Behinderung erfolgreich gewendet: Busicap

Ilonka Lütjen an ihrem Schreibtisch, in ihren Händen ein Terminkalender (Foto: Ilonka Lütjen)
Die Leute nehmen heutzutage lieber Unterstützung von neutraler Seite an, glaubt Lütjen und deshalb bietet sie Schulungen an (Foto: Ilonka Lütjen)

Ilonka Lütjen erkrankt an MS, verdrängt und begreift die Krise dann als Chance. Heute berät sie behinderte Menschen zur beruflichen Integration.

Lütjens Eine-Frau-Unternehmen heißt Busicap. „Das ist die Kurzform von ‚Business mit Handicap’ oder ‚Business trotz Handicap’“, erklärt sie. „Der Name enthält beide Stufen der Akzeptanz – mit und trotz Handicap.“ Sie schult Arbeitsuchende mit Handicap und begleitet sie auf ihrem Weg in eine erfolgreiche Karriere.

Auch behinderte Menschen, die bereits fest im Berufsleben stehen und etwas Neues machen wollen, oder Menschen, die ihren Weg suchen und (wieder) finden wollen, sind ihre Zielgruppe. „Zusätzlich coache und berate ich auch die Weggefährten und Vorgesetzten der Menschen, die vielleicht plötzlich mit ihrem Handicap konfrontiert sind“, sagt Lütjen.

Karrierefrau lässt sich nicht behindern

Ilonka Lütjen, Jahrgang 1963, merkt schon während ihres Chemie-Studiums, dass es sie wo anders hinzieht. Sie bricht ihr Studium ab und startet in eine Vertriebskarriere. Und das ist noch nicht alles. Nebenbei interessiert sie sich für das Spirituelle und berät Menschen zu diesem Thema.

„Früher war ich zwei Personen. Im Nachhinein kommt es mir zumindest so vor“, erzählt sie. „Als Ilonka ging ich einen spirituellen Weg und heilte. Als Frau Lütjen war ich für Vertriebe als Trainerin und Coach tätig. Jetzt, bei Busicap ist die Schnittmenge sehr viel größer!“

Ilonka Lütjen im Porträt (Foto: Ilonka Lütjen)
„Wir können an Krisen zerbrechen oder auch nicht. Die Entscheidung darüber haben wir!“, sagt die erfolgreiche Vertriebstrainerin (Foto: Ilonka Lütjen)

Die Diagnose: Weitermachen und Umdenken

Anfang 2005 erkrankt sie an Multipler Sklerose. Diese Nervenkrankheit zieht unter anderem Gleichgewichtsstörungen mit sich, die sich bei ihr im Gehen bemerkbar machen. „Treppen steigen ist ganz scheußlich und mein Gang ist nicht mehr graziös“, schildert Ilonka Lütjen die Folgen. Außerdem ist sie nicht mehr so belastbar wie früher. Zunächst kann sie ihre Behinderung noch verbergen, oft durch Ausreden. Doch: „Schwanken kann nach betrunken sein aussehen“, weiß sie heute und erinnert sich daran, wie seltsam ihre Mitmenschen oft auf sie reagiert haben.

„Die Probleme lagen jedoch vor allem bei mir im Denken! Weil ich seit meinem Studium freiberuflich tätig war und es für mich somit bedeutete, dass man perfekt sein musste, um erfolgreich zu sein. Das war zunächst fatal für mich“, erinnert sie sich an ihre erste Zeit im beruflichen Alltag nach der Diagnose.

Berufliche Weichen neu gestellt

Heute, nachdem sie ab Herbst 2009 eine längere Auszeit nahm, ist Lütjen sehr erleichtert darüber, dass sie nicht mehr versucht, die Auswirkungen ihrer Krankheit zu verbergen. „Ich bin wieder ich selbst“, sagt sie selbstbewusst.

Eine Weiterbildung zum ganzheitlichen Coach konfrontiert sie mit einem neuen Denkansatz: „Wie kann ich das, was ich immer besonders geliebt habe, mit meinen neuen Erfahrungen durch die MS verknüpfen?“

Kurz darauf ist die Idee für die berufliche Umorientierung geboren: Busicap –Coaching für behinderte Menschen. Hier kann sie alles, was sie gelernt und erlebt hat, verbinden. Bereits im Sommer 2010 stehen die ersten Seminarangebote.   

Von ihren ersten Coaching-Erfahrungen mit behinderten Klienten berichtet Lütjen: „Sie sind viel fröhlicher, als ich es erwartet hätte. Zu den Gesprächsthemen kommen nicht nur Themen, die sich aus der Behinderung ergeben, sondern manchmal auch private. Neben meinem in den Jahren angesammelten Wissen werden immer mal wieder neue Ideen gefordert.“

Lütjen hält ihre Schulungen in einem Wiesbadener Rehazentrum. Hier ist Barrierefreiheit gewährleistet. Menschen, die eine Treppe steigen können, lädt sie gern auch in den Coachingraum bei sich zu Hause ein.

Ilonka Lütjen mit einem behinderten Klienten beim Coaching (Foto: Ilonka Lütjen)
Lütjen macht ihre Multiple Sklerose zum Thema ihrer beruflichen Zukunft und gibt ihr Wissen weiter (Foto: Ilonka Lütjen)

Vorträge und Seminare zum Thema Handicap

Für die Zukunft hat Ilonka Lütjen viele Pläne. Sie möchte mehr Vorträge halten und Seminare konzipieren. Weiter möchte sie mehr mit Unternehmen zusammenarbeiten. „Besonders soziale Dienste sind sehr froh über die kompetente Unterstützung und die Möglichkeit, Hilfe anzubieten“, stellt sie fest. Außerdem plant Lütjen, ihre alte Tätigkeit – Vertriebstraining und Coaching – wieder aufzunehmen. Erste Gespräche fanden bereits statt.

Dem Coaching für behinderte Arbeitnehmer und deren Weggefährten bleibt sie aber auf jeden Fall erhalten. Aber nicht nur für Einzelpersonen: Auch Unternehmen, die körperlich behinderte Menschen beschäftigen oder einstellen wollen, können sich von Busicap schulen lassen. 

Einen kleinen Coachingtipp hat sie auch für die MyHandicap-Leser parat: „Nutzen Sie die Krisen, ob freiwillige oder unfreiwillige, als Chance. Wir können an Krisen zerbrechen oder auch nicht. Die Entscheidung darüber haben wir!“.


Text: Thomas Mitterhuber – 11/2010

Fotos: Ilonka Lütjen

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