"Beschäftigung von Menschen mit Behinderung ist eine gesellschaftliche Verpflichtung"

Portrait Volker Rothaug
Volker Rothaug, Personalleiter bei Siemens

Volker Rothaug ist Personalleiter bei Siemens am Standort Erlangen. Als Mitglied der Betriebsleitung ist er für 4.000 Beschäftigte verantwortlich und kümmert sich als Arbeitgebervertreter auch um die Belange von Mitarbeitern mit einer Schwerbehinderung. Im Interview spricht er über gesellschaftliche Verantwortung, den besonderen Nutzen einer Integrationsabteilung und den Beitrag behinderter Mitarbeitern zum wirtschaftlichen Erfolg.

Herr Rothaug, das Thema Inklusion ist in den letzten Jahren immer stärker ins Bewusstsein gerückt. Auch für Unternehmen wird es immer wichtiger, Menschen mit Behinderung zu integrieren, wenn sie auf deren Erfahrung als Mitarbeiter und Konsumenten nicht verzichten wollen. Wie ist Inklusion bei Siemens geregelt?

Volker Rothaug: Die Siemens AG nimmt seit Jahren eine Vorreiterrolle ein beim Thema Integration von behinderten Menschen. So gibt es seit 2009 eine zwischen Firmenseite, Gesamtschwerbehindertenvertretung und dem Gesamtbetriebsrat abgeschlossene Integrationsvereinbarung. Ziel dieser Integrationsvereinbarung ist, die Beschäftigung von schwerbehinderten Menschen auszubauen, zu fördern und behinderungsbedingte Nachteile auszugleichen.

Wenn Sie als Personalleiter die Wahl haben zwischen einem gesunden Bewerber und einem Bewerber mit Behinderung, was bewegt Sie dazu, sich für den Kandidaten mit Handicap zu entscheiden? Schließlich ist er durch seine Erkrankung bei der Arbeit teilweise eingeschränkt.

Rothaug: Ich mache persönlich keinen Unterschied, ob jemand behindert ist oder nicht. Wichtig ist für mich, dass wir für alle Beschäftigten beziehungsweise Bewerber Chancengleichheit herstellen. Die Eignung ist für mich das Entscheidende. Oftmals bedarf es nur kleiner Unterstützung in Form von Hilfsmitteln oder individuellen Arbeitszeitmodellen, um auch Menschen mit Behinderung für sich und das Unternehmen gewinnbringend einzusetzen. Am richtigen Arbeitsplatz und im passenden Arbeitsumfeld eingesetzt, haben die Menschen eine sehr hohe Motivation und Identifikation mit dem Betrieb. Darüber hinaus sehen wir die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung auch als gesellschaftliche Verpflichtung.

Bei Siemens in Erlangen gibt es eine eigene Integrationsabteilung. Was muss man sich darunter vorstellen?

Rothaug: Ziel war es in erster Linie, Mitarbeitern, die aufgrund einer Behinderung oder Erkrankung nicht mehr in der Lage waren, im Leistungsentgelt zu arbeiten, einen sicheren Arbeitsplatz zu erhalten. In der Integrationsgruppe arbeiten behinderte und nicht behinderte Mitarbeiter gemeinsam an Produkten, die in die Fertigung oder Logistik eingesteuert werden. Uns war es hierbei wichtig, dass die Integrationsabteilung ein integraler Bestandteil unseres Fertigungs- und Logistikprozesses bleibt. In diesem „geschützten“ Umfeld können wir allerdings besser auf die individuellen Bedürfnisse der Mitarbeiter eingehen und trotzdem einen wertvollen Beitrag zur Produktionsleistung erbringen.

Worin liegen besondere Herausforderungen bei der Integration mit Behinderung?

Rothaug: Es geht unter anderem darum, unterschiedliche Bedürfnisse der einzelnen Beschäftigten mit den Herausforderungen einer wirtschaftlichen Betriebsführung in Einklang zu bringen. Dies ist in einem stark prozessgetriebenen Umfeld, das zudem einem starken Wettbewerbsdruck ausgesetzt ist, nicht immer einfach.

Im Zuge unserer Inklusions-Tandem-Tour durften wir das Siemens-Werk in Erlangen und Ihre vorbildliche Arbeit kennen lernen. Was planen Sie für die Zukunft?

Rothaug: Für die Zukunft muss es unser Anspruch sein, die Menschen mit Behinderung noch stärker als heute in den laufenden Produktionsprozess im wörtlichen Sinne einer Inklusion zu integrieren. Unsere besondere Herausforderung ist es hierbei, behinderte Mitarbeiter so ins Team einzubinden, dass sie trotz ihrer Einschränkungen ihren individuellen Beitrag zur Teamleistung beitragen können. Dies erfordert an einigen Stellen auch Veränderungen in der Arbeitsstruktur der Teams.

Was wäre Ihr Rat für Unternehmer, die neu an das Thema Inklusion herangehen?

Rothaug: Sehen Sie Ihre behinderten Mitarbeiter nicht nur mit der Brille „Erfüllung der gesetzlichen Quote“, sondern handeln Sie aus der Überzeugung heraus, dass jeder Mensch – am richtigen Arbeitsplatz eingesetzt – zum guten Unternehmenserfolg beitragen kann. Versuchen Sie von Anfang an, die Mitarbeiter unter Berücksichtigung ihrer individuellen Möglichkeiten in den normalen Arbeitsablauf zu integrieren und schaffen Sie keine „Insellösungen“. Nehmen Sie die Hilfe an, die von Dritten angeboten wird, beispielsweise vom Integrationsamt oder von Beratungsstellen.

Herr Rothaug, vielen Dank für dieses Gespräch.

Text: Philipp Jauch – 12/2015
Foto: Siemens