Eingliederung statt Rente – "Call Yachol" machts vor

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Durch die Computertechnologie haben sich Chancen für gehandicapte Menschen eröffnet

Die Integration oder Re-Integration von Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt ist in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus gerückt. Dabei geht es um Tätigkeiten in geschützten Beschäftigungsstätten, vor allem aber auch im offenen Arbeitsmarkt. Das israelische Unternehmen "Call Yachol" geht einen Schritt weiter: Das Call Center beschäftigt praktisch ausschließlich Menschen mit einer Behinderung.

In der westlichen Gesellschaft bedeutet Arbeit heute weit mehr als reinen Broterwerb. Arbeit ist für breite Schichten der Gesellschaft eine Möglichkeit zur Verwirklichung ihrer selbst, je nach beruflicher Stellung kann sie heute auch als Statussymbol betrachtet werden. Gemäß einer 2009 in „Der Spiegel“ veröffentlichten Studie verbinden 48 % der befragten Arbeitnehmer im Alter zwischen 20 und 35 Jahren Arbeit mit Geld. Fast 30 % sehen darin aber auch Erfüllung, 13 % Spaß, 10 % Karriere und gegen 5 % auch Ansehen.

Teilnahme am sozialen Leben

Von all diesen Zielsetzungen sind Menschen mit einer Behinderung heute praktisch ausgeschlossen. Der Ausschluss vom Arbeitsmarkt hat für sie aber noch weiter reichende Folgen, weil sie mit einer Arbeit noch ganz andere Ziele verbinden. Einer Erwerbstätigkeit nachzugehen bedeutet für sie, am sozialen Leben teilnehmen zu können.

Die Berufstätigkeit dient als Mittel, um die Anerkennung als ein vollständiges Mitglied der Gesellschaft zu erringen. Betroffene wollen ihre Leistungsbereitschaft und -fähigkeit unter Beweis stellen und schließlich über das Gehalt für ihre Arbeit zumindest eine teilweise ökonomische Selbstständigkeit erreichen.

Mitarbeiter am Arbeitsplatz (Foto: Call Yachol)
Bei Call Yachol sind mittlerweile 150 - ausschließlich behinderte - Mitarbeiter angestellt (Foto: Call Yachol)

Frühe Erfassung und intensive Begleitung

Stand früher die Schaffung von Institutionen und Arbeitsstätten im Vordergrund, die behindertengerechte Arbeitsplätze zur Verfügung stellten und vornehmlich einfache Arbeiten anboten, wird heute im Zuge der Integrationsbemühungen eine Beschäftigung von Menschen mit Behinderung in der freien Arbeitswelt angestrebt.

In der Schweiz wurden mit der 5. Revision der Invalidenversicherung IV der eigentliche Zweck der IV neu ausgerichtet. Einerseits wird die verbleibende Erwerbsfähigkeit genauer geprüft, bevor eine Rente gesprochen wird, andererseits wird angestrebt, dass mit frühzeitiger Erfassung, intensiverer Begleitung und aktiverer Mitwirkung mehr Behinderte erwerbstätig bleiben können.

Neue Chancen dank moderner Computertechnologie

Computertechnologien haben in den letzten Jahren Millionen von Arbeitsplätzen revolutioniert, aber auch Millionen wegrationalisiert. Für nicht behinderte Arbeitnehmer haben sich die Berufsbilder stark verändert, für Menschen mit Behinderung kann der technische Wandel insofern Vorteile ermöglichen, als neue Arbeitsfelder, neue Berufe und neue Erwerbsmöglichkeiten entstanden sind.

So haben die Computertechnologien zu Berufs- und Kommunikationsformen geführt, die unabhängig von Zeit und Ort erledigt, aber auch generell mit einer Behinderung ausgeführt werden können. Dazu gehört zum Beispiel die Arbeit in einem Call Center. Die Branche ist in den letzten Jahren stark gewachsen und sieht sich heute mit einem Mangel an qualifiziertem Fachpersonal konfrontiert.

Wegweisende Geschäftsidee

Im Call-Center-Bereich engagiert sich der israelische MyHandicap-Partner "Call Yachol", dessen Ziel es ist, dass in Zukunft 10 Prozent aller Mitarbeiter der Call Center weltweit Mitarbeiter mit körperlichen Behinderungen sein werden. Der Anfang der Expansion soll in der Schweiz gemacht werden, wo ein erstes Call Center nach dem Vorbild von "Call Yachol" geplant ist.

 

 

Gil Winch, Gründer von "Call Yachol" und Inhaber eines Ph.D. in Psychologie an der Universität von Tel Aviv (Foto: Call Yachol)
Gil Winch, Gründer von "Call Yachol" und Inhaber eines Ph.D. in Psychologie an der Universität von Tel Aviv (Foto: Call Yachol)

Im Gespräch mit dem Gründer Gil Winch

MyHandicap hat sich mit Gil Winch, Gründer von "Call Yachol" und Inhaber eines Ph.D. in Psychologie an der Universität von Tel Aviv, über das Unternehmen und die wegweisende Geschäftsidee unterhalten.

