Crashtest-Dummies im Rollstuhl

Bild eines Crashtest-Dummys auf einem Rollstuhl beim Crashtest
Nach ISO 7176-19 crashgetestete Rollstühle dürfen für den befestigten Transport in Fahrzeugen verwendet werden (Foto: Sunrise Medical)

Der Rollstuhlhersteller Sunrise Medical hat seine gesamte Rollstuhlpalette einem Crashtest unterziehen lassen. Bedeutet das nun ein Mehr an Sicherheit für Menschen mit Behinderung?

Es gibt für mobilitätseingeschränkte Menschen zwei Möglichkeiten, in einem Fahrzeug transportiert zu werden. Bei der ersten werden sie auf einen normalen, fest verschraubten Sitzplatz im Fahrzeug umgesetzt und der Rollstuhl fährt als Gepäck mit. Die zweite Möglichkeit ist: Der Rollstuhl wird im Fahrzeug befestigt und der Passagier kann darin sitzen bleiben.

Obwohl Rollstuhlhersteller und Behindertenorganisationen grundsätzlich empfehlen, den ersten, weitaus sichereren Weg zu nutzen, gibt es Situationen, wo dies nicht möglich ist.

„Denken Sie an ältere, gehbehinderte Menschen oder an schwerstbehinderte oder pflegebedürftige Rollstuhlfahrer, die passiv im Rollstuhl sitzen und sich nicht selbst umsetzen können“, sagt Gerhard Weis, Testingenieur bei Sunrise Medical. „Außerdem sind Angehörige oder Begleiter von Fahrdiensten häufig alleine und können das Gewicht des Menschen nicht alleine heben, um ihn umzusetzen.“

Sunrise Medical zieht sicherheitstechnisch nach

Grund für den Rollstuhlhersteller, seine Rollstühle nachzurüsten und für die zweite Transportmöglichkeit testen zu lassen. Dabei wurde die Norm ISO 10542-2 berücksichtigt, die bis ins Detail vorgibt, welche Kriterien bei einem Rollstuhl- und Personenrückhaltesystem erfüllt werden müssen. Die gesamte Rollstuhlpalette wurde schließlich einem Crashtest nach ISO 7176-19 unterzogen.

Wesentlich sind dabei folgende Elemente: Im Fahrzeug wird der Rollstuhl in der Regel an mehreren Befestigungspunkten mit Gurten gesichert und für den Passagier muss ein so genannter Dreipunktgurt verwendet werden. Für manuelle Rollstühle reichen Vier-Punkt-Rückhaltesysteme, für die schwereren Elektrorollstühle dagegen sind Sechs-Punkt-Rückhaltesysteme vorgeschrieben.

„Bei einem Aufprall werden zwei Bereiche besonders beansprucht“, weiß Weis. „Zum einen der vordere Sitzbereich und somit die Lenkräder wenn die Puppe nach vorne aufschlägt, und zum anderen ist das der komplette Rückenbereich durch den Rückprall der Puppe.“

Deutliches Zeichen für mehr Sicherheit

„Aus diversen dynamischen Testen wissen wir, dass der Rollstuhl bislang das technisch schwächste Glied bei der Beförderung war“, bestätigt Gerit Bruns. Bruns ist Geschäftsführer von AMF Bruns, Deutschlands größtem Umbauer rollstuhlgerechter Fahrzeuge und europäischer Marktführer für Equipment rollstuhlgängiger Fahrzeuge.

Fotoausschnitt am hinteren Befestigungspunkt des Quickie mit zwei Gurten
Beim Quickie Groove M müssen am hinteren Befestigungspunkt zwei Gurte pro Seite eingesetzt werden (Foto: Sunrise Medical)

Bruns ist ebenfalls Mitglied der Ausschüsse DIN 75078 und ISO WG 6. Diese Ausschüsse geben die Kriterien für Fahrzeuge für mobilitätseingeschränkte Personen sowie für Personen- und Rollstuhlbefestigungssysteme in Fahrzeugen vor.

Deshalb begrüßt Bruns, dass alle Rollstuhlhersteller – und nun auch Sunrise Medical – „einen gewissen Anteil ihrer Rollstühle einem Crashtest unterziehen“.

„Somit erfahren Personen im Rollstuhl auf alle Fälle deutlich mehr Sicherheit bei der Beförderung in Fahrzeugen“, sagt Bruns. Dennoch seien immer noch etwa 30 Prozent der Rollstühle für diesen Einsatz ungeeignet, da diese aufgrund von individuellen Anpassungen wie beispielsweise einer Sitzschale einen Crashtest nicht bestehen würden. „Da die Anzahl der möglichen Umbauten nahezu grenzenlos ist, wäre es allein wegen des Aufwands nicht möglich, alle zu crashen.“

Schmaler Grat zwischen Biegsamkeit und Stabilität

Bei Sunrise Medical folgte man für die Konstruktion der Rollstühle einem Prinzip, der auch bei der Automobilindustrie zum Einsatz kommt: So genannte erlaubte Deformation. Dadurch wird die Aufprallenergie aufgefangen. Dabei wird auf weichere, zähere Materialien zurückgegriffen, die plastische Deformation zulassen. Spröde, harte und zu steife Stoffe würden durch die Aufprallkraft sofort brechen.

„Gleichzeitig darf die Deformation zum Beispiel am Rücken nicht zu groß werden, da ansonsten ein aufrechtes Sitzen der Puppe nach dem Aufprall nicht mehr erfüllt wird. Diesen schmalen Grat gilt es auszuloten“, sagt Weis.

„Weiter muss zum Beispiel nach dem Crash die Puppe noch aufrecht in einem bestimmten zulässigen Bereich im Rollstuhl sitzen und darf diesen nicht verlassen haben. Der Rücken des Rollstuhles darf nicht abgebrochen sein. Oder es dürfen durch den Aufprall keine Rollstuhlteile, die schwerer als 100 Gramm sind, vom Rollstuhl getrennt werden“, zählt Weis die weiteren Anforderungen auf.

Größtmögliche Sicherheit heutzutage

Nach „intensiver Forschungs- und Entwicklungsarbeit“ können nun nahezu alle Sunrise Medical-Rollstühle der Marken Sopur, Quickie, Breezy und Zippie für diesen Zweck zum Einsatz kommen. Ob Ihr Rollstuhlmodell diesen Sicherheitsstandard auch erfüllt, können Sie in dieser PDF-Datei auf den Seiten 9 bis 13 nachsehen (Link zur PDF-Datei).

„Mehr Sicherheit kann man bei dem heutigen Stand der Technik bei einem Frontaufprall nicht bieten“, sagt Bruns. Trotzdem ist nun noch nicht alle Gefahr gebannt. Denn es können längst nicht alle im Straßenverkehr möglichen Umstände über fiktive Labortests darstellbar sein, so Sunrise Medical. Deshalb rechnet Bruns für die nahe Zukunft mit neuen Sicherheitslösungen für den Fall des Heckaufpralls.

„Wenn man sieht, was in der Automobilindustrie alles passiert ist – vom Airbag, Seitenaufprallschutz, Knautschzonen, Steuerräder, die durch Stahlseile vom Fahrer gezogen werden und vieles mehr – dann sind der Phantasie auch bei der Behindertenbeförderung keine Grenzen gesetzt“, ist sich der Sunrise Medical-Testingenieur Weis sicher.


Text: Thomas Mitterhuber – 03/2011

Fotos: Sunrise Medical

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