Schulische Integration im Aufbruch?

Schultafel zur Einschulung (berwis/pixelio.de)
Schön, wenn in diesen Jubel Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam einstimmen könn(t)en (berwis/pixelio.de)

Sehen Sie sich diesen Spot an und dann entscheiden Sie: Schule für alle – ja oder nein?!

Schulen für alle gibt es - auch in Deutschland. In einem Land, in dem noch immer mehr als 80 Prozent aller behinderten Kinder in Sonderschulen unterrichtet werden. Europaweit gilt Deutschland damit als eines der Schlusslichter bei der Integration behinderter Kinder ins Regelschulwesen.

Die Vereinten Nationen veranschlagen, dass in einem inklusiven Bildungssystem 90 Prozent aller Kinder mit Behinderung eine allgemeine Schule besuchen. Die skandinavischen Länder, England und Italien haben diese Quote längst erreicht.

Warum hinkt Deutschland soweit nach?

Camilla Dawletschin-Linder, die Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Gemeinsam leben – gemeinsam lernen, weiß darauf auch keine wirkliche Antwort.

„Man muss nichts neu erfinden. In Deutschland gibt es seit über 25 Jahren Schulen, in denen Integration gelebt wird,“ sagt Camilla Dawletschin-Linder. Umso größer ist das Unverständnis, warum die Fortschritte der Umsetzung einer Integration von Kindern mit Behinderung in die allgemeine Schule so zäh sind.

„Die deutschen Sonderschulen haben ein sehr starkes Bestandsinteresse“, sagt Dawletschin-Linder. Der Verband der Sonderschullehrer sei davon überzeugt, dass es den Kindern in der Sonderschule besser ginge, meint die Vorsitzende der Bundesgemeinschaft Gemeinsam leben - gemeinsam lernen.

Eltern für Integration behinderter Kinder

Viele Eltern sind davon ganz und gar nicht überzeugt. Sie möchten, dass ihre behinderten Kinder eine allgemeine Schule besuchen.

Unglaublich, aber wahr: In Deutschland bleibt dieser Wunsch oft unerfüllt und Kinder mit Behinderung werden gegen den Willen der Eltern in einer Förderschule untergebracht. „Dieses Problem hat sich durch die UN-Konvention keinesfalls erledigt“, wissen die Vorsitzenden des Elternvereins „mittendrin“.

Der Elternverein „mittendrin e.V.“ setzt sich seit 2006 dafür ein, dass alle Kinder, ob mit oder ohne Behinderung, gemeinsam zur Schule gehen können. „Wer als Erwachsener integriert leben will, sollte das als Kind schon lernen dürfen“, ist das Credo des Elternvereins.

Wie steinig der Weg eines behinderten Kindes in die Regelschule ist, hängt auch davon ab, wo in Deutschland es wohnt. In Bremen etwa besucht fast die Hälfte aller Kinder mit Behinderung eine Regelschule, in Bayern liegt die Integrationsquote bei 12,5 Prozent, in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt bei etwa fünf Prozent.

Mehrere Schulranzen nebeneinander (rebel/pixelio.de)
Auch behinderte Kinder wollen ihren Schulranzen hier einreihen. Aktuell müssen ihre Eltern noch oft auf das Recht für Regelschule kämpfen (rebel/pixelio.de)

Recht auf Integration

Der Völkerrechtsexperte Professor Eibe Riedel ist davon überzeugt, dass der Ausschluss von der gemeinsamen Schule eine Verletzung der Menschenrechte der Kinder ist.

Laut zentraler Erkenntnis eines Gutachtens des Völkerrechtsexperten auf Grundlage der UN-Behindertenrechtskonvention besteht ein Rechtsanspruch darauf, dass ein Kind grundsätzlich eine Regelschule besuchen kann, wenn die Eltern dies wollen. Diesen Anspruch gibt es, laut Riedel, seit dem Tag, an dem die Konvention in Deutschland in Kraft getreten ist.

Karin Evers-Meyer, die ehemalige Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, hat im Juli 2009 einen 225 Seiten dicken „Wegweiser für Eltern zum Gemeinsamen Unterricht“ herausgebracht. Ein Wegweiser, der sich trotz seines jungen Erscheinungsdatums bereits für zwei Bundesländer überholt hat.

In den neuen Schulgesetzten von Hamburg und Bremen ist das Recht auf Integration in Regelschulen bereits verankert. Laut Camilla Dawletschin-Linder hat in diesen beiden Bundesländern ab dem kommenden Schuljahr jedes Kind das Recht, sich an einer Regelschule anzumelden.

„Jedes Kind hat das Recht auf einen Regelschulbesuch. Das ist nicht die Wahlfreiheit der Eltern“, sagt Dawletschin-Linder.

Kämpfen lohnt sich

Aktuell liegt die Entscheidung, um einen Regelschulplatz zu „kämpfen“ oder nicht, jedoch nach wie vor bei den Eltern. Der Elternverein „mittendrin“ hat für Eltern behinderter Kinder zwei Beratungsstellen in Köln und Frankfurt eingerichtet, die Anlaufstellen für Eltern aus dem gesamten Bundesgebiet sind.

Dawletschin-Linder rät Eltern, die ihr behindertes Kind in einer Regelschule einschulen möchten, sich zusammenzuschließen und zu versuchen, eine Integration in der nächstgelegenen Schule durchzufechten.

Trotz sehr kleiner Fortschritte in den vergangenen Jahren sieht die Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Gemeinsam leben – gemeinsam lernen der bundesweiten Integration von Kindern mit Behinderung in die Regelschule positiv entgegen. Camilla Dawletschin-Linder ist überzeugt: „Wir werden es erleben!“ 


Text: Michaela Hawlik - 08/2010

Fotos: Pixelio

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