Wohlbefinden dank „sehenden Händen“

Die Massagepraxis „Sehende Hände“ in Winterthur in der Schweiz beweist, dass es Stellen im ersten Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung gibt.

Sehbehinderte oder blinde Masseurinnen und Masseure zeigen hier ihr besonderes Gespür für muskuläre Verspannungen und Beschwerden des Bewegungsapparates.

Ein heller und freundlicher Empfangsbereich, stilvoll eingerichtete Massageräume, angenehme Ruhe – die Massagepraxis „Sehende Hände“ im Neubau „Eichgut“ in Winterthur (Schweiz) lädt ein zum Wohlbefinden. Auf Anhieb ist kein Unterschied zu anderen modernen Massagepraxen festzustellen.

Aber – der Name verrät es – die Praxis ist sehr wohl etwas Besonderes. Denn hier arbeiten ausschließlich sehbehinderte und blinde medizinische Masseurinnen und Masseure mit dem eidgenössischen Fachausweis FA SRK. Sieben stehen unter Vertrag, fünf von ihnen sind derzeit aktiv. Dazu kommen drei Personen ohne Sehbehinderung, welche die Praxis leiten, die Kunden empfangen und die Administration erledigen.

Therapeuten erwirtschaften ihren Lohn selber

Das Team blickt auf eine beeindruckende Entwicklung zurück. Im Februar 2007 eröffnet, führt die Praxis heute eine Kartei mit 1700 Personen, die sich ein- oder mehrmals haben behandeln lassen, 500 von ihnen im Verlauf des vergangenen Jahres. Rund 100 Kunden kommen pro Woche in die Praxis, 70 % davon Frauen. In kurzer Zeit hat es die Praxis geschafft, selbsttragend zu sein, will heißen, die medizinischen Masseurinnen und Masseure finanzieren ihre marktgerechten Löhne auch selber.

Der durch die Sehbehinderungen bedingte Mehraufwand, in erster Linie die Gehälter der so genannten „sehenden Assistenz“ oder allfällige bauliche Maßnahmen werden aus Spenden von Selbsthilfeorganisationen, Stiftungen und Privatpersonen finanziert. Ab 2012 wird der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband diese Kosten tragen.

moderner, heller Empfangsbereich (Foto: pg)
Der Empfangsbereich der Massagepraxis „Sehende Hände“ (Foto: pg)

Besondere taktile Fähigkeiten

Der Erfolg hängt ganz eng mit dem Credo von „Sehende Hände“ zusammen: „Hände, die mehr sehen – Therapeuten, die mehr spüren!“. Anerkanntermaßen entwickeln blinde und sehbehinderte Menschen aufgrund ihres Handicaps ganz besondere taktile Fähigkeiten.

Sie zählen aufgrund ihres ausgeprägten Tastsinns zu den Besten auf dem Gebiet der manuellen Therapien. Ihnen gelingt das rasche und genaue Aufspüren von muskulären Verspannungen und anderen Beschwerden am Bewegungsapparat. Dies ist die Basis für eine optimale Anwendung und Wirkung der medizinischen Massagen.

Das Angebot ist vielfältig: Im Mittelpunkt steht die Klassische Massage und die Sportmassage, weiter bietet „Sehende Hände“ aber auch Reflexzonentherapie, manuelle Lymphdrainage oder Craniosacral Therapie an oder rückt schmerzenden Triggerpunkten zu Leibe.

Lange Vorbereitung

Der Erfolg von „Sehende Hände“ beeindruckt. Dahinter verbergen sich ein jahrelanges Engagement und eine akribische Planung. Initiiert wurde das Projekt von verschiedenen Personen, die beruflich im Sehbehindertenbereich zu tun hatten. Ziel war es, Arbeitsplätze im ersten Arbeitsmarkt für sehbehinderte Menschen zu schaffen.

Denn nach anspruchsvollen Ausbildungen oder Umschulungen mit dem Ziel der beruflichen und sozialen Integration ist der anschließende Zugang zum Arbeitsmarkt für behinderte Stellensuchende trotz guter Qualifikationen sehr schwierig. Verschiedene Möglichkeiten wurden geprüft, schließlich entschied man sich für eine Massagepraxis. Für die Umsetzung des Projekts wurde 2004 der Verein Punktacht gegründet.

Blindengerecht gebaut

Von Beginn weg arbeitete der Verein mit Betroffenen zusammen, um auf die genauen Bedürfnisse eingehen zu können. Beim Innenausbau wurden die neuesten Erkenntnisse betreffend blindengerechtem Bauens miteinbezogen.

