Schule – ja klar, aber welche??

Schultafel mit Zeichnungen und dem Schriftzug „1. Klasse“. (Bild: Berwis/pixelio.de)
Bald kommt der erste Schultag, auch für Kinder mit Behinderung. (Bild: Berwis/pixelio.de)

Auch behinderte Kinder sind nach deutschem Gesetz verpflichtet, in die Schule zu gehen. Seitdem Eltern die Schulform aussuchen können, ist die Entscheidung aber nicht leichter geworden. Versuch einer Orientierungshilfe.

Irgendwann kommt jedes behinderte Kind in das Alter, in dem die Einschulung ein Thema wird. Aber auf welche Schule soll das Kind? Auf die Förderschule, wo das Kind unter „Seinesgleichen“ ist und entsprechend gefördert wird? Oder auf eine gewöhnliche Regelschule, wo das Kind zusammen mit Nichtbehinderten nach „normalem“ Lehrplan unterrichtet wird?

Oder die Eltern entscheiden sich für eine Mischform und melden ihr Kind bei einer integrativen Schule an. Laut der UN-Behindertenrechtskonvention darf jedes Kind mit Handicap (beziehungsweise seine Eltern) die Schulform selbst aussuchen. „Die Eltern haben das Recht der Wahl“, sagt Helmut Gensler.

Inklusion oder spezielle Förderung?

Der 59-Jährige arbeitet seit 26 Jahren als Sonderschullehrer am Förderzentrum mit dem Schwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung in Coburg. Im sogenannten „mobilen sonderpädagogischen Dienst“ beschäftigt sich Gensler seit fünf Jahren mit der Frage, wo der jeweils passende Förderort für das Kind ist.

Kein einfaches Thema. Denn nicht jedes Kind mit Handicap passt in eine integrative Schule. Auch wenn Betroffenenverbände die Inklusion von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft stärker denn je einfordern: Die Einschulung sollte sorgfältig angegangen werden. Schließlich geht es um das Wohl, aber auch um die Zukunft des Kindes.

Was müssen Eltern also beachten, wenn ihr behindertes Kind eingeschult werden soll? Welche Kriterien sollten für eine Schulwahl ausschlaggebend sein? Und worin liegen die Vor- und Nachteile der verschiedenen Schulformen?

Integrative Schule auf dem Vormarsch

„Um überhaupt eine Wahl zu haben, muss man Alternativen kennen lernen, also verschiedene Schulen besuchen und sich dort vor Ort erkundigen und dort mit den Schülern selbst reden“, empfiehlt Gensler als Erstes. „Sehr hilfreich und fair ist es, der Schule entsprechende aktuelle medizinische Gutachten zur Kenntnis zu geben.“

In Bayern werde jetzt die wohnortnahe, integrative Schule propagiert, erzählt Gensler. Wolfgang Blaschke hält das für die richtige Lösung: „Kinder sollten wohnortnah beschult werden. Dadurch wird auch das soziale Umfeld des Kindes durch die Einschulung nicht verändert – das Kind bleibt weiterhin mittendrin.“

Blaschke ist 62 und Diplom-Pädagoge. Er leitet die Elternberatung - Schwerpunkt integrative Beschulung - des Vereins mittendrin e.V., den er mitgegründet hat. Auf dessen Webseite heißt es: „Wer als Erwachsener integriert leben will, sollte das als Kind schon lernen dürfen.“

Eine Betreuerin liest zusammen mit einem nichtbehinderten und einem Kind mit Down-Syndrom ein Buch. (Bild: Kurt Oxenius/mittendrin e.V.)
Der Schwächere kann vom Stärkeren lernen - und umgekehrt. (Bild: Kurt Oxenius/mittendrin e.V.)

Integration von klein auf

„Wohnortnah heißt Regelschule“, meint Blaschke. „Sondereinrichtungen fördern keine gesellschaftlich Teilhabe, da man unter sich bleibt und den Umgang mit Vielfalt nicht lernen kann. Außerdem ist der Anreiz, von den anderen Kindern zu lernen, in der Regelschule größer und damit auch der Lernerfolg.“

Gensler sieht das jedoch kritischer: „Jede pauschale, vereinheitlichende Antwort kann dem Kind nicht gerecht werden. Allen Beteiligten sollten die individuellen Bedürfnisse des Kindes klar sein.“ Darunter versteht Gensler nicht nur das schulische Lernen, sondern auch die persönliche, körperlich-motorische Entwicklung, die Selbstständigkeit, das Selbstbewusstsein, das soziale Wohlfühlen in der Gemeinschaft und die kommunikative Ebene.

Individuelle Bedürfnisse sind entscheidend

„Regelschulen sind zwar ortsnah, gesellschaftlich akzeptiert und für den Staat günstiger“, so Gensler weiter, „aber in der Regel fehlen barrierefreie Räumlichkeiten sowie in der Förderpädagogik ausgebildetes Lehrpersonal.“ Letzteres gelte zum Teil auch für integrative Schulen, außerdem könne dort nicht ausreichend auf die einzelnen Kinder eingegangen werden – ab einer gewissen Klassenstärke.

