Mode für Menschen mit Handicap - Eine Nische wird langsam besetzt

Spätestens seitdem auf der Fashion Week in Moskau Kleider für Menschen mit Handicap vorgestellt wurden, ist die Modebranche auch auf diese Nische aufmerksam geworden.

Der Spiegel berichtet, dass auf dieser Veranstaltung erstmals auch Bekleidungen von und für Menschen mit Behinderung präsentiert wurden. Besonders in Hinblick auf den Hintergrund in der Sowjetunion ist diese Initiative beachtlich. Durch die Paralympics in Sotschi ist jedoch auch hier die Modewelt auf Menschen mit Handicap aufmerksam geworden. Dennoch geht die Initiative meist von Einzelpersonen aus, sodass die großen Labels bisher nur vereinzelt diese Angebote führen. Aus diesem Grund wird es Zeit, einen Blick auf die Mode zu werfen, die in diesem Zusammenhang entworfen wurde.

Wissenswert:
Kleidung wird in der Regel von der Krankenkasse nicht erstattet, da diese nicht als Hilfsmittel, sondern als Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens bezeichnet werden. Schuhe hingegen, die über orthopädische Einlagen verfügen, werden gezahlt.

Kleidung - Egal, ob für blinde Menschen oder Rollstuhlfahrer

Kleidung für Rollstuhlfahrer ist bereits seit langem in der Produktion, aber der modische Aspekt kam bisher immer zu kurz. Schwerpunkt ist stattdessen die Passform der Kleidung, denn es sollte eine optimale Funktionalität ermöglicht werden, behauptet die Diplomingenieurin für Bekleidungstechnik Isabell Herzogenrath, die sich auf diese Mode spezialisiert hat. Dieser Artikel beschreibt das Angebot, das in dieser Hinsicht etabliert wurde. So werden die Größen und die Pflegehinweise in Blindenschrift durch Perlen auf die Kleidung gestickt. Das sieht nicht nur gut aus, sondern hilft auch bei der Wahl der Kleider, der Farbe und bei der Pflege. Mode für Menschen mit Handicap ist jedoch bei den großen Bekleidungsketten noch nicht angekommen. Stattdessen wird die Nachfrage lediglich durch den Einzelhandel abgedeckt. Dabei haben Menschen, die diese Läden betreiben, oftmals selbst ein Handicap oder eine enge Verbindung zu einer Person, die eines hat.

Ein Beispiel ist Eva Brenner, die unter Multipler Sklerose leidet und selbst als Schneiderin und Kostümbildnerin tätig ist. Ihr fiel bei der Suche nach passender Kleidung auf, dass diese nicht in ausreichender Form vorhanden war. Die Hosen waren formlos und die Farben nicht aktuell. Im Vordergrund stand lediglich die Funktionalität, nicht aber die Ästhetik. Heute sieht das anders aus, denn gerade Designer wie Eva Brenner tragen viel dazu bei, dass auch in diesem Bereich Mode hergestellt wird, die sowohl die funktionalen als auch die modischen Ansprüche der Kunden abdeckt.

Allerdings lassen sich durch diese Artikel nicht genug Geld verdienen, um davon zu leben. Aus diesem Grund handelt es sich eher um eine ehrenamtliche Tätigkeit. Nichtsdestotrotz ist das Engagement mancher Designer vorbildlich, besonders aufgrund zweier Aspekte. Zum einen wegen der Unternehmenskultur aus sozialem und nicht aus rein wirtschaftlichem Antrieb, zum anderen decken diese Kleider mehr als nur die Bedürfnisse von Menschen mit einer Behinderung ab. Auch Rentner, die Probleme haben, selbstständig zu gehen oder LKW-Fahrer, die den ganzen Tag sitzen, können diese Kleider tragen, denn im Hinblick auf die Rollstuhlfahrer sind die Hosen am Gesäß gepolstert. Neben den Hosen und der Oberbekleidung sind gerade Mäntel wichtig für Menschen im Rollstuhl, denn diese dienen als Schutz bei Regen, Kälte und Wind.

Schuhe - Vom Fersensport zum orthopädischen Schuh

Bereits bei kleineren Einschränkungen finden sich nicht immer Schuhe, die die Bedürfnisse erfüllen. Als Beispiele sind hier "Problemfüße" zu nennen, wie beispielsweise ein Fersensporn oder Hallux Valgus. Laut der Website http://www.hausschuh.com/Fuer-Problemfuesse.html ist es schwierig, Schuhe zu finden, die diese Einschränkungen berücksichtigen. Schuhe für Menschen mit einem Fersensporn sollten Druckminderung gewährleisten. Es geht darum, dass die Innensohlen möglichst weich sind und die Schuhe individuell an die Bedürfnisse des Einzelnen angepasst werden. Ähnlich verhält es sich bei einem Ballenfuß, dem sogenannten "Hallux Valgus". Auch hier ist Gegendruck in der Problemzone zu vermeiden. Deswegen setzen die Entwickler meist auf Walkstoff, da dieser bei einem empfindlichen Ballenbereich nachgeben. Auch in diesem Fall ist es wichtig, die Füße vorerst prüfen zu lassen und die Schuhe individuell an die Umstände anzupassen. Ähnlich verhält es sich bei orthopädischem Schuhwerk, schließlich geht es hier ebenfalls darum, dass die Person ein geeignetes Modell trägt, sodass die geschädigten Körperfunktionen behandeln, minimiert oder ausgeglichen werden kann. Dafür zahlt auch die gesetzliche Krankenversicherung. Hierbei handelt es sich jedoch lediglich um orthopädische Maßschuhe. Spezial- oder Schutzschuhe hingegen sind von der Erstattung ausgenommen. Aufgrund des Solidarprinzips, das dieses Krankenversicherungssystem charakterisiert, erhält jeder, der auf Unterstützung angewiesen ist, diese auch. Im Gegenzug orientieren sich die Beiträge einzelner Mitglieder nicht an deren Alter oder Gesundheit, sondern lediglich an der Finanzkraft.

Projektvorstellung - Kleidung für Menschen mit Handicaps in Aachen

Der Förderverein Arbeit, Umwelt und Kultur in der Euregio hat ein Projekt ins Leben gerufen, das sich ebenfalls mit Kleidung für Menschen mit einer Behinderung befasst. Dabei wird auf die besonderen Anforderungen der Kleider eingegangen, denn diese müssen nicht nur anders geschnitten werden, sondern sollten außerdem auch atmungsaktiv und dehnbar sein. Der Förderverein hat die bereits beschriebene Nische erkannt und etablierte aus diesem Grund ein Projekt, das das Entwerfen und den Verkauf dieser Kleider vorantreiben soll. Schwerpunkt ist vor allem die Individualität der Kleidung. Anne Fink, die Vorsitzende des Herzogenrather Behindertenforums erläutert die Problematik der fehlenden Mode und den Schwerpunkt, der eher auf die Funktionalität gesetzt wird. "Es gibt zwar Modeangebote speziell für Menschen im Rollstuhl […] Doch die sind meist sportlich-praktisch ausgerichtet.", so ihre Aussage in der Aachener Zeitung. Aus diesem Grund ist den Initiatoren sowie allen anderen Designern viel daran gelegen, diesen Zustand zu ändern.

Bilder: pixabay.com

Sie haben noch Fragen? Stellen Sie diese gleich hier im Forum!

Links zu diesem Artikel