MyH: Dr. Winch, was bedeutet der Firmenname "Call Yachol"?

Dr. Winch: "Call Yachol" besitzt im Hebräischen zwei Bedeutungen: Einerseits drückt es die Fähigkeit aus, telefonieren zu können – also „to call“ - und andererseits vermittelt es den Glauben daran, alles zu können. 

 

Können Sie unseren Leserinnen und Lesern Ihre Beweggründe zur Gründung von "Call Yachol" – wo die meisten Mitarbeiter Menschen mit einer Behinderung sind – nennen?

Als jemand, der in der israelischen Armee diente und im Krieg verletzt wurde, sind mir Behinderungen und das Thema Tod nicht fremd. Freunde und Bekannte von mir sind im Krieg verletzt oder getötet worden. Aus diesem Grund trat ich vor einigen Jahren der Organisation "Access Israel" bei. Ich wollte helfen und musste gleichzeitig verstehen, dass 80% der körperlich Behinderten in Israel eine Arbeit suchen. Als Organisations-berater weiß ich, dass Call Center loyale und qualifizierte Mitarbeiter, die für längere Zeit angestellt bleiben, suchen.  

In meiner Position als Berater, Psychologe und Sonderpädagoge, der enge Beziehungen zu Regierungsträgern besitzt, fand ich mich in einer Position wieder, in der ich tatsächlich etwas ändern kann, in der ich Dinge miteinander verbinden kann.  

Wenn man ein Alter erreicht, in dem man in der Lage ist, etwas für die Gesellschaft zu tun, darf man dies nicht einfach ignorieren.

Welche Dienste bietet "Call Yachol" seinen Kunden an?

"Call Yachol" bietet den Kunden Outsourcing-Dienste, in denen es schwierig ist, Mitarbeiter für längere Zeit an den Betrieb zu binden, wie es zum Beispiel bei Call Center der Fall ist. Darüber hinaus bieten wir den Kunden eine Mitarbeitersuche, welche an die Mitarbeiter angepasst ist, eine Anpassung an das Einarbeitungs-Programm des Kunden für seine Mitarbeiter mit körperlicher Behinderung, eine Einführung in das typische Umfeld des Arbeitgebers, sowie eine Anpassung der gesamten Ausstattung am Arbeitsplatz - je nach körperlicher Behinderung. 

Welches sind die Hauptvorteile, einerseits für die Angestellten von "Call Yachol", andererseits für Ihre Kunden?

"Call Yachol" bietet den Mitarbeitern zwei wesentliche Vorteile: Zum einen soll zwischen dem Management und dem Mitarbeiter ein besonderes Verhältnis entstehen, das Wärme und Spaß an der Arbeit vermittelt. Wir versuchen, den angenehmsten Arbeitsplatz im Nahen Osten aufzubauen.

Dabei sind wir immer bemüht, Spaß an der Arbeit mit einzubeziehen. Sobald ein Mitarbeiter bei "Call Yachol" eingestellt wird, unternehmen wir alles, damit er bei seiner Arbeit erfolgreich sein wird, selbst wenn es mehr Zeit in Anspruch nehmen könnte. 

Unsere Kunden haben den Vorteil, bessere und loyale Mitarbeiter zum gleichen Budget zu erhalten und gleichzeitig einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.

Headset hängt über PC-Bildschirm (Foto: MyHandicap)
Die Re-Integration von Menschen mit Behinderung hat einen wachsenden Stellenwert (Foto: MyHandicap)

Wie viele Angestellte beschäftigen Sie derzeit?

Zurzeit sind es ungefähr 150 Mitarbeitende.

Wie viele Stunden pro Woche arbeiten die Angestellten?

Zwischen 20 Stunden pro Woche bis hin zu einer Vollzeitstelle.

Was können Sie uns über die Job-Anforderungen sagen?

Die Arbeitsplätze bei "Call Yachol" teilen sich in Verkauf und Dienstleistung auf. Die Arbeitsbedingungen im Dienstleistungssektor sind kompliziert, da wir Mobilfunkanbietern unsere Dienste für unterschiedliche Bereiche anbieten: wie beispielsweise für Programme, Geräte usw.

Dies alles kann sich schnell ändern. Der Einarbeitungskurs dauert 2 Monate und ist relativ kompliziert. Wenn wir einen Mitarbeiter suchen, prüfen wir sowohl seine kognitiven Fähigkeiten als auch seine Fähigkeit, unter Stress arbeiten zu können. Daher nehmen wir nur einen von insgesamt sechs Bewerbern an.

Was sind die Aufgaben und Verantwortlichkeiten der Mitarbeitenden?

