Vollzeitjob trotz Schlafkrankheit. Ein Interview für Arbeitsuchende und Arbeitgeber

Das Foto zeigt Cord Behmann von Cobe Consulting und seine neue Mitarbeiterin.
Cord Behmann von Cobe Consulting und seine neue Mitarbeiterin. Foto: Cobe Consulting

Eine positive Ausstrahlung haben sie beide. Voller nordischem Elan und ansteckender Begeisterung für das Neue, für das Miteinander und für das unbeirrbare Anpacken. Sie sind Menschen, die andere in ihrer Offenheit schnell für sich gewinnen können. Das spürt man noch ehe eine Frage an sie formuliert ist.

Gleichzeitig kommen sie aus sehr unterschiedlichen Lebensrichtungen, haben etwa keinen vergleichbaren Tag- und Nachtrhythmus und besitzen auch eine unterschiedliche Wahrnehmung auf Herausforderungen im Alltag. Und dennoch: Ihre Wege haben sich im Job erfolgreich gekreuzt, wie sie sagen, sehr sogar. Das Geheimnis ihres gut funktionierenden Arbeitsverhältnisses liegt offenbar im gegenseitigen Vertrauen. Das hört sich einfacher an als es war - zumindest für einen von beiden, wie unser Doppel-Interview zeigt.

Er, Cord Behmann ist Familienvater, selbstständiger Gastronom, Unternehmensberater und Geschäftsführer der inklusiven Cobe Consulting GmbH in Celle. Cord Behmanns Kunden als Coach sind zahlreiche Coffee-Shops, Tank- und Backshops, wie auch andere, sehr unterschiedliche, kleine bis mittelständische Wirtschaftsbetriebe. Altenheime zum Beispiel gehören auch dazu. Für ihn ist „jeder Tag neu“. Womöglich, weil er in verschiedenen Berufszweigen tätig sei, erzählt der Unternehmer. Kreativ zu bleiben ist sein Wunsch, keiner Monotonie zu verfallen sein Ziel. Er sei sehr glücklich in seinem Job. „Und wenn man will, kann man das als Arbeitgeber auch für seine Mitarbeiter schaffen, auch für seine Mitarbeiter mit Behinderung“, davon ist Behmann überzeugt.

Dominique K. ist eine 27 Jahre junge Handelsfachwirtin, arbeitet seit April dieses Jahres in seinem Unternehmen als Assistentin der Geschäftsführung, in Vollzeit mit viel Verantwortung für diverse Geschäftsbereiche. Und sie ist Narkoleptikerin. Seit ihrer Jugend leidet sie an der sogenannten Schlafkrankheit, jahrelang unentdeckt, stets mit dem Wissen, dass mit ihrem Körper etwas nicht stimmen würde. Es dauerte 10 Jahre, bis sie die Gewissheit bekam und eine Diagnose über die neurologische Erkrankung erhielt.

Herr Behmann, seit wann besteht Ihr Unternehmen?

Seit nunmehr 15 Jahren. 2001 haben wir unsere Gründung gefeiert. Mittlerweile beschäftigen wir 18 Mitarbeiter in unserer Consulting GmbH, davon sind vier Mitarbeiter an Bord, die eine Behinderung haben. Und, was soll ich sagen? Es läuft prima, ich bin sehr froh darüber. Es ist ein gutes Team.

Welche Erfahrungen haben Sie konkret in Ihrem Betrieb gemacht, seit  Menschen mit Behinderung bei Ihnen beschäftigt sind?

Nun, es ist ein anderes Zugehen auf Menschen mit Behinderung. Bestimmtes ist möglich, etwas anderes nicht. Ein Beispiel: Wie in jedem gewöhnlichen Bewerbungsgespräch, ist es wichtig eine Stärken-Schwächen-Analyse des potentiellen neuen Mitarbeiters aufzustellen. Bei einem Jobsucher mit Behinderung noch viel mehr. Oft eignen sich die Bewerber für Stellen, auf die sie sich nicht beworben hätten, aus mangelndem Selbstvertrauen etwa, oder weil sie ihre Fähigkeiten und Stärken wenig bis gar nicht kennen. Das zu entdecken ist in meinen Augen ein To-Do vom Betrieb. So verschaffen wir uns als Arbeitgeber bei Bewerbern auch stets einen Praxis-Eindruck. Bei uns durchläuft jeder unterschiedliche Bereiche, etwa im Büro, im Service, im Warenlager, in der Küche und so weiter. Das ist alltagsnah und liefert gute Erkenntnisse darüber, wo die Stärken jedes Einzelnen liegen und wo ihre Begeisterungen. Nur wer den passgenauen Job hat, ist motiviert, wird erfolgreich sein und kann seine Bestleistung zeigen. Wir stellen nach dem Fähigkeitsprinzip ein und das funktioniert auf unterschiedlichsten Ebenen sehr gut.

