Behinderte Kinder haben Recht auf Regelschule

Kleines Kind schreibt. (Foto:Mike Frajese/pixelio.de)
Die Stärken von Kindern im Blick behalten und fördern: egal ob mit oder ohne Behinderung. (Mike Frajese/pixelio.de)

Seit der Einführung der UN-Behindertenrechts-konvention 2006 haben Kinder mit Behinderung das Recht auf eine inklusive Schulbildung. Doch die Realität in Deutschland sieht anders aus: Gemeinsames Lernen ist noch immer die Ausnahme.

Kinder, die eine schwere körperliche Erkrankung oder geistige Behinderung haben, werden auch heute noch überwiegend in Förderschulen unterrichtet, die auf die besondere Situation von Schülern mit Handicap ausgerichtet sind. Hier lernen sie in kleinen Gruppen und erhalten eine individuelle Förderung bis hin zur notwendigen pflegerischen Versorgung.

So fürsorglich die Förderschule auch sein mag, so wenig trägt sie zur Inklusion von behinderten Kindern in die Gesellschaft bei. Statt Schüler mit Handicap gemeinsam in einer Klasse mit nicht-behinderten Altersgenossen zu unterrichten, bleiben behinderte Kinder unter sich – unterstützt und doch ausgegrenzt. Das soll sich mit der neuen UN-Behindertenrechtskonvention ändern. Jetzt haben behinderte Kinder einen Anspruch darauf, eine Regelschule zu besuchen.

Behinderte und nicht-behinderte Kinder sollen gemeinsam lernen

Ziel ist es, Kinder mit Behinderung an Grundschulen und weiterführenden Schulen zu unterrichten und sie in den Klassenverband mit nicht-behinderten Schülern zu integrieren. Diese Regelung ist seit dem Jahr 2009 in ganz Deutschland verbindlich. In der Praxis sieht es indes anders aus: „Nur 18 Prozent der behinderten Kinder besuchen eine Regelschule“, sagt Achim Backendorf, Abteilungsleiter für Sozialpolitik beim Sozialverband VdK.

Statt die Inklusion voranzutreiben, dominiere weiterhin der „exklusive Ansatz Förderschule“. Durch die UN-Konvention sei die Position von Eltern, die ihre Kinder gerne an einer Regelschule anmelden wollten, zwar gestärkt worden, häufig werde es ihnen in den Schulen vor Ort jedoch nicht leicht gemacht, den gemeinsamen Unterricht mit nicht-behinderten Kindern tatsächlich in Anspruch zu nehmen.

Verbindliche Regelungen für inklusive Schule fehlen

Ein zentrales Problem ist die Umsetzung der UN-Konvention, für die einheitliche Regelungen ebenso fehlen wie ein konkreter Zeitplan. Da jedes Bundesland über ein eigenes Schulgesetz verfügt, ist die Rechtslage unübersichtlich. Auch Gerichtsurteile, die besagen, wie die Inklusion von behinderten Kindern in der Regelschule ausgestaltet werden muss, gibt es nicht. Klar ist bislang nur, dass Schüler mit Handicap nicht mehr ausschließlich in Förderschulen unterrichtet werden sollen. Wie das gemeinsame Lernen Alltag werden kann, dafür sind die Konzepte allerdings rar.

Oft sind es schlicht die örtlichen Gegebenheiten, die ein gemeinsames Lernen erschweren: Die Klassenräume sind zu klein, die Gebäude nicht barrierefrei, die Lehrer für den Umgang mit behinderten Schülern nicht ausgebildet. „Hier sind Bund und Länder gefordert, die Voraussetzungen zu schaffen, dass Inklusion in den Schulen praktisch möglich wird“, betont Backendorf. Der Prozess, die Regelschule für behinderte Kinder zu öffnen, sei durch die UN-Konvention und die Ratifizierung in Bundesrecht auf alle Fälle in Gang gekommen.

Tafel mit Kopf und dem Schriftzug soziale Kompetenz. (Foto: Gerd Altmann/pixelio.de)
Wenn behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam lernen, fördert das auch die soziale Kompetenz. (Gerd Altmann/pixelio.de)

Behinderte und nicht-behinderte Kinder profitieren

Der gemeinsame Unterricht behinderter und nicht-behinderter Kinder wird indes nicht nur positiv bewertet. Häufig ist das Thema auch mit Unsicherheit und Angst verbunden. Eltern, deren Kinder keine Behinderung haben, fürchten nicht selten ein Absinken des Leistungsniveaus durch die inklusive Schule während Eltern behinderter Kinder Angst vor Überforderung haben. Dabei zeigen mehrere wissenschaftliche Untersuchungen, dass diese Bedenken unbegründet sind.

Vielmehr gilt:

  • Behinderte Kinder lernen in integrativen Schulen mehr als in Sonderschulen.
  • Durch den gemeinsamen Unterricht werden Leistung und Sozialverhalten von behinderten und nicht-behinderten Kindern gestärkt.
  • Schüler mit Behinderung sind zufriedener, wenn sie gemeinsam mit nicht-behinderten Altersgenossen unterrichtet werden.
  • Die soziale Integration von behinderten Kindern erfolgt ohne größere Probleme.
  • Lehrer engagieren sich auch ohne spezifische Qualifikation erfolgreich für die Einbeziehung von Schülern mit Behinderung.
  • Die Akzeptanz der inklusiven Schule steigt bei Eltern, je stärker sie sich mit dem gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Kindern beschäftigen.

Ob ein körperlich oder geistig behindertes Kind eine Regelschule besuchen kann oder besser in einer Förderschule mit kleinen Klassen und intensiverer Betreuung unterrichtet werden sollte, bleibt eine Einzelfallentscheidung. Das Recht zum gemeinsamen Lernen von behinderten und nicht-behinderten Kindern gilt für alle. 


Text: Philipp Jauch - 05/2012

Bilder: pixelio.de

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