Forschen mit Schwerbehinderung

Eine Gruppe von Wissenschaftlern im Labor (Foto: RKI)
Ziel des Integrationsprojekts des Robert Koch-Institut ist die Weiterqualifikation schwerbehinderter Menschen, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern (Foto: RKI)

Am Robert Koch-Institut wird zu von Zecken übertragenen Krankheiten geforscht. Das Besondere daran: Die Projektgruppe setzt sich ausschließlich aus Wissenschaftlern mit Schwerbehinderung zusammen.

„Zwischen behinderten und nichtbehinderten Mitarbeitern wird am Robert Koch-Institut (RKI) kein Unterschied gemacht“, sagt Peter Hagedorn. Hagedorn ist Diplombiologe und schwerbehindert. Gemeinsam mit drei Kollegen arbeitet er seit 2008 in einer Forschungsgruppe der Integrationsabteilung des RKI, die ausschließlich schwerbehinderten Mitarbeitern vorbehalten ist.

Robert Koch-Institut engagiert in Integration

Das Viererteam bildet am RKI keine Ausnahme. Die zentrale Forschungs- und Referenzeinrichtung des Bundes auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten und anderer Gesundheitsrisiken engagiert sich seit Jahren für einen besseren Zugang von schwerbehinderten Arbeitnehmern in die Forschung und Wissenschaft. Von den 971 Mitarbeitern des Robert Koch-Institut sind 59 schwerbehindert.

Der Biologe Hagedorn, eine Tierärztin, ein Bioinformatiker und ein technischer Assistent sind seit 2008 in der Zeckenforschung tätig. Anhand von Zecken und Blutproben von Wild- und Haustieren möchten die Wissenschaftler eine neue Risikokarte für FSME, Borreliose und andere von Zecken übertragene Krankheiten für Deutschland erstellen.

Die Forschergruppe im Wald auf Zeckenfang (Foto: Peter Hagedorn, RKI)
Die Zeckenforscher begeben sich auch selbst auf Zeckenfang. Meistens sind sie allerdings im Labor aktiv (Foto: Peter Hagedorn, RKI)

Dem Zecken-Infektionsrisiko auf der Spur

„Die aktuellen Risikokarten basieren auf dem Auftreten von menschlichen Fällen“, sagt Hagedorn und erklärt, dass dies kein zufriedenstellender Parameter sei: „Die Menschen werden oft nicht dort infiziert, wo sie zum Arzt gehen. Das verfälscht die Karten.“

Gemeinsam mit seinen schwerbehinderten Kollegen sammelt Hagedorn Zecken im Wald und untersucht die Tiere im Anschluss im Labor auf FSME, Borrelien, Babesien, Rickettsien und Anaplasmen.

Außerdem wird Wild- und Haustieren der gefährdeten Regionen Blut entnommen und auf Antikörper untersucht.

„Mithilfe dieser Ergebnisse könnte sich das Infektionsrisiko besser beurteilen lassen“, sagt der Projektleiter Matthias Niedrig, Leiter des FSME-Konsiliarlabors des Robert Koch-Institut. Geplant ist, anhand der erhobenen Untersuchungen eine neue Risikokarte für durch Zecken übertragene Erkrankungen für Deutschland zu generieren.

Vernetzung macht’s möglich

„Diese umfangreiche Forschung ist nur möglich, da das RKI in ein sehr gutes Netzwerk eingegliedert ist. Unsere Partner liefern uns die Proben, die wir dann im Labor untersuchen“, sagt Peter Hagedorn, der im Rahmen des Zeckenprojekts seine Doktorarbeit schreibt.

Bevor sich Hagedorn am Robert Koch-Institut der Zeckenforschungsgruppe angeschlossen hat, war er von 2005 bis 2007 im EQUAL-Projekt „Vieles ist möglich - Tandempartner in der Wissenschaft“ am Paul-Ehrlich-Insitut (PEI) tätig. Bei diesem klassischen Tandemmodell bildeten schwerbehinderte Wissenschaftler mit nichtbehinderten Forschern oder technischen Assistenten ein ergänzendes Team.

Heute ist man vom klassischen Tandemmodell meist abgekommen. „Das Tandemprojekt wurde 1986 kreiert. Es hat mittlerweile an Aktualität verloren. Die Arbeitplätze sind zunehmend barrierefrei gestaltet. „Dadurch werden Menschen mit Schwerbehinderung in ihrer Arbeit unabhängiger“, erklärt Peter Hagedorn.

Bei seiner aktuellen Tätigkeit benötigt Hagedorn keinen Tandempartner. Ganz im Gegenteil, der Diplombiologe ist selbst als Betreuer von Diplomanden tätig.

Peter Hagedorn bei der Datenbonitur im Wald  (Foto: Peter Hagedorn, RKI)
Peter Hagedorn ist ein Vollblutbiologe, dem die Wissenschaft am Herzen liegt. Dafür legt er sich sogar mit seinem Laptop auf die Lauer (Foto: Peter Hagedorn, RKI)

Nachahmer mit Schwerbehinderung gesucht

Schwerbehinderte Bachelor-Absolventen, die Peter Hagedorn und seinen erfolgreichen Kollegen nacheifern wollen, können dies im Rahmen von ProBAs (Projekt für Bachelor-Absolventen) tun. Das für die Weiterqualifizierung von schwerbehinderten Bachelor-Absolventen geschaffene Projekt wird vom Paul-Ehrlich-Insitut in Langen koordiniert. Von der Mitarbeit in Forschungsprojekten und der Wahrnehmung administrativer Aufgaben bis hin zum Erwerb von Schlüsselqualifikationen ist alles möglich.

Auch das Robert Koch-Institut in Berlin sucht ab Anfang 2011 für den Zeitraum eines Jahres zwei schwerbehinderte Bachelor-Absolventen für den Einsatz in laufenden Projekten.

Interessenten werden aufgefordert, sich mit den jeweiligen Projektkoordinatoren Annetraud Grote (PEI) und Björn Kersten (RKI) in Verbindung zu setzen. Teilnehmer werden noch ausdrücklich gesucht.

Nehmen Sie diese Chance des Einstiegs in die Wissenschaft wahr! Vorausgesetzt, Sie verfügen über die nötigen Qualifikationen. Oder erwerben sie. Die Möglichkeiten, mit Schwerbehinderung in der Wissenschaft tätig zu werden, sind vorhanden. Es liegt an Ihnen!

 

Text: Michaela Hawlik – 09/2010

Fotos: Robert Koch-Insititut

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