Ausbildung!? Chancen behinderter Jugendlicher

Ein Ausbildungsvertrag. (Bild: Claudia35/pixelio.de)
Bis man den Ausbildungsvertrag in der Tasche hat, braucht es manchmal Geduld. (Bild: Claudia35/pixelio.de)

Kurz vor dem neuen Ausbildungsjahr vermeldet der Zentralverband des Deutschen Handwerks viele Tausende freier Ausbildungsstellen – insbesondere in Ostdeutschland. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag bestätigt diese Entwicklung.

Auf der anderen Seite gibt es laut der Arbeitsagentur rund 150.000 Jugendliche, die nach einem Ausbildungsplatz suchen (Stand: Juli 2010). Warum das Zusammenbringen von Ausbildungsplatzsuchenden und freien Stellen so schwierig ist, scheint auch an der mangelnden Qualifikation vieler Bewerber zu liegen.

Doch wie steht es um junge Menschen mit Handicap, die einen guten Schulabschluss haben, einen Ausbildungsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkt zu bekommen? MyHandicap sprach mit behinderten Jugendlichen und mit den Beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft (bfz) Augsburg.

Jahrelang auf der Ausbildungsplatzsuche

Der 19-jährige Fabian ist seit zwei Jahren fertig mit der Schule. Als er damals die Mittlere Reife in den Händen hielt, war er voller Hoffnung. „Industriekaufmann wollte ich werden“ und bewarb sich bei dutzenden Firmen um einen Ausbildungsplatz. In seinen Bewerbungen ging er offen mit seiner Querschnittlähmung um.

Doch schnell machte sich bei ihm Ernüchterung breit. Es kommen lauter Absagen zurück – obwohl er sich mittlerweile auch bei Unternehmen, die 100 Kilometer oder mehr entfernt sind, bewirbt. „Drei oder vier Mal durfte ich zu einem Vorstellungsgespräch, aber das war’s auch schon“, berichtet Fabian frustriert.

Absagen trotz gutem Abschluss

Seitdem „tingle ich von Praktikum zu Praktikum“. Einmal nahm er an einer Qualifizierungsmaßnahme von der Arbeitsagentur teil. Das war aber nichts für ihn: „Ich bin doch nicht lernbehindert, sondern sitze nur im Rollstuhl“. Die Mittlere Reife schloss er mit “gut“ ab. In den Praktika zeigt er sich fleißig, lernwillig und erledigt die ihm gestellten Aufgaben selbstständig – „am Ende reicht’s aber doch irgendwie nicht“.

Ob Fabians Geschichte eher ein Ausnahmefall oder doch die Regel ist, will der Berufsbildungsbericht 2010 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung erklären.

Ausnahme oder doch die Regel?

14.012 Jugendliche mit Handicap schlossen 2009 einen Ausbildungsvertrag in einem anerkannten Ausbildungsberuf ab - 292 weniger als 2008, da waren es noch 14.313.

Dagegen nahmen 42.234 behinderte Jugendliche 2009 an einer berufsfördernden Maßnahme teil – „mit dem Ziel eines Berufsabschlusses“, wie im Bericht zu lesen ist. Die Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr (42.686) relativ konstant geblieben.

Berufsfördernde Maßnahmen sind welche, in denen die Jugendlichen auf eine Ausbildung vorbereitet werden. Schlüsselkompetenzen werden eingeübt beziehungsweise aufgefrischt. Erste Berufserfahrungen werden in Praktika oder berufsvorbereitenden Jahren gemacht.

23.075 Jugendliche mit Handicap befanden sich in einem Eingangsverfahren oder einer Berufsausbildung in einer Werkstatt für behinderte Menschen. Im Vergleich zu 2008 (27.350) hat sich die Zahl um knapp 15 Prozent reduziert.

Fokussierung auf den ersten Arbeitsmarkt?

MyHandicap hat beim Augsburger Beratungsbüro für Ausbildungsplatzschaffung (ABbA), welches vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie vom Europäischen Sozialfonds gefördert wird, nachgefragt, wieso die Ausbildungsplatzvergabe im ersten Arbeitsmarkt an behinderte Jugendliche so schleppend verläuft.

Arbeitsagentur-Logo vor der Gebäudefassade. (Bild: Bundesagentur für Arbeit)
Mit den Maßnahmen von der Arbeitsagentur kann so mancher Ausbildungsplatz gefunden werden. (Bild: Bundesagentur für Arbeit)

Behinderung angemessen erwähnen

Das Hauptproblem sei vermutlich die „allgemeine Haltung, die von Vorurteilen geprägt ist“, heißt es von einem bfz-Berater. Viele Arbeitgeber glauben, Menschen mit Behinderung seien weniger leistungsfähig und ihnen müsse man alles mehrfach erklären. Dennoch ist das kein Grund, die Behinderung in der Bewerbung zu verschweigen.

„Ein Verschweigen führt ebenso wenig zum gewünschten Erfolg wie ein übermäßiges Hervorheben der Tatsachen“, empfiehlt das bfz. Hier sind eindeutig „Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit“ gefragt.

Daneben seien „berufsvorbereitende Maßnahmen ganz wichtige Bestandteile“, sagt das bfz und meint damit Praktika. So haben Arbeitgeber die Chance, ein eigenes Bild von der Leistungsfähigkeit behinderter Jugendlicher machen zu können.

