Die Kinderhilfsmittel-Versorgung in Deutschland

Ein Kinder mit einer Behinderung zusammen mit seinem Vater und seiner Schwester (Foto: ClipDealer)
Eine optimale Hilfsmittelversorgung für Kinder mit einer Behinderung ist eine große Herausforderung. (Foto: ClipDealer)

Die Hilfsmittelversorgung von Kindern mit einer Behinderung ist eine große Herausforderung. Nur eine enge Zusammenarbeit aller am Versorgungsprozess Beteiligten ermöglicht eine optimale, den Entwicklungsprozess des Kindes positiv unterstützende Hilfsmittelversorgung.

Die bestmögliche Hilfsmittelversorgung von Kindern mit einer Behinderung sollte in unserer Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit sein. In Tat und Wahrheit präsentiert sich die heutige Versorgungssituation aber komplex. Die Bedürfnisse sind verschieden und vielfältig und die hohen Kosten und rechtlichen Vorgaben erschweren die optimale Hilfsmittelversorgung der Kinder mit Behinderung ebenso.

Gerade die Kosten sind eines der Hauptprobleme, denn Hilfsmittel, vor allem individuell gefertigte, sind nicht billig. Den Fokus allein auf die Wirtschaftlichkeit zu richten, führt aber nicht zu einer optimalen Hilfsmittelversorgung. Im Gegenteil, Fehlversorgungen im Kleinkindalter führen unter Umständen zu einer Verstärkung der Behinderung und somit zu einer Kostenexplosion, ist Experte Martin Bischoff überzeugt.

Gemeinsam die Situation von behinderten Kindern verbessern

Bischoff arbeitet seit 20 Jahren für den Fachbetrieb für Rehabilitationstechnik Ulrich Maltry e.K., einem der 21 Gesundheitsfachbetriebe mit einem Schwerpunkt in der Hilfsmittelversorgung von Kindern, die sich zur pädiVital zusammengeschlossen haben. Sie arbeiten gemeinsam daran, die Situation von Kindern mit einer Behinderung zu verbessern und innerhalb der Gesellschaft ein breiteres Verständnis für Kinderversorgungen zu erreichen.

"Ein Problem in der Qualitätssicherung der Hilfsmittelversorgung von Kindern ist, dass einzelne Krankenkassen über Internetportale Aufträge nach dem umgekehrten Auktionsprinzip vergeben. Das bedeutet nichts anderes, als dass der, der am preisgünstigsten anbietet, den Versorgungsauftrag erhält. Und dass, ohne das Kind vorab nur einmal gesehen zu haben", erklärt Bischoff und fährt fort: "So kann eine qualitativ hochwertige Hilfsmittelversorgung nicht gewährleistet werden."

Behindertenrechtskonvention als Herausforderung

Eine neue Herausforderung ist mit der Umsetzung der Behindertenrechtskonvention zur Inklusion von Menschen mit Behinderung entstanden. Der daraus resultierende Umbau der Bildungsstrukturen, das heißt die Beschulung in Regelschulen, führt zu neuen Anforderungen bei der Steuerung des gesamten Versorgungsprozesses von behinderten Kindern. Da Bildung in Deutschland Ländersache ist, sind die Inklusionsquoten in den Schulen höchst unterschiedlich, von voller und gleichberechtigter Ausübung aller Menschenrechte und Grundfreiheiten kann im Bildungsbereich aber noch keine Rede sein.

Ein Schulranzen mit Büchern, Heften und einem Pausenapfel
Die Beschulung in Regelschulen führt zu neuen Anforderungen bei der Steuerung des gesamten Versorgungsprozesses von behinderten Kindern. (Foto: DAK/Schläger)

Koordination aller Beteiligten unabdingbar

Für Harald Fischer vom Sanitätshaus Fuchs & Möller GmbH, Mannheim, besteht hinsichtlich Inklusion und Hilfsmittelversorgung von Kindern noch erheblicher Klärungs- und Nachholbedarf. Noch seien zukünftige Versorgungsprozesse ungeklärt, sagte er anlässlich eines pädiVital-Forums auf der REHACARE in Düsseldorf. Um diese Versorgungsprozesse nicht nur aus Kostengründen so effizient wie möglich zu gestalten, sei eine Koordination der am Versorgungsprozess Beteiligten unabdingbar.

Dies unterstützt auch Martin Bischoff: "Durch eine enge Zusammenarbeit aller am Versorgungsprozess Beteiligten (Ärzte, Therapeuten, Eltern) wird eine optimale, den Entwicklungsprozess des Kindes positiv unterstützende Hilfsmittelversorgung erreicht."