Dazu gehört unter anderem die Schaffung optimaler Licht- und Kontrastverhältnisse. Sämtliche Massageräume sind bis auf die kleinsten Details identisch eingerichtet. Die sehbehinderten Angestellten finden sich dadurch an ihrem Arbeitsort zurecht und bewegen sich sicher und unabhängig. Gleichzeitig fühlen sich die sehenden Kunden in den modernen Räumen mit einem entspannenden Ambiente wohl.

Zu wenig ausgebildete Masseurinnen und Masseure

Beim Erfolg der Massagepraxis „Sehende Hände“ drängt sich die Frage nach einem Ausbau auf. Dies war bei Punktacht zwar auch schon ein Thema, realisieren lässt es sich aber derzeit nicht. Der Grund ist nicht eine mangelnde Nachfrage der Kunden, sondern dass es im Raum Winterthur zu wenig ausgebildete Masseurinnen und Masseure mit Sehbehinderung gibt, die den Bedürfnissen der Praxis und der Kunden entsprechen.

Portrait von Brigitte Baechtold (Bild: Sehende Hände)
Brigitte Bächtold (Bild: Sehende Hände)

Ausbildungsplätze werden derzeit nur noch in Therwil in der Nähe von Basel angeboten. Einerseits gibt es also zuwenig Jobs für Menschen mit einer Sehbehinderung, wo sie aber angeboten werden, fehlt es am Nachwuchs oder an den Möglichkeiten, seinen Wohnsitz zu verlegen.

Denn das mittlerweile in unserer Gesellschaft alltäglich gewordene Pendeln zwischen Wohn- und Arbeitsort ist für Menschen mit einer Sehbehinderung eine ungleich größere Herausforderung.

Dennoch – das Projekt stößt im Inland und auch im Ausland auf großes Interesse und beweist, dass es mit Wille, Beharrlichkeit und viel Einsatz möglich ist, auch für blinde oder sehbehinderte Menschen Jobs im ersten Arbeitsmarkt zu schaffen.

Interview mit Brigitte Bächtold, Dipl. Masseurin (46)

MyHandicap: Frau Bächtold, in welchem Alter hat der Verlust der Sehkraft bei Ihnen eingesetzt?

Brigitte Bächtold: Mit zwölf Jahren hat die Augenkrankheit begonnen, mit 16 bin ich durch eine Netzhautablösung spontan erblindet.

MyH: Wie kamen Sie dazu, eine Ausbildung als Medizinische Masseurin zu absolvieren?

BB: Nun, eigentlich wollte ich ja Krankenschwester werden, aber das war wegen meiner Sehbehinderung nicht möglich. Also habe ich mich im medizinischen Bereich umgesehen und mich erkundigt, was für möglich wäre.

MyH: Wo haben Sie diese Ausbildung absolviert und wie unterschied sich diese von derjenigen eines sehenden Therapeuten?

BB: Ich habe die Massageschule in Bad Säckingen besucht und außerdem Oexle’s Gesundheitsschule in Schlieren. Unterschiede gab dabei keine, ich habe die gesamte Ausbildung mit sehenden Menschen zusammen absolviert.

MyH: Was bedeutet Ihnen Ihr Job?

B. B.: Er bedeutet mir sehr viel. Ich kann trotz meiner Sehbehinderung einen Job ausüben, der mir sehr große Freude bereitet.

helles, modernes Behandlungszimmer (Foto: pg)
Jedes Behandlungszimmer ist absolut identisch eingerichtet (Foto: pg)

MyH: Käme es für Sie auch in Frage, in einer anderen Praxis mit Therapeuten/Therapeutinnen ohne Sehbehinderung zu arbeiten?

BB: Aber natürlich, das wäre gar kein Problem. An all meinen bisherigen Arbeitsorten war ich die einzige Therapeutin mit einer Sehbehinderung!

MyH: Blinde und sehbehinderte Menschen entwickeln aufgrund ihres Handicaps besondere taktile Fähigkeiten. Können Sie uns diese beschreiben?

BB: Das Tastgefühl ist viel sensibler. Außerdem wird eine sehbehinderte Person nicht dauernd von visuellen Dingen abgelenkt, entsprechend intensiver ist das Tasten.

MyH: Wie bemerken die Kunden diesen Unterschied?

BB: Das müssen Sie unsere Kunden fragen!

 

Text: Patrick Gunti – 02/2011

Bilder: pg, Sehende Hände

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