Wenn man weder hören noch sehen kann: Taubblindheit

Schwarzweißfoto von der erwachsenen Helen Keller auf dem Schoss von Anne Sullivan sitzend (Foto: Library of Congress)
Die taubblinde Helen Keller führte ein weitgehend selbstbestimmtes Leben - zusammen mit ihrer Lehrerin und Assistentin Anne Sullivan. (Foto: Library of Congress)

Als berühmtester taubblinder Mensch gilt Helen Keller. Sie meisterte mit ihrem doppelten Handicap ein Studium und bereiste die Welt. Dennoch ist Taubblindheit heute noch mit vielen Hürden verbunden.

Taubblindheit ist eine doppelte Behinderung, deren Ausmaße auf den Alltag sich jedoch nicht bloß aufsummieren, sondern ihn erheblich erschweren, in nahezu allen Lebensbereichen.

Denn während hörbehinderte Menschen stark auf das Sehen und sehbehinderte Menschen auf das Hören angewiesen sind, fallen diese beiden Sinne bei taubblinden Menschen weg. Dies führt dazu, dass sie teilweise andere Hilfsmittel und spezielle Formen von Unterstützung benötigen.

Erst im Jahre 2012 erkannte der Deutsche Bundestag Taubblindheit als eigenständige Behinderungsform an. Weil "eine Kombination der vorhandenen Merkzeichen im Schwerbehindertenausweis „Bl“ (blind) und „Gl“ (gehörlos) nicht bei allen Betroffenen möglich" sei, wird seit einigen Jahren ein eigenes Merkzeichen im Schwerbehindertenausweis gefordert (TBl).

Verbreitete Ursache: Usher-Syndrom

Grundsätzlich wird zwischen angeborener und erworbener Taubblindheit unterschieden. Bei letzterer kommen noch weitere Differenzierungen hinzu, etwa ob der Sinnesverlust vor oder nach dem Spracherwerb erfolgte oder ob dies im hohen Alter geschah. Für Taubblindheit existieren viele verschiedene Ursachen, wobei die bekannteste das sogenannte Usher-Syndrom ist. Schätzungen zufolge leben in Deutschland etwa 5.000 Menschen mit dem Usher-Syndrom. Hierbei handelt es sich jedoch oft nicht um eine vollständige Erblindung, sondern um eine schleichende Einschränkung des Sichtfeldes.

Das Usher-Syndrom wird in drei Typen aufgeteilt. Beim ersten Typ sind die Betroffenen von Geburt an und die Erblindung beginnt etwa ab dem zehnten Lebensjahr. Usher-Typ-2-Betroffene dagegen bleiben ihr Leben lang hochgradig schwerhörig und in der Pubertät beginnen sie, ihr Augenlicht zu verlieren. Bei der dritten, weitaus selten vorkommenden Gruppe setzt der Verlust an der Hör- sowie Sehfähigkeit erst später ein, etwa ab der zweiten Lebenshälfte.

Brailleschrift auf Papier (Ralph Aichinger/pixelio.de)
Die Brailleschrift stellt für taubblinde Menschen einen möglichen Zugang zur Sprache dar. (Ralph Aichinger/pixelio.de)

Der Alltag von taubblinden Menschen

Wie die Lebensgestaltung eines taubblinden Menschen aussieht und welche Hilfsmittel er benötigt, hängt zudem stark davon ab, in welcher Reihenfolge der Betroffene die beiden Sinne verliert. War er beispielsweise zunächst nur taub und erblindete später, so fühlt er sich in der Regel der Gehörlosen- beziehungsweise Gebärdensprachgemeinschaft zugehörig und wendet oft das Taubblindenalphabet Lormen und / oder taktile Gebärden.

Taktile Gebärden sind eine leichte Abwandlung von der eigentlichen Gebärdensprache, mit dem Unterschied, dass der taubblinde Empfänger seine Hände leicht auf die des Gebärdenden legt und so die Gebärden wahrnehmen kann. Zur Buchstabierung von Namen oder Wörtern kann auf das Lormenalphabet zurückgegriffen werden, bei diesem eine bestimmte Fingerberührung auf der Handinnenfläche einen Buchstaben bedeutet.

Kommunikation über Braille, Lormen und taktile Gebärden

Geschieht die Erblindung jedoch vor dem Hörverlust, ergibt dies eine ungleich schwierigere Situation, da der Zugang zur Sprache erheblich eingeschränkt wird (Töne können nicht wahrgenommen werden; kein Zugang vormals zur Gebärdensprache). Hier spielen daher blindenspezifische Hilfsmittel eine größere Rolle. Manchmal wird aber auch versucht, bei einer Späterblindung / -ertaubung mit verwertbaren Hör- beziehungsweise Sehresten zu arbeiten, so dass sich etwa der Einsatz einer Leselupe oder einer Hörhilfe ermöglicht.

Auch die Brailleschrift wird in der Regel von taubblinden Menschen erlernt. Bei dieser stehen abtastbare Punktmuster im Papier für einzelne Buchstaben, welche mit den Fingern abgelesen werden können.

Eines ist den meisten taubblinden Menschen gemeinsam: Sie benötigen für eine selbstbestimmte Lebensführung eine Assistenz, wie sie Helen Keller in der Person von Anne Sullivan hatte. In Einzelfällen wurden speziell ausgebildete Taubblindenassistenzen finanziert, dennoch ist diese Form von Unterstützung noch nicht selbstverständlich und muss hart erkämpft werden.

 

Text: Thomas Mitterhuber – 03/2012

Fotos: Library of Congress, pixelio.de

Sie haben noch Fragen? Stellen Sie diese gleich hier im Forum!