„Gute Erfahrungen mit Praktika“

Aber diese Chance gilt auch für die Jugendlichen selbst. „Durch mehrere Praktika konnten wir mit den Jugendlichen herausfinden, welche Stärken und Schwächen die Jugendlichen mit Reha-Status - das sind insbesondere welche mit einer Lernbehinderung - haben. Fiel die Praktikumsbeurteilung eines Betriebes mindestens mittel aus, haben wir in Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur versucht, Wege zu einer Ausbildung in demselben Betrieb zu ebnen“,  erklärt das bfz das Verfahren.

Ein anderes Problem sei, dass manche Unternehmen beispielsweise für die Ausbildung zum Industriekaufmann die Fachoberschulreife fordern. Früher  reichte die Mittlere Reife aus, hört man im bfz. Gerade bei behinderten Jugendlichen, die in der Schule erhöhten Unterstützungsbedarf haben und auf mehr Barrieren stoßen als nichtbehinderte, wirke sich das negativ aus.

Vielleicht eine Erklärung, warum Fabian mit seinem Mittlere-Reife-Zeugnis immer noch nach einer Lehrstelle sucht.

Niedrigere Bildungsabschlüsse bei behinderten Jugendlichen

Eine Mikrozensus-Studie aus dem Jahre 2005 legt dar, dass behinderte Jugendliche im Schnitt einen niedrigeren Schulabschluss erreichen wie nichtbehinderte. Der Anteil der nichtbehinderten Menschen zwischen 25 und 45 Jahren, die keinen allgemeinen Schulabschluss haben, liegt bei drei Prozent - bei behinderten ist der Anteil dagegen fünfmal so hoch (15 Prozent).

28,4 Prozent der Menschen mit Behinderung im Alter zwischen 30 und 45 Jahren hatten 2005 keinen Berufsabschluss (nichtbehinderte Menschen: 14,2 Prozent).

Niedriger Schulabschluss = geringe Jobchancen?

„Generell besteht ein Zusammenhang zwischen den schulischen Leistungen und der Vermittelbarkeit in eine Ausbildung“, bestätigt ein bfz-Berater. Das bedeutet: Je schlechter beziehungsweise niedriger der Schulabschluss ist, desto geringer sind die Chancen, den gewünschten Ausbildungsplatz zu bekommen. Das gilt sowohl für behinderte wie nichtbehinderte Jugendliche.

Jugendlicher filmt zwei andere Jugendliche. (Bild: PittK/pixelio.de)
In Praktika orientierte sich Thorsten zum Mediengestalter um. (Bild: PittK/pixelio.de)

In Praktika beruflich umorientiert

Dennoch gibt es auch Positives zu vermelden. Wie beispielsweise bei dem 21-jährigen Thorsten.

Thorsten hat eine Muskelschwäche und war nach dem Realschulabschluss ein Jahr auf Arbeitsuche. Er wollte zunächst Fachinformatiker werden und bewarb sich erfolglos. Der Integrationsfachdienst vermittelte ihm daraufhin ein paar mehrwöchige Praktika, wo er merkte, „dass Informatik doch nicht das ist, was ich machen wollte“.

Daraufhin machte er ein Praktikum als Mediengestalter. Sein Chef war so begeistert von seiner Kreativität sowie seiner schnellen Auffassungsgabe und bot ihm einen Ausbildungsplatz. Die Arbeitsagentur übernahm dazu die Kosten für eine spezielle Computermaus, mit dieser Thorsten besser arbeiten kann. Jetzt ist Thorsten im zweiten Jahr und sein Chef ist überaus zufrieden mit ihm. Die Chancen, dass Thorsten nach der Ausbildung übernommen wird, stehen gut.

Nicht aufgeben, heißt die Devise

Für behinderte Jugendliche, die wie Fabian nicht gleich den gewünschten Ausbildungsplatz erhalten, gibt es staatlich geförderte Maßnahmen, die zu einem Ausbildungsplatz oder zu einem Job auf dem ersten Arbeitsmarkt verhelfen können.

So gibt es die Möglichkeit, eine Berufsausbildung in einer außerbetrieblichen Einrichtung zu absolvieren. Das sind in der Regel Berufsbildungswerke, bei denen der praktische sowie der theoretische Teil der Ausbildung unter einem Dach sind. Ist die Ausbildung abgeschlossen, kann man mit dem Berufsabschluss nach einer Stelle in der freien Wirtschaft suchen.

Maßnahmen der Arbeitsagentur nutzen

Von berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen über Einstiegsqualifizierungen bis hin zum Berufsvorbereitungsjahr, die Angebote der Arbeitsagentur, „können je nach Fall sinnvoll sein können“, schätzt das bfz ein.

Manche Unternehmen stellen auch gezielt Ausbildungsmöglichkeiten für behinderte Jugendliche zur Verfügung – wie zum Beispiel E.ON oder die Siemens AG. Im Rahmen von „Job4000“, einer Initiative des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, versuchen Politik und Wirtschaft gemeinsam, die berufliche Integration behinderter Menschen mit verschiedenen Maßnahmen voranzutreiben.

Einen Ausbildungsplatz als behinderter Jugendlicher zu finden, ist keinesfalls ein hoffnungsloses Unterfangen. Entscheidend sei, dass der Jugendliche die Ausbildung auch wirklich will und bereit ist, sich anzustrengen, findet ein bfz-Berater.

Fabian bleibt daher weiter am Ball und fängt demnächst ein weiteres Praktikum an – als Handelskaufmann.


Text: TMI – 08/2010

Bilder: pixelio.de, Bundesagentur für Arbeit

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