Von der Behinderung profitieren – Tipps zur Berufswahl

Das Foto zeigt einen Rollstuhlfahrer von hinten mit ausgebreiteten Armen.
Wer seine Behinderung akzeptiert und sich auf seine Stärken konzentriert kann im Berufsleben Fuß fassen und von bestimmten Dingen profitieren. Bild: Fotolia, © oneinchpunch

Für Menschen mit Behinderung gilt der Zugang zum Arbeitsmarkt als wichtiger Schritt in die Selbständigkeit. Mit einem passenden Beruf kann dann selbst für den eigenen Lebensunterhalt gesorgt werden. Bestimmte Einschränkungen bringen an anderer Stelle wiederum Vorteile mit sich. Wir zeigen, wie diese optimal genutzt werden können.

Für fast jede Behinderung steht heutzutage auch ein passendes Hilfsmittel zur Verfügung, um die Einschränkung zu mindern und den persönlichen Aktionsradius zu erweitern. Nicht immer muss ein Handikap jedoch als Nachteil gesehen werden. Je nach Art und Ausprägung kann durch frühes Lernen und dem selbstverständlichen Umgang im Alltag eine Benachteiligung auch ausgeschlossen werden. Wer seine persönlichen Eigenschaften kennt und schätzen lernt, kann einen passenden Beruf wählen und am Arbeitsleben teilhaben.  

Gesetzliche Förderung

Allein durch das Schwerbehindertengesetz (SchwbG) wird der betroffene Personenkreis bei der Besetzung eines Arbeitsplatzes bevorzugt behandelt. Hier ist zum einen festgelegt, wann und unter welchen Bedingungen ein Unternehmen verpflichtet ist, eine bestimmte Anzahl an Personen mit Einschränkungen zu beschäftigen.

Zudem ist geregelt, dass bei Vorlage eines Nachweises eine Tätigkeit nur in gewissem Umfang oder einer eingeschränkten Arbeitszeit verrichtet werden darf. Somit kann das jeweilige Handicap berücksichtigt und der Arbeitsplatz an die individuellen Möglichkeiten angepasst werden.

Der Gesetzgeber sieht zudem eine finanzielle Unterstützung vor. Einerseits kann die Arbeitsstelle selbst mit den anfallenden Kosten unterstützt werden, andererseits gibt es Fördermöglichkeiten für die Anschaffung oder den Unterhalt von notwendigen Hilfsmitteln. Auch bauliche Maßnahmen wie ein barrierefreier Zugang oder die Erweiterung von sanitären Anlagen zählen hier mit dazu. Lohnzuschüsse enden jedoch in der Regel nach zwei Jahren.

Folgende Punkte sind im Rahmen des Gesetzes geregelt:

  • Definition, wer als Mensch mit Schwerbehinderung eingestuft wird
  • Umfang und Art der Beschäftigungspflicht von Arbeitgebern sowie Ausgleichsabgaben
  • Besonderer Kündigungsschutz der Arbeitnehmer
  • Gesetzlich vorgeschriebene Vertreter der Interessen von behinderten Menschen
  • Regelungen zu Arbeitsentgelt, Mehrurlaub und Heimarbeit
  • Förderungsmaßnahmen für behinderte Menschen (Besondere Werkstätten, Beförderung im ÖPNV, etc.) 

Integration von nicht schwerbehinderten Menschen 

Das Foto zeigt einen Rollstuhlfahrer bei der Arbeit am Arbeitsplatz
Viele Berufe können auch mit einem Handikap ausgeführt warden. In manchen Fällen bringt eine Behinderung sogar gewisse Vorteile mit sich. Bild: Fotolia, © Viacheslav Iakobchuk

Sozialgesetzbuch regelt außerdem, dass auch Menschen mit einem Behinderungsgrad von mindestens 30, aber weniger als 50 (Schwerbehinderung) bevorzugt eingestellt werden können. Sie werden in diesem Punkt inzwischen den schwerbehinderten Menschen gleichgestellt.

Ohne dieses Gesetz wäre es oft schwierig, auf dem freien Markt eine Beschäftigung zu finden, die mit den entsprechend eingeschränkten Möglichkeiten ausgeführt werden kann. Neben den öffentlichen Arbeitgebern sollen so auch private Unternehmen von einer zusätzlichen finanziellen Belastung entlastet werden. Häufig sind Menschen mit bestimmten Einschränkungen besonders motiviert und können ein Unternehmen in vielfältiger Weise unterstützen.

Körperliche Eigenschaften als Vorteil nutzen

Bestimmte körperliche Behinderungen haben zur Folge, dass andere Eigenschaften in einem größeren Maß gefördert werden und besonders ausgeprägt sind. Auch dies kann bei der Wahl des Berufes einen großen Vorteil bedeuten.

Blinde beispielsweise verfügen in der Regel über ein ausgezeichnetes Gehör. Durch den Wegfall der visuellen Wahrnehmung werden die anderen Sinne geschärft. Vor allem das Tastvermögen und das Gehör sind viel besser entwickelt als bei sehenden Menschen. 

Forschungen haben ergeben, dass die fürs Sehen zuständigen Areale der Hirnrinde dafür genutzt werden, die anderen Sinne bei ihrer Tätigkeit zu unterstützen.

Besondere Berufe für Blinde

Das Foto zeigt eine Person von hinten bei der Arbeit mit einer Braille-Tastatur
Mit einer entsprechenden technischen Erweiterung können Blinde Menschen auch an einem Computer arbeiten. Bild: Fotolia, © elypse

Für blinde Menschen sind deshalb besonders Tätigkeiten im musischen Bereich denkbar. Hier können sie ihren Vorsprung nutzen und von den besonderen Eigenschaften profitieren. Dank der Möglichkeiten der Brailleschrift ist auch beim Notenlesen- und Schreiben für eine entsprechende Alternative gesorgt. Das System aus sechs Punkten wurde für die Transkription von Noten um die notwendigen Zeichen erweitert.

