Mobilität trotz Handicap

(Quelle: unsplash@pixabay.com)
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Einschränkungen – na und?!

Dank unseren Errungenschaften in Wissenschaft, Forschung und Technik ist das Leben für die meisten Menschen in den westlichen Industrieländern ein bedeutend längeres geworden. Eine bessere Ernährungslage ohne Hungersnöte und regionale Friedenszeiten in denen die Bevölkerung nicht um ihr Leben gebracht wird, bilden die Grundlage für weitere Faktoren des höheren Lebensstandards, wie gestiegene Einkommen, der medizinische Fortschritt und neue technische Entwicklungen.

Wer glaubt da nicht an die Möglichkeiten der heutigen Technik und ist hoffnungsvoll auf die zukünftigen Entwicklungen, die unser aller Leben angenehmer und lebenswerter machen? Diese Grunderfahrung und Einstellung zum Leben setzt sich immer tiefer ins Unterbewusstsein, bei vielen sogar klar ins Bewusstsein und bestimmt somit ihr Selbstverständnis und verändert dadurch die Lebenswirklichkeit gleich mit.

Die Lebenserwartung steigt um 3 Monate pro Jahr

Ohne bis in die Steinzeit zurück zu blicken, zeigt bereits die Entwicklung des Lebensalters seit dem 19. Jahrhundert eine rasante Steigerung. In Mitteleuropa ist die Lebenserwartung seit 1840 um ganze 40 Jahre gestiegen. Nach einer Studie von Prof. James W. Vaupel vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung, kann die Auswertung auf eine einfache Formel gebracht werden, in der die Zunahme der Lebenserwartung in den Industrieländern um satte drei Monate pro Jahr ansteigt.

Somit beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung im Jahr 2015 bei neugeborener Jungen 77 Jahre und 9 Monate, entsprechend für neugeborene Mädchen 82 Jahre und 10 Monate. Manch Glückliche erlangen sogar ein nahezu biblisches Alter von 120 Jahren. Nur offensichtlich ist es bei all dieser gestiegenen Lebenszeit dem einzelnen Menschen besonders wichtig, das Dasein mit möglichst hoher Qualität, Freude und individuellen Möglichkeit zu erleben.

Mehr Lebensqualität im letzten Drittel

Mit der gestiegenen Lebenserwartung steigt gleichzeitig die Erwartung an die Lebensqualität vor allem für die Zeit jenseits der Erwerbstätigkeit. In der sozialwissenschaftlichen Forschung und im Marketing ist der Begriff „Best Ager“ eine feste Kategorie geworden, um den Bedürfnissen dieser Gruppe Rechnung zu tragen. Die einstigen Alten und Rentner existieren nicht mehr. Die offiziellen „Senioren“ heißen jetzt ganz ‚trendy‘ Generation 50plus, Silver Ager, Third Ager, oder gar Master Consumer, da diese über erhebliche Lebenslust und das oft dafür notwendige Kapital verfügen.

Ihre Vorstellungen und Ansprüche entwickeln sich ebenso differenziert und kontinuierlich weiter, wie in anderen Gesellschafts- und Zielgruppen. Vergleichbar sehen wir in den Medien und Verbänden heute deutlich aktivere und lebensbejahendere Menschen trotz des einen oder anderen Handicaps als jemals zuvor. Sie leben das voll aus, mit erstaunlicher Bestimmtheit, Freude und Kampfgeist.

(Quelle: tpsdave@pixabay.com)
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Die Paralympics 2015 mit der Ausstellung „Sport ohne Limit“ waren jüngst Zeuge der beeindruckenden Entwicklung des Behindertensports und dessen zunehmende gesellschaftliche Relevanz.

Die Lust auf Mobilität und Selbstbestimmung

Die Lust auf und Notwendigkeit von Mobilität und Selbstbestimmung wird immer grundlegender in modernen Gesellschaften. Daher ist die Mobilität eines der bedeutendsten Themen für Jung und Alt, weniger oder mehr Mobilitätseingeschränkte. Ein Recht auf Mobilität entspricht den Bedürfnissen und den Vorstellungen von Selbstbestimmung als Grund-und Menschenrecht. Daraus erwächst eine staatliche Verantwortung gegenüber jedem Bürger, ein angemessenes Maß an Mobilität bereit zu stellen, wie beispielsweise der nachträgliche Einbau von Aufzügen und weitere Bereiche der Barrierefreiheit im öffentlichen Personennahverkehr der Bahn belegen.

Die Umrüstung von Fahrzeugen gewinnt immer mehr an Bedeutung für die Entwickler und Ingenieure, der auf diese Zielgruppe spezialisierten Anbieter. Längst haben nicht mehr nur Unternehmen für Rollstühle verschiedene Modelle und Baukasten-Variationen im Programm, die auf den einzelnen Nutzer angepasst werden. Fahrzeuganpassungen folgen dem Meta-Trend ‚Customization‘ und werden daher mittlerweile von den Entscheidern großer Hersteller ernst genommen. Karl Bernhard Beckerle, Leiter des Bereiches Sonderfahrzeuge bei Opel in Rüsselsheim schätzt die Zahl der Umrüstungen auf jährlich etwa 10.000 bis 15.000 Fahrzeuge.

Auch im privaten Umfeld gewinnt die Lust auf Mobilität und Selbstbestimmung immer mehr an Bedeutung. Jeder zweite Deutsche über 40 möchte im Alter in seinen derzeitigen vier Wänden wohnen bleiben. Rund ein Viertel hat dies, laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Innofact im Auftrag von ThyssenKrupp, auch bereits barrierefrei ausgestattet. Ein weiteres Viertel sieht eine Anpassung, zum Beispiel durch die Installation eines Treppenlifts, als notwendig an. Barrierefreies und altersgerechtes Wohnen wird somit zu einer der dringlichen Herausforderungen und Chancen.

(Quelle: geralt@pixabay.com)
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Die frohe Botschaft zukünftiger Mobilität

Die stetig zunehmenden Angebote, Produkte und Dienstleistungen sind die frohe Botschaft für zukünftige Mobilität trotz Handicaps oder Alterseinschränkungen; obwohl in diesem Bereich noch viel Luft nach oben ist und insbesondere im Service und der Finanzierung als Hilfe für Benachteiligte und Schwächere noch einiges im Argen liegt.

Doch zum Glück wandelt sich der öffentliche Diskurs vom alten Schlagwort der ‚Integration‘ zum neuen Begriff der ‚Inklusion‘. Denn Integration ging von einer statischen, vorgegebenen Gesellschaft aus, in die integriert werden sollte. Inklusion hingegen fordert die Wertschätzung und Anerkennung von Diversität und Veränderung. Diese Unterschiedlichkeit ist eher an der Realität orientiert und sollte durch frühe pädagogische Maßnahmen für Alle als Bereicherung erlebt werden.

Dieser Paradigmenwechsel zur Inklusion in unserer Gesellschaft, gestützt auf die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen verändert nach und nach die Sichtweise auch für Unternehmer, Entwickler und Designer.

Quellen:

Statistisches Bundesamt, Wiesbaden https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2015/04/PD15_143_12621.html
Max-Planck-Institut für Demografische Forschung, Rostock http://www.demogr.mpg.de/de/abteilungen/altern_und_langlebigkeit_12/details.html
Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn http://www.bpb.de/partner/akquisos/211789/links-und-literatur