"Im Rahmen der Beratung werden die Bedürfnisse der Kinder bzw. Jugendlichen und Eltern ermittelt. Auf Wunsch werden von den pädiVital-Mitgliedern Hilfsmittel kostenlos zu Probezwecken zur Verfügung gestellt. Dadurch ist es den Beteiligten möglich, sich für die geeignete Lösung zu entscheiden. Somit kann eine den therapeutischen Ansprüchen sowie den Bedürfnissen von Kindern und Eltern im Alltag entsprechende Hilfsmittelversorgung gewährleistet werden", erläutert Bischoff.

Krankenkassen wichtiger Teil des Versorgungsprozesses

Neben der Zusammenarbeit mit Ärzten, Therapeuten und Eltern ist der Kostenträger - also die Krankenkasse - ein maßgeblicher Bestandteil des Versorgungsprozesses. Martin Bischoff: "Spezielle Verträge zur Kinderversorgung ermöglichen einen hohen Qualitätsstandard zur Unterstützung und Förderung der Kinder und Jugendlichen mit Hilfsmitteln. pädiVital setzt sich in Vertragsverhandlungen dafür ein. Erste Erfolge konnten hier zum Beispiel mit der Techniker Krankenkasse erzielt werden."

Hilfsmittelversorgung im Netzwerk

Wie ein gut koordinierter Prozess mit einer Versorgung im Netzwerk aussehen könnte, hat Dr. Thomas Becher vom Kinderneurologischen Zentrum Düsseldorf Gerresheim am pädiVital-Forum auf der REHACARE präsentiert. Das CP-Netz NRW hat sich 2011 zusammengefunden und will die Versorgungsqualität aller Patienten mit Cerebralparese in Nordrhein-Westfalen verbessern. Anhand bestehender Leitlinien entwickeln die teilnehmenden Ärzte und Institutionen eine neue modulare Versorgung mit definierten Qualitätsanforderungen. "Bisher orientierten sich Versorgungsstrukturen eher an Berufsgruppen und Hierarchien, nicht am Patienten", konstatierte er.

"Versorgungspfad" führt zur bestmöglichen medizinischen Versorgung

"Unser Konzept dagegen teilt den hochkomplexen Gesamt-Behandlungsprozess in kleine begrenzte fachspezifische Einheiten auf, aus denen ein Gesamtprozess rekonstruiert und auf eine zeitliche Schiene gesetzt wird." So bekommen die Patienten einen Versorgungspfad mit der bestmöglichen medizinischen Versorgungsqualität, der durchgängig von einem Arzt koordiniert werden soll. Gleichzeitig erhalten die am Versorgungsprozess Beteiligten einen roten Faden, der festlegt, in welcher Weise sie im interdisziplinären Konsens therapieren, dokumentieren und kommunizieren.

"Wir möchten über dieses Konzept mit den Krankenkassen verhandeln und streben direkte Verträge für die verbindliche Versorgung der Patienten mit Cerebralparese in Nordrhein-Westfalen an", erklärte er. "Unsere ersten Erfahrungen sind so positiv, dass wir dieses Projekt unbedingt weiterentwickeln und weiterführen wollen."

pädiVital-Netzwerk seit 2011 in die rehaVital eingebunden

pädiVital wurde 1997 gegründet um einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch vorzunehmen und gemeinsam die Grundlagen für die Beschaffung zu definieren. In der Zwischenzeit ist die Gemeinschaft auf 21 Betriebe angewachsen und bildet so ein bundesweites Netzwerk hochqualifizierter Mitgliedsunternehmen. Seit 2011 ist die pädiVital in die rehaVital eingebunden.

Martin Bischoff: "Ein regelmäßiger Erfahrungsaustausch ist nach wie vor ein wichtiger Bestandteil der Zusammenarbeit. Die pädiVital engagiert sich aber auch in Vertragsverhandlungen mit Krankenkassen, um eine optimale Versorgungsstruktur aufzubauen. Weiter wurde in den vergangenen Monaten ein Fortbildungskonzept entwickelt, welches auch nicht-rehaVital- bzw. pädiVital-Betrieben angeboten werden soll."

Auf der Internetplattform können sich Interessierte über pädiVital informieren. pädiVital arbeitet eng mit MyHandicap zusammen. Im MyHandicap-Forum können sich Betroffene und Angehörige ihre Fragen zu Versorgungsprozessen von Experten der pädiVital-Mitglieder beantworten lassen.

 

Text: Patrick Gunti - 11/2012

Fotos: ClipDealer / DAK

Sie haben noch Fragen? Stellen Sie diese gleich hier im Forum!

Links zu diesem Artikel