Dagegen habe eine Förderschule umfangreicheres, spezialisiertes Personal. Kleinere Klassen sowie geringere Anforderungen bei den Lerninhalten würden somit, so Gensler, mehr Zeit für die Persönlichkeitsbildung bedeuten. Je nach Kind könne die Förderschule seiner Meinung nach die bessere Wahl sein.

Reduzierte gesellschaftliche Teilhabe

Allerdings räumt Gensler ein, dass „durch die Ganztagesbeschulung einer Förderschule weniger Sozialkontakte mit den Nachbarkindern“ entstehen würden. Blaschke pflichtet ihm in diesem Punkt bei: „Gesellschaftliche Teilhabe wird so reduziert. Der selbstverständliche Umgang mit der Verschiedenheit kann in Sondereinrichtungen nicht gelernt werden.“

Die teils entgegensetzten Positionen von Gensler und Blaschke lassen sich beide nachvollziehen. In der Frage „Welche Schule für mein Kind?“ gibt es die eine Antwort nicht. Denn das individuelle Gesamtwohl des Kindes sei doch der zentrale Punkt, findet Gensler. Aber: Haben sich die Eltern für eine Schule entschieden, können sie es sich später immer noch anders überlegen.

Kinderzeichnung, Mädchen und Junge halten ein Rechenbuch hoch. (Bild: Dieter Schuetz/pixelio.de)
Zwischen Inklusion und Überforderung: Ist die Regelschule das Richtige für ein Kind mit Behinderung? (Bild: Dieter Schuetz/pixelio.de)

Schulwechsel nicht immer problemlos

Sollte sich nach ein paar Jahren herausstellen, dass die Schule, die das behinderte Kind besucht, doch nicht die richtige ist, besteht natürlich die Möglichkeit eines Schulwechsels. „Dabei sollten die Eltern mit den Lehren beider (!) Schulen sprechen und alle Gründe für diesen Wechsel klar ansprechen“, empfiehlt Gensler. „Hier muss das Kind unbedingt altersgemäß mit einbezogen werden.“

Blaschke hält einen Wechsel jedoch für problematisch: „Die Kinder werden aus ihren vertrauten Zusammenhängen gerissen müssen sich neu orientieren. Ich rate Eltern immer, erst alle anderen Mittel auszuschöpfen und gemeinsam mit den LehrerInnen nach Lösungen zu suchen, bevor sie sich für einen Wechsel entscheiden.“

Fluktuation in beide Richtungen

„Bei unserem Förderzentrum beantragen mehr Schüler zwischen der 2. und 8. Klasse einen Wechsel zu uns als wir überhaupt Erstklässler aufnehmen“, berichtet Gensler. Aber gleichzeitig besteht an Genslers Schule ebenfalls eine Schülerfluktuation in die entgegensetzte Richtung: „Es wechseln jährlich auch Schüler von uns an Regelschulklassen, integrierte Klassen oder Außenklassen.“

„Wie viel menschliches Scheitern haben die zu uns wechselnden Kinder schon erdulden müssen, um diesen Schritt gehen zu dürfen?“, fragt Gensler. Aus seiner eigenen Erfahrung müssten die Kinder dann mühsam psychisch aufgepäppelt und riesige Lücken in Basisfähigkeiten angegangen werden. Deshalb warnt er vor übereifrigen Eltern und Pädagogen, die allzu sehr von „ihrer eigenen Professionalität überzeugt sind und keinen Widerspruch dulden“.

Blaschke ist hier anderer Ansicht und ermutigt die Eltern dazu, keine Angst vor Autoritäten zu haben und sich bewusst zu machen, dass sie selbst die Experten für ihr Kind sind. „Allerdings müssen Eltern von Anfang an deutlich machen, dass ihr Kind Stärken hat und dass diese gefördert werden müssen. Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass die meisten Schulen sich überfordert fühlen mit ihrem besonderen Kind“, denkt Blaschke.

Ihr Kind, Ihre Entscheidung

Soll Ihr Kind demnächst eingeschult werden und Sie sind sich noch nicht sicher, auf welcher Schule? Eine Patentlösung können wir Ihnen leider nicht anbieten, ist doch jedes Kind verschieden mit all seinen Stärken und Schwächen. Wir können Ihnen aber empfehlen, sich möglichst umfassend zu informieren und verschiedene Alternativen kennenzulernen, am besten vor Ort.

Lassen Sie sich ausführlich beraten – etwa von mittendrin e.V. Fragen Sie die Pädagogen in den Schulen nach ihren Erfahrungen und haken Sie ruhig nach. Eine Orientierungshilfe könnte Ihnen diese Broschüre geben: Wegweiser für Eltern zum Gemeinsamen Unterricht, ausgearbeitet von der Bundesarbeitsgemeinschaft Gemeinsam leben - gemeinsam lernen e.V. und der Beauftragtem der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen

Falls Sie nach Schulen rund um Ihren Wohnort suchen, empfehlen wir Ihnen den SchulRadar. In der „Deutschlands größten Schuldatenbank“ finden Sie aktuell 32.798 Schulen, notenbewertet nach verschiedenen Kriterien.


Text: Thomas Mitterhuber – 06/2011

Bilder: pixelio.de, mittendrin e.V.

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