Frau K., wie haben Sie von der Stelle als Assistentin der Geschäftsführung erfahren und das Bewerbungsverfahren bei Cobe erlebt?

Ich bin über die Stellenbörse auf myhandicap.de dazu gekommen. Herr Behmann hatte auf dieser Internetplattform eine Stellenanzeige geschaltet. Erst war ich überrascht, dass es so eine Website überhaupt gibt. Und ich finde sie super. Als besonderer Mensch ist es auf dem normalen Arbeitsmarkt schwierig einen Job zu bekommen. In der Stellenbörse von MyHandicap wusste ich, dass der suchende Arbeitgeber wirklich offen für Menschen mit Behinderung ist. Viele andere Arbeitgeber sind voreingenommen. Manche denken, man würde Menschen mit Behinderung „schlecht wieder los“ oder könne sie „nicht richtig“ einsetzen. Das ist hart. In meiner Bewerbung an Cobe Consulting hatte ich alles erwähnt, auch meinen GdB 50 im Behindertenausweis. Erst hatte ich mir den Job nicht richtig zugetraut. Meine Familie musste mir zureden. Später im Vorstellungsgespräch hat Herr Behmann mit mir meine Stärken herausgearbeitet und mir großes Vertrauen entgegengebracht. Das hat mir Mut gegeben. Ja, es war ein Volltreffer. Hier weiß ich, was ich kann und brauche keine Scham zu haben, wenn ich etwas nachfragen möchte. Ich werde als Mitarbeiterin respektiert. Meine Narkolepsie ist gar kein Thema im Job.

Haben Sie das in Ihrem vorherigen Job nicht erlebt?

Nein, ganz und gar nicht. Dort wurde ich durch meine Erkrankung eingeschränkt im Job, von außen. Ich war immer schlecht gelaunt, war nicht motiviert, weil ich nicht zeigen durfte, was ich kann. Heute bin ich voll motiviert, kann mich ganz einbringen. Das wirkt sich sogar positiv auf meine Krankheit aus. Mir geht es seit ich hier als Assistentin arbeite gesundheitlich besser. Ich habe auch wieder mehr Elan, meinen Hobbys nachzugehen. Ich zeichne gerne digital am PC und entwickle gerne neue Ideen für Browsergames. Und mein Hund Samy, der ist natürlich auch mein großes Hobby.

Für welche Bereiche sind Sie jetzt zuständig?

Ich bin in der Personalbetreuung, im Kundenservice mit Geschäftspartnern und im Einkauf. Und zur Not schaue ich auf meinen täglichen Aufgabenzettel, der ist ein guter Leitfaden.

Herr Behmann, welche Hauptaussagen würden Sie allgemein über die Zusammenarbeit mit Menschen treffen wollen, die eine Behinderung haben?

Vor allem, dass es immer ein gutes Arbeitsverhältnis ist. Am Anfang muss man vielleicht mehr kommunizieren und sich bewusst darauf einlassen, auch mal kurzfristig zu reagieren. Man muss sich als offener Ansprechpartner immer wieder neu zeigen. Vertrauen aufzubauen ist unabdingbar. Aber das motiviert einen auch als Chef. Es begeistert mich, wenn ich sehe, wie gut, wie schnell und mit welcher Leidenschaft ein neuer Mitarbeiter mit Behinderung in seinen Job hineinwächst. Und: Man bekommt so vieles vielfach zurück. Ich kann bestätigen, dass Mitarbeiter mit Behinderung zu 100% hinter ihrem Betrieb stehen, die Loyalität ist enorm. Ich habe weniger Ausfallzeiten durch Erkrankungen beobachtet als bei Menschen ohne Behinderung. Auch weniger Fluktuationen. Die Dankbarkeit gegenüber dem Arbeitgeber ist stets sehr groß. Menschen mit Behinderungen sind treue und besonders motivierte Mitarbeiter. Die wenigsten wollen die Welt kennenlernen oder alle ein bis zwei Jahre neue Arbeitgeber ausprobieren. Im Gegenteil. Wer mit Menschen arbeitet, die eine Behinderung haben, erhöht und sichert langfristig auch seine Betriebsqualität. Der Erfolg liegt im ständigen Wachsen der Aufgaben. Man muss ihnen ihre Aufgaben zutrauen, sie ermutigen. Manche von ihnen wachsen dabei stark über sich hinaus. Ich kann nur an alle Unternehmer appellieren: Öffnet euch, lernt Menschen mit Behinderung ohne Vorurteile kennen. Beide, Arbeitgeber wie Jobsucher können dabei nur gewinnen.

