Wenn Sehen und Hören schwächer werden

Eine ältere sehbehinderte Frau am Schachspielen. (Bild: SZB)
Soziale Kontakte, zu Angehörigen, aber auch zu Nachbarn, sind für hörsehbehinderte Menschen sehr wichtig. (Bild: SZB)

Gleichzeitig wenig sehen und hören? Immer mehr Menschen, vor allem im Rentenalter, sind im Sehen wie auch im Hören eingeschränkt. Ein Leben mit Hörsehbehinderung ist eine Herausforderung, für die betroffenen Menschen wie auch für ihr Umfeld.

Wenn Beat M. am Morgen aus dem Haus tritt, wirkt er wie tausend andere Menschen auch, die sich täglich auf den Weg zu ihrer Arbeit machen. Zielstrebig marschiert er in Richtung Bushaltestelle, steigt ein und fährt bis zu seinem Büro, holt die Post, schaltet seinen Computer an.

Doch Beat M. ist taubblind, er hat das Usher-Syndrom. Von Geburt an gehörlos verfügt er nur noch über einen kleinen Sehrest, sein Gesichtsfeld ist röhrenförmig eingeschränkt. Den Weg zum Bus findet er mit Hilfe des Blindenführhundes Orion. Die Bushaltestelle, an der er aussteigen muss, hört er nicht durch die Ansage. Er weiß aber, wie lange er bis zum Aussteigen warten muss. Im Büro scannt er alle Dokumente ein und lässt die Schrift von digitalen Hilfsmitteln vergrößern und kontrastieren, so dass er etwas erkennen kann. Beat M. hat sich auf ein Leben mit Taubblindheit eingestellt.

Hörsehbehinderung: eine eigene Behinderungsform

Von Taubblindheit und Hörsehbehinderung spricht man, wenn eine Person gleichzeitig erheblich seh- und hörgeschädigt ist. Einige Menschen sind gehörlos und blind, andere haben noch ein nutzbares Hör- oder Sehpotential. Doch die Kombination von beidem macht das Leben für taubblinde und hörsehbehinderte Menschen erst richtig schwierig. In ihrem alltäglichen Leben haben sie mit schwerwiegenden Folgen zu kämpfen, denn sie können den einen Sinnesausfall nicht einfach durch den anderen Sinn kompensieren. Daher muss man Hörsehbehinderung als eine eigenständige Behinderungsform betrachten.

Typisch für Taubblindheit und Hörsehbehinderung sind beispielsweise die Orientierungsschwierigkeiten: Wo befindet sich der Ausgang? Wie weit ist es noch bis zum Ende des Fußgängerstreifens? – Ein zweites Problem ist die zwischenmenschliche Kommunikation. – Und nicht zuletzt liegt eine Schwierigkeit für hörsehbehinderte Menschen darin, Zugang zu Informationen zu erhalten: Sie wissen nicht, was im näheren oder weiteren Umfeld geschieht. Warum hat die Cousine beim letzten Treffen nicht gegrüßt? Hat sie ein Problem mit mir? War sie vielleicht gar nicht da oder habe ich sie einfach nicht gesehen oder gehört?

Aufgehelltes Bild einer Altstadt. (Bild: SZB)
Mit zunehmendem Alter können die Kontraste und Farben verblassen. (Bild: SZB)

Mobilität und Kommunikation sind große Hürden

Der Landwirt Franz H. bemerkte erst allmählich, dass sich das Sehen und Hören verschlechterte. Schwerhörig war er schon immer gewesen, und je älter er wurde, desto schwächer wurden die Kontraste, verblassten die Farben. Am Mittagstisch bekam er nur noch die Hälfte mit, wenn seine Familie diskutierte. Auf dem Weg zum Stall stolperte er immer öfter über Gießkannen, Besen, was auch immer im Weg stand. Er war schon im  Rentenalter, als er vieles neu lernen musste: zum Beispiel, einen PC mit Hilfsmitteln zu bedienen.

Eine Studie des Schweizerischen Zentralvereins für das Blindenwesen SZB hat im Jahr 2011 45 Interviews mit taubblinden und hörsehbehinderten Menschen in der Schweiz ausgewertet. Die Menschen wurden zu zahlreichen Themen wie Ausbildung und Wohnsituation, Kommunikationsform, Mobilität und vieles mehr befragt.

Im Alter ein großes Thema

Die Ergebnisse sind mitunter recht überraschend: So rechnet der SZB beispielsweise mit 214 geburtstaubblinden, bzw. hörsehbehindert geborenen Personen, aber schätzt die Zahl derjenigen, die im Alter über 65 hörsehbehindert werden, auf bis zu 200‘000 Personen. Hörsehbehinderung ist also in den meisten Fällen ein Prozess, der irgendwann einsetzt – und diese Verschlechterung des Sehens und Hörens verläuft oft progressiv, erfordert von den Menschen immer wieder neue Anpassungsleistungen. Diese Anpassungsleistungen brauchen Kraft.

Auch Elisabeth K. gehört zur Gruppe älterer hörsehbehinderter Menschen. Die 90-Jährige war ihr Leben lang aktiv, hatte getanzt und liebte Musik. Nun sieht sie fast nichts mehr und reagiert nur, wenn sie ihr Hörgerät angeschaltet hat. Ihre Tochter besucht sie fast täglich. Sie bemerkt, dass die Krankenhäuser schlecht auf alte Menschen mit Hörsehbehinderung ausgerichtet sind: „Wenn man ihr einfach ein Wasserglas hinstellt, bleibt sie durstig, weil sie es einfach nicht mehr sieht“, erzählt sie. Auch weßse Teller auf weißen Tischdecken sind ein Problem.

Wie kommunizieren hörsehbehinderte Menschen?

Hörsehbehinderte Menschen setzen zahlreiche Strategien ein, um mit ihren Mitmenschen kommunizieren zu können. Bei den hörsehbehinderten Menschen spielt das Ausnutzen des Restgehörs eine zentrale Rolle. Optimale Versorgung mit Hilfsmitteln für das Auge und das Ohr ermöglichen das Ausnutzen der Restsinne, so dass man noch so lange wie möglich in der gewohnten Kommunikationsform kommunizieren kann. Genügt das nicht mehr, werden zusätzliche Techniken für die Kommunikation erlernt. Trotzdem bleiben Schwierigkeiten bestehen: Gespräche in Gruppen können hörsehbehinderte Menschen fast nicht folgen, und der häufige Umgebungslärm tut sein übriges. Am wichtigsten ist daher das Gesprächsetting: eine ruhige Umgebung, ein Gespräch in kleiner Gruppe und klare Regeln, wie langsames und deutliches Sprechen. Letztlich sind die Bedürfnisse hörsehbehinderter Menschen sehr individuell, und man tut am besten daran, sich direkt zu erkundigen, wie man mit ihnen am besten spricht.

Hörsehbehinderung kommt in einer Gesellschaft immer häufiger vor, in der immer mehr Menschen immer älter werden. Wenn eine Hörsehbehinderung aber als solche erkannt wird, können auch das Umfeld sowie die Institutionen und Angebote der Behindertenhilfe auf die besonderen Bedürfnisse der betroffenen Menschen eingehen. Nur so kann der Gefahr des sozialen Rückzugs begegnet werden, der Menschen mit Hörsehbehinderung in besonderem Masse ausgesetzt sind.

 

Text: Ann-Katrin Gässlein und Tina Aeschbach – 04/2014
Bilder: SZB

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