Unbehindertes Erleben mit Musiktherapie

Prof. Dr. David Aldridge und Prof. Dr. Lutz Neugebauer, die Gründer der Fördergesellschaft für Musiktherapie in Witten und Umgebung e.V. (Foto: Lutz Neugebauer)
Prof. Dr. David Aldridge (links) und Prof. Dr. Lutz Neugebauer (rechts) gründeten 2005 die Fördergesellschaft für Musiktherapie in Witten und Umgebung e.V. (Foto: Lutz Neugebauer)

„Mit Musik geht alles besser“. Musiktherapeuten unterstreichen diese Aussage. Musiktherapie kann die Entwicklung und Prognose eines Menschen mit Handicap wesentlich verbessern.

Silvia D. war 21, als ihre Spitzfüße operiert wurden. Die Operation war für sie ein schwerer Eingriff. Sie hatte sich zu der Operation überreden lassen und war mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Starke Schmerzen und Beine, die Silvia D. am liebsten abschneiden wollte, bestimmten ihr Leben. Psychotherapie wollte sie keine machen. „Mir taten doch nur die Füße weh, ich war nicht verrückt“, erzählt die junge Frau. Als sie von der Möglichkeit einer Musiktherapie erfuhr, war sie sofort begeistert dabei.

Gerne erinnert sich die heute 24-Jährige an ihre Therapiestunden zurück: „Während der Musiktherapie verspürte ich keine Schmerzen. Sie waren wie weggeblasen.“ Nach einem Jahre endete die Therapie. Silvia D. spielt heute in einer Band Rhythmusinstrumente. Obwohl sie ab und zu immer noch Schmerzen verspürt, hat sie gelernt, ihre Füße zu akzeptieren. Jetzt ist die Musik ihr Leben, nicht mehr die Schmerzen.

Traumaverarbeitung durch positive Erlebnisse

„Musik ist ein Bereich, in dem der Mensch unbehindert leben kann“, sagt Professor Doktor Lutz Neugebauer, Mitbegründer des Nordoff/Robbins Zentrum Witten und Vorstandsmitglied der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft. „Durch die positiven Erlebnisse, die ein Mensch in einer Musiktherapie erfährt, kann er seine traumatischen Erlebnisse anders verarbeiten als bei sprachlich orientierten Therapien“, ist Neugebauer überzeugt. 

Die meisten Musiktherapeuten in Deutschland arbeiten „aktiv“. Sie motivieren den Klienten zum Musizieren. Dadurch wird er therapiert. Bei der rezeptiven Musiktherapie wird die therapeutische Wirkung durch das Hören von Musik erzielt.

Die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft versteht Musiktherapie als eine praxisorientierte Wissenschaftsdisziplin. Diese steht in einer engen Wechselwirkung mit Medizin, Psychologie, Gesellschaftswissenschaften, Musikwissenschaft und Pädagogik. Musiktherapie kann sowohl in Einzel- als auch in Gruppensettings erfolgen, je nachdem welche Bedürfnisse abgedeckt werden sollen.

Notenschlüssel
Musik lässt unbehindert erleben (Pixelio.de, Gerd Altmann)

Die Frage der Finanzierung

„Musik hat von allen Künsten den tiefsten Einfluss auf das Gemüt, ein Gesetzgeber sollte sie deshalb am meisten unterstützen“, sagte Napoleon I. zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die deutschen gesetzlichen Krankenkassen sehen diese Unterstützungswürdigkeit in Bezug auf die Musiktherapie leider anders. Musiktherapie wird nur bei stationärer Betreuung finanziert beziehungsweise im Zuge einer Rehabilitation.

Wer Musiktherapie ambulant nutzen möchte, muss die Therapie als gesetzlich versicherter Mensch meist selbst finanzieren. „Deshalb gibt es weniger Musiktherapeuten, die in freier Praxis arbeiten, als angestellte Kolleginnen und Kollegen“, sagt Neugebauer.

Um diesem Notstand der ambulanten Musiktherapie entgegenzuwirken, gründete der Professor mit seinem Kollegen Professor Doktor David Aldridge im Jahr 2005 die Fördergesellschaft für Musiktherapie Witten und Umgebung e.V. als Träger des Nordoff/Robbins Musiktherapiezentrums. „Hier wird Forschung und Praxis betrieben“, erklärt Neugebauer.

Seit Gründung der Fördergesellschaft wurden im Musiktherapiezentrum Witten bereits tausend Menschen betreut. Zwei Drittel davon sind Kinder mit angeborenen Behinderungen oder Entwicklungsverzögerungen. Einige von ihnen kommen mit der Diagnose Autismus. Das restliche Drittel sind Erwachsene, chronisch kranke Menschen, Personen, die frisch von einer Behinderung betroffen sind und nach einem Schlaganfall, einem Unfall oder einer Diagnose wie MS eine neue Orientierung im Leben finden müssen.

Ein Kind, das auf einen Gong schlägt
Schlüsselerlebnisse der Musiktherapie werden in den Alltag mitgenommen (Pixelio.de, Dieter Schütz)

Musiktherapie blickt in die Zukunft

Musiktherapie ist immer Ressourcen und zukunftsorientiert. Menschen mit einer erworbenen Behinderung lernen zum Beispiel den Umgang mit dem Andersgewordensein. In der Musiktherapie zählt nicht die Frage: „Wie bin ich das geworden?“, sondern: „Was kann ich in Zukunft damit tun?“.

Traumatiserende Erlebnisse können durch die positiven Erlebnisse, die ein Mensch in einer Musiktherapie hat, verarbeitet werden. An diese positiven Schlüsselerlebnisse der Musiktherapie wird weiter angeknüpft. „Musiktherapie bietet die Möglichkeit der lebenspraktischen Hilfe für die Akzeptanz der erworbenen Behinderung“, erklärt Professor Neugebauer.

In Musiktherapiezentrum Witten kommt die Nordoff/Robbins Musiktherapie zur Anwendung. Die von dem Musiker Paul Nordoff und dem Sonderpädagogen Clive Robbins entwickelte Therapie findet seit über fünfzig Jahren Anwendung. Bei der Nordoff/Robbins Musiktherapie steht der musizierende Mensch mit seinen gestalterischen Möglichkeiten im Mittelpunkt. Diese Therapieform hat innerhalb der Musiktherapie große Bedeutung.

Erleben statt Reden

„Wir arbeiten in diesem Ansatz rein musikalisch. Wir brauchen das Erlebte nicht sprachlich aufarbeiten. Bei unserer Therapie reicht das Erleben“, erklärt Neugebauer den Ansatz der Nordoff/Robbins Musiktherapie.

Die Nordoff/Robbins Musiktherapie kann daher bereits in sehr frühen Phasen der Rehabilitation einsetzen. Menschen können mithilfe dieser Musiktherapieform wieder kommunizieren, bevor sie bewusst sprechen können.

Menschen mit angeborenem oder erworbenem Handicap können sich in den Selbstverwirklichungsräumen der Musiktherapie neu erfahren und entfalten. Sie können Talente entdeckt, die ihnen vor der Therapie nicht bewusst waren. Diese positiven Erlebnisse können das Selbstwertgefühl steigern und dazu beitragen, dass sich die Entwicklung beziehungsweise die Prognose eines Menschen mit Handicap wesentlich verbessern. 


Text: MHA – 11/2010

Fotos: Lutz Neugebauer, Pixelio.de

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