Sophie-Scholl-Inklusiv setzt Maßstäbe für Schulen

Schulgebäude mit Spielplatz rechts.
Die Sophie-Scholl-Schule in Gießen ist ein Musterbeispiel für die inklusion von Kindern mit Behinderung. (Foto: sophie-scholl-inklusiv)

Behinderte Kinder haben ein Recht darauf, gemeinsam mit nichtbehinderten Kindern unterrichtet zu werden. So sieht es die UN-Behindertenrechts-konvention aus dem Jahr 2006 vor. Allerdings sind die Bestimmungen zur Umsetzung des Abkommens in Deutschland wachsweich, die Angebote rar. Dass das gemeinsame Lernen funktionieren kann, zeigt Sophie-Scholl-Inklusiv. Ein Musterbeispiel.

Die Sophie-Scholl-Schule im hessischen Gießen ist ein besonderer Ort. Hier wird gelebt, was laut Gesetz selbstverständlich sein sollte, was in offiziellen Stellungnahmen allenthalben als Ausweis einer humanen Gesellschaft proklamiert wird und doch die Ausnahme bleibt: die Inklusion von behinderten Kindern.

Inklusive Schule fördert die Gemeinschaft

Die Unterschiede zu einer Regelschule sind zahlreich: kein Frontalunterricht, keine starren Stundenpläne, kein Druck durch Klassenarbeiten und Tests. Was zählt, ist die Individualität des Einzelnen und die Stärke der Gemeinschaft. Fördern statt fordern, Grenzen durchbrechen statt Verschiedenheit zu betonen. „Mit diesem Grundsatz haben wir hervorragende Erfahrungen gemacht“, sagt Stefanie Wiesenberg, die sich als Beraterin für Sophie-Scholl-Inklusiv engagiert. „Es hat sich gezeigt, dass die Kinder durch das gemeinsame Lernen eine ungeheure Neugierde entwickeln, sich gegenseitig unterstützen und Toleranz leben.“

Den unbekümmerten, selbstverständlichen Umgang mit der Andersartigkeit spürt man an der Sophie-Scholl-Schule. Damit er möglich wird, haben die Initiatoren der privaten Einrichtung ein eigenes Konzept entwickelt, das Lern-, Spiel- und Bewegungsformen optimal auf die Bedürfnisse der Kinder abstimmt. Anstelle des üblichen Klassenverbandes gilt hier Jahrgangsübergreifendes Lernen, statt nüchternen Stuhlreihen gibt es verschiedene Lernecken im Raum verteilt. „Die Kinder“, erklärt Wiesenberg, „sollen sich ihre Materialien selbst holen, damit sie sich bewegen. Und sie sollen gemeinsam arbeiten. Deshalb sind in jeder Klasse behinderte und nichtbehinderte Kinder gemischt.

Kinder spielen.
Die Gemeinschaft zwischen behinderten und nichtbehinderten Kindern wird in der Sophie-Scholl-Schule groß geschrieben. (Foto: sophie-scholl-inklusiv)

Behinderte Kinder erhalten intensive Betreuung

Durchschnittlich fünf der 22 Kinder einer Gruppe brauchen eine besondere Förderung. Dazu stehen vier bis fünf Personen – darunter Lehrer, Erzieher, Freiwilligendienstler und Schulbegleiter – zur Verfügung. Die Handicaps, mit denen sie konfrontiert werden, sind sehr unterschiedlich: Gehbehinderungen, Sehbehinderungen, geistige Behinderungen, Autisten – an der Sophie-Scholl-Schule ist ein breites Spektrum von Beeinträchtigungen zu beobachten.

Und Kinder mit Handicap sind ausdrücklich willkommen. „Grenzen gibt es bei uns keine“, betont Wiesenberg. „Wenn ein behindertes Kind zu uns kommen möchte und wir noch nicht optimal auf seine Bedürfnisse eingestellt sind, schaffen wir die Voraussetzungen.“

In dem Klassenzimmer für hörbehinderte Kinder kann man sehen, was das bedeutet. Hier wurden Decke und Wände mit speziellen Dämmmaterialen ausgestattet und ein Teppichboden verlegt, um die Akustik zu optimieren. Gerade für Kinder mit einer Hörbehinderung sei eine ruhige Umgebung wichtig, um Geräusche klarer wahrnehmen zu können, erklärt die Expertin. Dabei können die Baumaßnahmen in inklusiven Schulen auch umfangreicher ausfallen. „Wenn man wirklich alle Kinder unterreichten möchte, sollte man zum Beispiel darauf achten, einen Aufzug einzubauen, in dem ein Bett Platz hat. Anstelle des einfachen Wickeltisches bedarf es eines Platzes mit elektrischer Hebemöglichkeit.“

Kinder spielen gemeinsam.
Neben dem Lernen bleibt den Kindern an der inklusiven Sophie-Scholl-Schule auch ausreichend Zeit, gemeinsam zu spielen. (Foto: sophie-scholl-inklusiv)

Schulgebühren trotz hoher Kosten tragbar

Das alles kostet viel Geld. Dennoch will die Sophie-Scholl-Schule keine Einrichtung für die Kinder aus gutem Hause sein. Inklusion ist hier keine Frage des Geldbeutels. Wer die private und staatlich anerkannte Sophie-Scholl-Schule besucht – das sind knapp 500 Schüler bis zur 10. Klasse – bezahlt monatlich 290 Euro Schulgeld und noch einmal 50 Euro für das gemeinsame Mittagessen.

Dafür erhalten behinderte und nichtbehinderte Kinder eine Ganztagsbetreuung, die auch verschiedene sportliche, musikalische und künstlerische Angebote einschließt. Um auch Kindern aus sozial schwachen Familien den Unterricht an der Sophie-Scholl-Schule zu ermöglichen, wurde in diesem Jahr ein Stipendienprogramm aufgelegt. Gefördert werden Kinder aus Migrantenfamilien, die zugleich Sozialleistungen nach Hartz IV beziehen.

"Inklusive Schule Voraussetzung für zukunftsfähige Gesellschaft."

Für Stefanie Wiesenberg ist die inklusive Schule eine Grundvoraussetzung für eine zukunftsfähige Gesellschaft. Nur wenn man die Gemeinschaft von behinderten und nichtbehinderten Kindern als selbstverständlich ansehe, könne man erreichen, dass Menschen mit Handicap vollständig integriert werden.

Bis dahin ist es indes noch ein langer Weg. Denn trotz der UN-Behindertenrtechtskonvention bleibt der gemeinsame Unterricht ein Kraftakt. Bis heute gilt, dass Schulen, die räumlich, personell und materiell nicht in der Lage sind, ein inklusives Angebot auf die Beine zu stellen, auch keine behinderten Kinder aufnehmen müssen. Die nötigen Gelder für Umbaumaßnahmen fehlen. Dass es dennoch geht, zeigt Sophie-Scholl-Inklusiv. Deshalb beraten die Initiatoren der „Musterschule“ nun Träger, die dem Beispiel folgen wollen.

 

Text: Philipp Jauch – 05/2012

Fotos: sophie-scholl-inklusiv   
 

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