Unser Management-Team arbeitet sehr hart, da wir fordern, dass das Verhältnis zwischen dem Management und den Mitarbeitenden einem Eltern-Kind-Verhältnis gleich kommt. Das Management ist nicht nur für die Ergebnisse und Ziele des Mitarbeiters verantwortlich, sondern auch für sein Wohlbefinden innerhalb des Betriebs.

Wir glauben, dass ein glücklicher Mitarbeiter ein guter Mitarbeiter ist und es ist die Aufgabe des Managements, darauf als Erstes zu achten. Über die allgemeinen Aufgaben des Managements hinaus erwarten wir auch die Ausführung einer Elternfunktion, was in einem Teil der Ausbildung, die sie von uns erhalten, verankert ist.

Wie werden die Mitarbeitenden ausgebildet, damit sie ihren Job so gut wie möglich erledigen können?

Der Einarbeitungskurs ist ziemlich lang. Er dauert 2 Monate, 7 Stunden täglich. Nach diesem Kurs befindet sich das Management jederzeit vor Ort und steht den Mitarbeitenden auch während der Arbeitszeit zur Seite. Bei uns sind mehr Manager als in anderen Call Centers eingestellt, damit den Mitarbeitern eine größere Beachtung geschenkt wird und das Management eine größere Präsenz besitzt.  

Darüber hinaus gibt es eine Organisationsberatungsfirma, die den Mitarbeitern und vor allem dem Management direkt dabei hilft, den Mitarbeitern behilflich zu sein und sich ihrer anzunehmen. Wir geben unseren Mitarbeitenden die Zeit, die sie brauchen. Wir sind bereits zufrieden, wenn wir nur eine kleine Besserung von Tag zu Tag oder von Woche zu Woche sehen.


Was sind die Reaktionen auf das Geschäftsmodell in Israel?

Die Reaktionen fallen sehr positiv aus. Wir haben so viele potenzielle Kunden, dass wir keine Vermarktungsfunktion benötigen. Die Vereine, mit denen wir arbeiten, sind mit uns sehr zufrieden, dies gilt auch für die Regierungsbüros und die relevanten Ministerien.

Alle bestätigen und ermutigen uns in unserem Tun. Sobald aber von den Beamten der Regierungsbüros die Rede ist, treffen wir auf keine Sympathie, wir gehen ihnen sogar auf die Nerven.  Denn 85% unserer Mitarbeiter waren arbeitslos, die Regierungsbürokratie hatte in der Arbeitsvermittlung dieser Personen keinen Erfolg. Wir sind dort erfolgreich, wo sie versagten.

Erhalten Sie Unterstützung von anderen Unternehmen, Organisationen oder der Regierung?

Wir erhalten viel Ermutigung, Vorschläge und Unterstützungsangebote. So hinterließ uns zum Beispiel eine Firma, die ein Call Center verließ, ihre gesamte Ausrüstung, die sie nicht mehr benötigte. Ein Kunde erlaubt unseren Mitarbeitenden, seinen Transport mit zu benutzen. Ein anderer Kunde schickt unsere Mitarbeiter auf seine Kosten zu Ausflügen und Theateraufführungen, usw. 

Wenn aber von der Regierung die Rede ist, sind uns die Minister und Geschäftsführer positiv gestimmt, die Beamten aber, wie bereits erwähnt, nicht. Da "Call Yachol" ein gewerbliches Unternehmen ist und in Israel keine ähnliche Organisation besteht, gibt es auch kein Regierungsbüro, das für unsere finanzielle Unterstützung zuständig ist. Solch ein Verfahren gibt es nicht.

Nur NGOs können finanzielle Unterstützung von der Regierung erhalten, nicht aber gewerbliche Unternehmen wie wir. Deswegen haben wir keine Finanzierung von der Regierung bekommen, obwohl wir der größte Arbeitgeber für Personen mit Behinderungen in Israel sind.

Was ist Ihre Vision für "Call Yachol"?

Das Ziel von "Call Yachol" ist, dass 10% aller Mitarbeitenden der Call Center in Europa, den USA und dem Rest der Welt, Mitarbeitende mit körperlichen Behinderungen sein werden. Wir möchten in Europa, Nordamerika und in den USA Filialen öffnen. Den Anfang machen wir in der Schweiz.

Unsere Vision ist die Beschäftigung tausender Personen mit körperlichen Behinderungen in ganz Israel, eine technologische Entwicklung, die Personen mit schweren körperlichen Behinderungen ermöglicht, zu Hause zu arbeiten, und die Förderung weiterer Bereiche, in denen die Beschäftigung von Personen mit Behinderungen vorteilhaft ist. 

In der Stiftung MyHandicap sehen wir einen Partner für unsere Ziele und wünschen uns, mit ihr zusammen unsere Verbreitung in Europa zu verwirklichen.

Dr. Winch, herzlichen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.

 

Text: PG – 12/2009

Bilder: zvg

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