Brandschutz für Menschen mit Behinderung

Das Foto zeigt einen Flur mit Säulen und 2 Rettungsweg-Tafeln.
Rettungswege können für Menschen mit Behinderung geplant werden. Foto: pixabay.com

2030 wird jeder dritte Bundesbürger älter als 65 Jahre alt sein. Barrierefreies Bauen gewinnt deshalb zunehmend an Bedeutung. Das betrifft auch den Brandschutz.

Einzuhaltende gesetzliche Regelungen, Arbeitsstättenrichtlinien, eingeführter technische Baubestimmungen, Verordnungen und Richtlinien / Handlungsempfehlungen und Normen sollen die Sicherheit erhöhen. Es gibt sich weiterentwickelnde Standards, die vor allem für Menschen mit Behinderung wichtig sind.

Rauchmelder für hörbehinderte Menschen: Licht und Vibration warnen

Rauchmelder können im Brandfall Leben retten. Deshalb sind sie in Neu- und Umbauten heute beinahe bundesweit vorgeschrieben. In nahezu allen Bundesländern müssen nach einer Übergangsfrist auch Bestandswohnungen mit einem Rauchmelder ausgestattet werden. Für Menschen mit einer Hörbehinderung sind die akustischen Signale der Rauchmelder allerdings schwer wahrnehmbar. Allerdings gibt es heute bereits Systeme, die akustische und optische Warnhinweise verbinden. Der Deafgard Brandschutzalarm  gibt das Signal des Rauchmelders mithilfe eines starken Lichtsignals sowie eines Vibrationssignals an den Benutzer weiter. Bestandteil des Systems ist ein sogenanntes Vibrationskissen – ein kleines Gerät, das sich der Bewohner nachts unter das Kopfkissen legen kann, um im Brandfall rechtzeitig informiert zu werden.

Akustische und taktile Signale helfen sehbehinderten Menschen

Sehbehinderte Menschen sind im Brandfall ganz besonders auf ein Rettungssystem angewiesen, das auf akustische und taktile Signale zurückgreift. Hierbei müssen die akustischen Signale so eingestellt sein, dass sie dem erhöhten Lärmpegel in einer Ausnahmesituation angemessen sind. Zusätzlich sollte der Rettungsweg durch Tafeln in Blindenschrift gekennzeichnet sein. Generell gilt bei Brandschutzvorrichtungen das Zwei-Sinne-Prinzip: Die Bewohner müssen die Warnhinweise zeitgleich mit zwei Sinnen wahrnehmen können – etwa hören, sehen oder fühlen.    

Zwei unabhängige Rettungswege sind Pflicht

Bauliche Anlagen müssen so beschaffen sein, dass der Entstehung eines Brandes und der Ausbreitung von Feuer und Rauch vorgebeugt wird, bei einem Brand die Rettung von Menschen und Tieren möglich ist sowie wirksame Löscharbeiten durchgeführt werden können.

Maßgeblich sind die Länderbauordnungen der einzelnen Bundesländer und ggf. die Sonderbauvorschriften. Diese schreiben vor, dass spezielle Gebäudetypen und Einrichtungen über zwei voneinander unabhängige Rettungswege verfügen müssen. Das stellt Architekten und Fachplaner für den vorbeugenden Brandschutz vor allem bei Bestandsgebäuden häufig vor bauliche Herausforderungen. Um den Weg ins Freie zu erleichtern, wird oft an der Außenseite des Hauses eine Treppe installiert. Dieser Rettungsweg ist allerdings für Menschen mit einer Gehbehinderung unsicher und teilweise nicht nutzbar. Deshalb ist es wichtig, in Gebäuden brandgesicherte Zwischenbereiche einzurichten, wo sich bewegungseingeschränkte Personen aufhalten, betreut und gerettet werden können.

Zudem müssen Brandschutztüren so beschaffen sein, dass sie ohne fremde Hilfe und ohne großen Kraftaufwand geöffnet werden können, damit Rollstuhlfahrer und motorisch eingeschränkte Personen sich im Brandfall selbst in Sicherheit bringen können. Hierbei müssen die Experten den Spagat zwischen Brandschutz und Barrierefreiheit überwinden, was durch moderne Technik heute jedoch möglich ist.

"Aufzug im Brandfall nicht benutzen"

Aufzüge dienen nicht als Rettungsweg. Das macht schon der Warnhinweis deutlich, der in den meisten Aufzügen angebracht ist. Dort heißt es: Aufzug im Brandfall nicht benutzen. Allerdings gibt es heute bereits Aufzüge, die im Brandfall länger benutzt werden können und sich daher durchaus auch als Rettungsweg eignen. Menschen mit Handicap sollten im Brandfall jedoch besonders vorsichtig sein und den Aufzug nur benutzen, wenn das ausdrücklich gestattet ist. 

Verhalten im Brandfall trainieren

Neben den baulichen Aspekten des Brandschutzes und moderner Sicherheitstechnik ist das Verhalten im Brandfall entscheidend. Was nützen die besten baulichen Brandschutzmaßnahmen, was all die Einrichtungen zur Brandmeldung und Brandbekämpfung, wenn nichts über deren Funktion und Aufgaben bekannt ist bzw. wenn man nicht damit umgehen kann. Gerade Menschen mit Behinderung haben bei Bränden häufig große Angst oder werden von ihren Kollegen u. U. nicht genügend beachtet. Die Situation löst Unsicherheit und ein Gefühl der Überforderung aller Beteiligten aus. Das führt zu irrationalem Handeln oder zu Widerstand bei der Rettung. Um die Sicherheit im Brandfall zu erhöhen, raten Feuerwehrleute, Mediziner und die Ämter für Arbeitsschutz mit den behinderten Menschen über die Brandgefahren, Risiken und das richtige Verhalten im Brandfall zu sprechen und anhand der für den Ernstfall erstellten notwendigen und rechtlich vorgeschriebenen Unterlagen wie Brandschutz- und Alarmordnungen und ggf. Evakuierungskonzepte sowie Flucht- und Rettungsplänen soweit möglich einzuüben.   

Expertenrat im MyHandicap-Forum

Was beim Brandschutz zu beachten ist, wie der Schutz insbesondere für Menschen mit Behinderung erhöht werden kann und welche Fördermöglichkeiten bestehen, darüber informiert auch enegtech Brühl, ein Ingenieurbüro, für Immobilien- und Technologieberatung. Geschäftsführerin Simone Brühl steht als Fachexpertin im Forum von MyHandicap gerne zur Verfügung.

Text: Philipp Jauch