Gebärdensprache: Grammatik und erster Kontakt

Daumen hoch
"Alles ok!" - dieses Handzeichen ist eine der wenigen, die auch nichtgehörlose Menschen verstehen (Thommy Weiss/pixelio.de)

Eines der verbreitetsten Irrtümer ist die, dass die Gebärdensprache international gültig ist. Warum das nicht stimmt und viel mehr erfahren Sie hier.

Trotz zahlreicher Aufklärungskampagnen wie zum Beispiel durch den Deutschen Gehörlosenbund (DGB) hat die Gebärdensprache auch heute noch gegen einige Vorurteile kämpfen.

Zwei gängige Annahmen, die kaum totzukriegen sind, sind „Gebärdensprache ist keine vollwertige Sprache“, und „Gebärdensprache ist international!“.  

Doch spätestens seit dem amerikanischen Sprachwissenschaftler William C. Stokoe, der 1960 als erster die Amerikanische Gebärdensprache (American Sign Language: ASL) untersucht hat, ist klar, dass es sich bei der Gebärdensprache um eine natürliche Sprache handelt, mit eigener Grammatik, eigenen Sprichwörtern und sogar eigenen Dialekten.

Wie bei den verschiedenen Dialekten in der Deutschen Lautsprache versteht man sich auch in den gebärdensprachlichen Dialekten problemlos. Auch länderübergreifend versteht man einander mehr oder weniger gut.

Vollwertige Sprache mit eigener Grammatik

Es gibt nicht, wie häufig angenommen, für jedes Wort in der Lautsprache eine entsprechende Gebärde. Aufgrund der visuellen Basis folgt die Gebärdensprache einer vollkommen eigenständigen Grammatik, die sich zum großen Teil sehr von der der Lautsprache unterscheidet.

Jugendliche gehörlose Menschen haben genauso einen „Slang“ wie hörende und finden die Gebärdensprache der Erwachsenen natürlich altmodisch. Das Ergebnis von Stokoes Arbeit war das 1965 veröffentlichte „A Dictionary of American Sign Language (ASL) on Linguistic Principles“, das erste linguistische Standardwerk der Gebärdensprache überhaupt.

Inzwischen gibt es zahlreiche weitere Grammatikbücher von verschiedenen Gebärdensprachen, in Deutschland wird sie vor allem am Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser in Hamburg erforscht und gefördert. Die Gebärdensprache ist nämlich nicht international. Jedes Land, sogar jede Region hat ihre eigene.

Die Verbannung der Gebärdensprache

Mitte des 18. Jahrhundert bildeten sich in der Gehörlosenpädagogik zwei sehr unterschiedliche Methoden heraus – die Französische, auf Schrift und Gebärden basierend, und die Deutsche Methode, die ausschließlich die Anwendung der Lautsprache, durch mühsames Lippenablesen erlernt, zuließ. Letztere Methode, die die vollständige Integration der Gehörlosen in die Welt der Hörenden zum Ziel hatte, hat jedoch den großen Nachteil, dass mehr Wert auf die perfekte Artikulation als auf die inhaltliche Bedeutung des Wortes gelegt wurde.

Diese beiden sehr unterschiedlichen Methoden führten zu einem Methodenstreit, der 1880 in den Mailänder Kongress gipfelte.  

Auf dem Mailänder Kongress 1880 beschlossen (ausschließlich hörende) Gehörlosenlehrer offiziell, nur noch die orale Unterrichtsform – also die Deutsche Methode – für die Gehörlosenschulen in Europa anzuwenden. Im Anschluss an diesen Kongress wurde die Gebärdensprache in vielen europäischen Ländern verboten. Einzig Amerika weigerte sich, diesen Beschluss zu unterschreiben.

Gebärdensprachliche Universität in Deutschland?

In Amerika ist nicht zuletzt deswegen die bisher einzige Universität weltweit, die ausschließlich in Gebärdensprache geführt wird. In Deutschland wird gerade alles in die Wege geleitet, um die erste europäische Gebärdensprach-Universität zu gründen. Eröffnen soll die neue Uni im Jahr 2013. Im ersten Schritt wird es eine private Spezialuniversität sein, Ziel sei aber die Verstaatlichung und europäische Anerkennung.

Mehr als 100 Jahre lang wurden die gehörlosen Menschen in Europa gezwungen, sich den hörenden Menschen anzupassen. Die Gebärdensprache konnte sich meist nur heimlich weiterentwickeln. Kindern wurde im Unterricht die Hände hinter den Rücken gebunden und drakonische Strafen angedroht, nachzulesen der Publikation „Weisst Du noch wie es früher war ... mit den Strafen?“ von Jutta Gstrein.

Dieses dunkle Kapitel fand erst im Sommer 2010 einen offiziellen Abschluss. Die internationale Konferenz zur Bildung und Erziehung Gehörloser (ICED) hat am 20. Juli 2010 in Vancouver, Kanada, beschloss, die Beschlüsse des Mailänder Kongresses von 1880 aufzuheben. Man entschuldigte sich offiziell für den Entscheid von 1880.

Bleibt abzuwarten, welchen Einfluss dieser neue Beschluss auf die Entwicklung der Gebärdensprache weltweit haben wird. Die Gebärdensprache hat schon Jahrzehnte vor diesem Beschluss immer mehr an Anerkennung gewonnen und in vielen Gehörlosenschulen wird wieder vermehrt gebärdet.

Do it yourself!

Es ist nicht schwierig, in die Gehörlosenkultur einzutauchen. Alles, was man dafür braucht, ist etwas Mut und Informationen. Viel Interessantes erfährt man auch in dem Online-Portal Taubenschlag.

Am besten man springt einfach mal ins kalte Wasser und eine Veranstaltung, wo sich gehörlose, schwerhörige und interessierte Gebärdensprachbenutzer treffen und in einer lockeren Umgebung austauschen. Am einfachsten lernt man eine Sprache immer noch, indem man sie anwendet und neues dazu lernt.

Wer es „richtig“ machen will, kann einen Gebärdensprachkurs besuchen – in jeder größeren Stadt gibt es VHS-Kurse in Gebärdensprache. Die Kurse werden ausschließlich von gehörlosen Lehrpersonen geführt, nur in der allerersten Lektion hilft ein Gebärdensprachdolmetscher – den Schülern natürlich.

Neugierig geworden? Unser gehörloser Redakteur Thomas Mitterhuber beantwortet auch gerne jede Ihrer Fragen zu dem Thema.

 

Text: M. Plattner – 02/2011

Bilder: daveynin/flickr, Thommy Weiss/pixelio.de

Sie haben noch Fragen? Stellen Sie diese gleich hier im Forum!