterte erneut an den Amtsmühlen. Denn mit der Bewilligung der Assistenzkosten ließ man sich lange, lange Zeit... Zu lange. Die Anmeldefristen verstrichen. Und ich saß immer noch auf dem Land fest.

Schicksalhafte Begegnung

Dort gab es dann aber eine schicksalhafte Begegnung. Ich versuchte weiter, das Beste aus meinen Möglichkeiten zu machen. Gerade hatte ich auf eigene Kosten und mit Unterstützung von ein paar netten Leuten mein erstes Hörbuch produziert. Auch wollte ich wieder ein Filmprojekt auf die Beine stellen. Dadurch wurde der Beauftragte für Wirtschaftsförderung unseres Landkreises auf mich aufmerksam. Wir trafen uns.

Er war entsetzt, dass so ein aktiver junger Mann nicht voran kam. Nur, weil er körperlich eingeschränkt war. Auf sein Anraten schrieb ich einen Brief an die niedersächsische Sozialministerin und schilderte ihr meine Situation. Sie schaltete das Integrationsamt ein. Denn ihrer Meinung nach war dies zuständig. Ich studierte nicht und ich war nirgends angestellt, sondern machte alles allein. Also wie ein Selbstständiger.

Die Herrschaften vom Integrationsamt besuchten mich zuhause. Das hatte noch nie ein Kostenträger zuvor gemacht. Sie fragten mich dann auch, ob ich meine selbstständige Tätigkeit ausbauen wolle. Ich zögerte nicht lange und bejahte dies. Schließlich hatte ich nichts zu verlieren. Alle anderen Wege für einen Berufseinstieg waren mir ja verwehrt geblieben.

Justin Black steht auf dem roten Teppich vor dem BERLINALE-Palast (Foto: BLACKFORCE.tv)
Auf dem roten Teppich bei der BERLINALE (Foto: BLACKFORCE.tv)

Beginn der offiziellen Karriere

So begann meine offizielle Karriere als Freiberufler. Das Integrationsamt rief alle Kostenträger zusammen, damit man gemeinsam ein Persönliches Budget aufstellen könnte. Denn eines war klar: Wenn ich selbstständig arbeiten sollte, brauchte ich mehr Assistenz.

Durch den Umzug unserer Familie nach Bayern wurden die Budgetverhandlungen kurzzeitig unterbrochen. Doch auch das erwies sich letztendlich als positiv. Denn in Bayern schien es für die hiesigen Beamten nicht weiter ungewöhnlich, dass jemand trotz einer schweren Behinderung beruflich sehr aktiv sein kann.

Schon wenige Wochen später stand mein erstes Persönliches Budget. Es erlaubte mir die ersten Schritte in die Selbstständigkeit. Beruflich wie privat. Man kann also sagen, mit der offiziellen Aufnahme der selbstständigen Tätigkeit begann auch mein selbstständiges Leben.

Weitere Ansprüche durch die Arbeit

Durch die Arbeit hatte ich weiterhin Anspruch auf ein zinsloses Darlehen für die Anschaffung eines rollstuhlgerechten PKWs. Denn diesen brauche ich für die Ausübung meiner Arbeit. Schließlich dreht man nur selten einen Film direkt vor der eigenen Haustür. Und auch wichtige Kontakte lassen sich nur begrenzt in einem fünftausend Seelen Städtchen knüpfen.

Da ich ursprünglich vorhatte, mich weiter in Richtung Spielfilm zu orientieren, benötigte ich noch ein zweites Standbein. Denn bis man beim Spielfilm das große Geld verdient, dauert es einige Zeit. Doch auch bis dahin müssen ja Rechnungen (z.B. der Abtrag für das Auto) bezahlt werden.

Also verstärkte ich mein Engagement als Autor. Bereits nach dem Abitur hatte ich begonnen, hin und wieder für ein Fachmagazin zu schreiben. Allerdings war meine Themenauswahl sehr begrenzt. Denn ich saß ja auf dem Land fest. Dank eigenem PKW und ausreichend Assistenz war es nun kein Problem mehr, für die Recherche eines Artikels auch mal unterwegs zu sein.

Justin Black überwacht die Dreharbeiten auf einem Monitor (Foto: BLACKFORCE.tv)
Dreharbeiten (Foto: BLACKFORCE.tv)

Heute

Heute schreibe ich regelmäßig für verschiedene Auftraggeber. Außerdem bin ich inzwischen Mitglied im Bayerischen Journalisten-Verband.

Von den Spielfilmen bin ich zurzeit etwas abgekommen. Vielmehr konzentriere ich mich momentan auf Auftragsproduktionen, wie beispielsweise Werbefilme oder Eventmitschnitte. Das hat den einfachen Hintergrund, dass dies mir zeitnah Geld einbringt, statt mich solange Geld zu kosten bis das Budget wieder eingespielt ist. Als selbstständiger Unternehmer muss ich schließlich schauen, dass am Ende des Monats die Kasse stimmt. Darauf haben auch die Kostenträger des Persönlichen Budgets ein Auge. Denn sie wollen, dass sich die Investition in meine Assistenz für mich auszahlt. Soll ich doch durch meine Arbeit meinen Lebensunterhalt selbst finanzieren.

Somit trage ich vollständig die Verantwortung für mein Leben. Als eigener Chef liegt es schließlich an mir, neue Kunden und Aufträge zu gewinnen. Das ist nicht immer einfach. Um einen Großteil der monatlichen Fixkosten zu decken, habe ich mir daher ein paar Stammkunden aufgebaut. Für diese Aufträge muss ich deshalb regelmäßig Zeit einplanen. Als eigener Chef ist man selbst dafür verantwortlich, wann welche Arbeit wie erledigt wird. Dies ist ein weiterer Vorteil einer selbstständigen Tätigkeit und für jemanden, dessen Arbeitsfähigkeit durchaus vom körperlichen Befinden abhängig ist, eine ideale Lösung.

Den idealen Weg

Seinerzeit war ich sehr unglücklich, dass sich meine ursprünglichen beruflichen Pläne nicht verwirklichen ließen. Inzwischen habe ich jedoch den, für mich, idealen Weg gefunden. Trotz meiner Behinderung kann ich mich bei meiner Arbeit verwirklichen und trage dadurch selbst die Verantwortung für mein Leben.

Natürlich ist das auch nicht immer einfach. Doch mit der richtigen Einstellung kann man jede Herausforderung meistern. Mehr dazu am kommenden Freitag...


Text: Justin Black - 09/10

Fotos: Claudia Buhl-Löwinger, BLACKFORCE.tv

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