Durch das besondere Gehör ist natürlich ein Beruf als Musiker denkbar. Aber auch als Stimmer für Klaviere oder eine Arbeit in einem Tonstudio ist denkbar. Selbst kleinste Tonunterschiede können leicht wahrgenommen werden. Hier lässt sich der körperliche Vorteil voll ausnutzen.

Daneben können auch Berufe, bei denen ein besonders feines Händchen gefragt ist von blinden Menschen ausgeführt werden. Als Masseur beispielsweise kann der ausgeprägte Tastsinn dabei helfen, selbst kleinste Verspannungen wahrzunehmen.

Ein Beruf, dessen Ausbildung bisher ausschließlich für blinde Frauen angeboten wird, ist die medizinische Tastuntersucherin. Bei der Brustkrebsuntersuchung und dem Abtasten nach Knoten und verdächtigen Gewebeänderungen kommen die besonderen Fähigkeiten vollends zur Geltung. Die Ausbildung wird jedoch nur Frauen angeboten. Aufgrund der guten Diagnoseleistung ist die Nachfrage nach entsprechend geschultem Personal inzwischen gestiegen. 

Berufsmöglichkeiten für gehörlose Menschen

Grundsätzlich könnten gehörlose Menschen in jedem Beruf arbeiten. Doch auch für sie ergeben sich besondere Möglichkeiten. Wer der Gebärdensprache mächtig ist, kann mit dieser Fähigkeit in vielen Bereichen punkten. Verschiedene Verbände, Lehreinrichtungen, aber auch Medienanstalten suchen entsprechend ausgebildete Personen.

Sei es als Gebärdensprachdolmetscher, im pädagogischen Bereich oder auch bei der Ausbildung anderer gehörloser Menschen – es gibt zahlreiche Berufsfelder, die mit der besonderen Form der Kommunikation zu tun haben. Da die Gebärden sowie das Fingeralphabet international sehr ähnlich sind, fällt die Verständigung auch unter Angehöriger anderer Nationen meist leicht. Auch dies kann in verschiedenen Fällen als Vorteil gewertet werden. Durch die Globalisierung findet mehr und mehr Austausch nicht nur zwischen Unternehmen und Konzernen, sondern auch in vielen anderen Bereichen statt.

Wichtig ist, dass keine Berührungsängste vorhanden sind. Mit dem notwendigen Selbstbewusstsein, aber auch einem besonderen Maß an Eigeninitiative und Selbstdisziplin kann in vielen Disziplinen Fuß gefasst werden.

Vielfältige Möglichkeiten wahrnehmen

Für blinde, gehörlose und anders beeinträchtigte Menschen finden sich Beschäftigungsmöglichkeiten vor allem auch im verwalterischen Bereich. Tätigkeiten, bei denen viel mit Text umgegangen werden muss oder andere Arbeiten am Computer prägen hier den Arbeitsalltag. Viele Berufe im kaufmännischen Sektor sind geeignet. Da sich die Kosten für die technische Ausrüstung eines entsprechenden Computerarbeitsplatzes im Rahmen halten, sind die Chancen gegeben, hier eine Anstellung zu finden. 

Immer wieder gibt es von staatlicher Seite besondere zusätzliche Förderprogramme. Unter dem Namen „Initiative Inklusion“ wurde bereits vor einiger Zeit ein weiteres Sonderförderprogramm auf die Beine gestellt. Rund 140 Millionen Euro werden vom Ministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), sowie dem Ausgleichsfond zur Verfügung gestellt. Damit werden Maßnahmen zur Berufsorientierung und der Ausbildung und Beschäftigung von behinderten Menschen gefördert. Das Programm läuft noch bis 2018.

Auch die einzelnen Länder unterstützen die Integration ins Berufsleben mit eigenen Förderprogrammen. Folgende Schwerpunkte werden bei den verschiedenen Initiativen unterstützt:

  • Beruflichen Orientierung und betriebliche Ausbildung
  • Förderung der Inklusionskompetenzen bei den zuständigen Stellen
  • Leistungen für Aufbau, Modernisierung und Ausstattung für Barrierefreiheit
  • Unterstützung bei außergewöhnlichen Belastungen

Vorteile erkennen und nutzen

Menschen, die bereits in jungen Jahren mit einer Behinderung konfrontiert waren oder mit Einschränkungen geboren wurden, tun sich im Alltag oft leichter. Für sie ist es normal, mit dem Handicap zu leben und sich entsprechend zu arrangieren. Andere Fähigkeiten werden dann meist ganz automatisch besser gefördert und sorgen für einen gewissen Ausgleich. Die Inklusion und der regelmäßige Austausch mit nicht behinderten Menschen sorgt für Normalität und Akzeptanz im Alltag.

Wer seine eigene Behinderung akzeptiert, tut sich leichter, sich auf andere Eigenschaften zu konzentrieren und diese zu trainieren. Auch bei einer körperlichen Einschränkung können alternative Talente und Fähigkeiten vorhanden sein, die einen gewissen Vorteil auf dem Arbeitsmarkt darstellen und die Chancen auf einen Arbeitsplatz erhöhen. Oftmals ist dabei immer noch ein hohes Maß an Motivation und Selbstdisziplin notwendig, um bestimmte Ausbildungswege zu gehen oder schlussendlich tatsächlich einen Job zu bekommen.