Frau K., was würden Sie einem Menschen mit Behinderung raten, der einen Job möchte, sich aber nicht traut, sich zu bewerben?

Grundsätzlich sollte jeder für sich entscheiden, wie man mit seiner Krankheit umgeht.  Allerdings, wenn man es nicht allein schafft, sich zu motivieren und sich auf eine Arbeitsstelle zu bewerben, sollte man sich von außen sagen lassen: „Ich schaffe das!“, „Du schaffst das!“. Früher war ich auch ein anderer Mensch, viel verschlossener, habe mir nichts zugetraut und war sehr verunsichert. Dann hab ich beschlossen, für acht Wochen in eine Tagesklinik in Hannover zu gehen. Die Gruppendynamik hat mir dort viel mehr Selbstvertrauen gegeben. Das war mein Weg. Wobei ich glaube, dass es für jeden Menschen mit Behinderung wichtig ist zu lernen, von anderen Hilfe anzunehmen. Das ist gut so, das bringt jeden nach vorne! Das wäre mein Rat. Und es ist hilfreich, ehrlich mit sich und dem neuen Arbeitgeber zu sein, alles über die Krankheit und seine Berufsziele offen darzulegen. So wissen beide Seiten von Anfang an, was man leisten kann und wozu man bereit ist. Um so normaler wird der eigene Umgang mit sich und der Krankheit. Man wird selbstsicherer.

Und was würden Sie einem Jobsucher mit Behinderung raten, Herr Behmann?

Ja, ich denke auch, dass Offenheit wichtig ist. Ein offener Umgang mit der Behinderung und seinem Gegenüber kann immer neue Türen öffnen. Manchmal werden Bewerbungen in einem Unternehmen deswegen abteilungsübergreifend weitergereicht. Und wer gleich in seinem Anschreiben an den möglichen Arbeitgeber die Förderungsmöglichkeiten und -mittel für ein Unternehmen erwähnt, die der Betrieb bei Einstellung eines Mitarbeiters mit Behinderung erhalten kann, erhöht die Wahrscheinlichkeit, zu einem Gespräch eingeladen zu werden. Nicht jeder Arbeitgeber weiß darum. Vorteilhaft ist es auch, wenn Bewerber eine Probebeschäftigung anbieten. Nicht vergessen werden sollte natürlich auch, alle fachlichen Qualifizierungen zu dokumentieren. Jeder Kurs, jede Zusatzausbildung, jedes Engagement zählt, genauso wie ein Persönlichkeitsprofil über die eigene Person, das man der Mappe noch beilegen kann (z.B. erstellbar über myhandicap.de/Jobbörse/Arbeitsuchende, Anm. d.Red.). Ich rate auch allen Jobsuchern bei Arbeitslosigkeit jede Weiterbildungsmöglichkeit, die man machen kann, wahrzunehmen oder eine ehrenamtliche Tätigkeit aufzunehmen. Jeder „tätige“ Schritt wird von Arbeitgebern anerkannt und kann zum passenden Job verhelfen.

Abschließend noch eine Frage: Was wünschen Sie sich persönlich für den inklusiven Arbeitsmarkt von morgen?

Ganz klar: mehr Transparenz zwischen den Behörden, zwischen Jobbörsen, Bildungsträgern, Arbeitsagenturen, Politik und Integrationsämtern. Die Kommunikationswege und die Organisationswege müssen kürzer, klarer und praktikabler werden. Als Arbeitgeber möchte ich schneller und umfangreicher darüber informiert werden, welche Hilfestellungen es z.B. gibt, um einen Mitarbeiter mit Behinderung zeitnah anstellen zu können. Oder welche Rechtsvorschriften ich einhalten muss. Sicher, die Website von myhandicap.de bietet da viel. Aber ich wünsche mir noch mehr Vernetzungen zwischen den Anlaufstellen für Jobsucher bzw. Menschen mit Behinderungen und den Unternehmen.

Und Sie Frau K.? Was wünschen Sie sich für Ihre berufliche Zukunft?

Dass ich mich hier bei der Cobe Consulting gut etabliere, dass ich in einem wachsenden Unternehmen etwas mitgestalten kann. Ich lebe meinen Job. Ich bin sehr froh über die Chance, hier trotz meiner Narkolepsie arbeiten zu können. Ich wünsche mir, dass es so bleibt.

Vielen Dank für das offene Gespräch und alles Gute an Sie beide! 

 

Inka Hohaus, 07 / 2016